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Heute ist der: 25.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT: Berlin

Mord als Kunstwerk?

Viel Kunst, wenig Krimi: Der "Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen" ist leider genauso sperrig wie sein Titel.

Was weiß die Kunsthistorikerin Anna Linde (Brigitte Hobmeier) über den toten Künstler (Dominic Raacke, re., Boris Aljinovic)? © rbb/ Hans-Joachim Pfeiffer

Er hatte alles: ein gigantisches Designer-Loft über den Dächern Berlins, einen coolen Assistenten, eine süße Muse, und mit seinen Werken machte er Millionen: Doch jetzt liegt der Künstler von Weltrang Hanns Helge tot in der schicken Friedrichstraßen-Galerie, inmitten einer Installation zum großen Thema Tod. Ein Leichenfundort als Gesamtkunstwerk gewissermaßen. Es könnte ein Unfall oder tatsächlich Selbstmord gewesen sein - in einer Art aktionskünstlerischen Mission vielleicht. Doch daran glauben die Berliner Kommissare Till Ritter und Felix Stark  nicht. Und natürlich liegen sie richtig.

Ein raffiniert inszenierter Beginn. Aber dann sind wir schon mittendrin in einem allzu schwermütigen Krimi. Beim Berliner TATORT: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen ist leider nicht nur der Titel seltsam sperrig.

Patty (Josefine Preuß), die Muse des Künstlers, ins Erwartung der Vernissage © rbb/ Hans-Joachim Pfeiffer

Wer profitiert von seinem Tod?

Den Kommissaren fällt es schwerer denn je, Verdächtige und irgendwelche Motive auszumachen. Nicht nur, weil beide mehr (Ritter) oder weniger (Stark) große Berührungsängste mit der Künstlerszene haben. Alle aus dem Umfeld schienen am Tropf des viel beschäftigen Künstlers gehangen zu haben. Wer hätte also von seinem Tod profitiert?

Am ehesten käme die Galeristin Oona von Wilm  in Frage. Schließlich steigt nach Helges Tod der Wert seiner Werke enorm. Andererseits hätte sie als seine exklusive Ausstellerin wohl mehr verdient, wenn er weiter gearbeitet hätte. Oder war es Markus Kuhn, Helges Assistent, weil er als ebenfalls talentierter Künstler nicht im Schatten des Stars stehen wollte? Und was ist mit Patty, der Muse, die halbnackt im Künstlerappartment auftaucht und dem verdutzten Stark ihren Job erklärt: "Ich sehe gut aus, stehe neben Hanns, dann hat er seine Ruhe, weil alle denken, ich bin seine Madame" - Wie viel Unerheblichkeit kann man eigentlich einem Mord gegenüberstellen?

Ein Schlüssel zum Fall könnten Wesen und Biografie sein - eines Opfers allerdings, das selbst dem Publikum ziemlich egal ist. Zu wenig weiß man über ihn, zu wenig wurde sein Charakter vertieft, und die wenigen Sätze ("Schlafen kann ich, wenn ich tot bin"), die er vor seinem Tod sagte, helfen auch nicht weiter. Armer Max von Thun: Er legte viel in wenige Augenblicke, aber eine Chance, diese Figur zu prägen, hatte er nicht ...

Oona von Wilm (Karoline Eichhorn) und Stark (Boris Aljinovic) rätseln, was die Zehn- Buchstaben- Wörter des Künstlers zu bedeuten haben. © rbb/ Hans-Joachim Pfeiffer

Mit großer Kunst überladen...

Keiner scheint Helge wirklich gekannt zu haben - nicht einmal die eigene Mutter wusste von allen Facetten ihres berühmten Sohnes, der mal als Kind, mal als eigenbrötlerischer Exzentriker beschrieben wird. Dann kommt Anna Linde ins Spiel, eine alleinerziehende Mutter, die über Helge promovierte und ihn besser zu kennen scheint als jeder andere ...

Es ist wie nicht selten beim TATORT: Ein konventioneller Krimi mit dünnem Geschichtchen wird mit Anspruch und großer Kunst überladen und bricht unter der Last ächzend zusammen. Der Fall führt in eine unangenehm unterkühlte Szene hinein und ist geprägt nicht nur von diesem einen Mord, sondern auch vom völlig unerwarteten Freitod des Onkels Ritters. Das Thema Tod schwebt über allem, dazu die artifizielle, schwer zugängliche Künstlerklientel - es ist kein leichter Fall, nicht für die Berliner Ermittler und auch nicht für die Zuschauer. Allzu zäh dreht sich die Geschichte im Kreis, und die meisten Figuren bleiben skizzenhaft, uninteressant. Am Schluss, wenn flugs das Last-Minute-Geständnis alles aufklärt, fehlt auch die Plausibilität.

...wenig Nachdenken über Tod und Vergänglichkeit

"Summer In Siam" von den Pogues erklingt mehrere Male, wenn per pseudonostalgischer Videoinstallation an den Toten erinnert wird. Ein Soundtrack zum Heulen eigentlich. Aber selbst dieser traurigen, nach purer Lebenswucht klingenden Musik gelingt es nicht, das entrückt wirkende Geschehen zu vermenschlichen. Im durchgestylten Zombieland zwischen Ateliers, Lofts und Galerien sind wenigstens Ritter und Stark als wahrhafte Charaktere auszumachen: Der eine ist in Trauer und will den Selbstmord seines Verwandten nicht wahrhaben, der andere ist gar von der schillernden Künstlerszene ein wenig angefixt. Menschlich, sympathisch, nachvollziehbar und sowieso klasse gespielt - doch keinesfalls reicht es aus, um auch nur irgendwie zum Nachdenken über Tod und Vergänglichkeit zu animieren. Viel Kunst, aber wenig Krimi!

Frank Rauscher, Teleschau-Mediendienst


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