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"Ich bin eigentlich ein ganz Lieber"

Der Kreuzberger Schauspieler über spießige Schwaben auf dem Kiez, Erinnerungen an Wolf Biermann und seine Episodenrolle im neuen Münster-"TATORT", die idealerweise nur ein Zwischenschritt ist.

"Ich habe mir den 'Goldenen Westen' immer ein bisschen goldener vorgestellt": Tobias Schenke war acht, als die Mauer fiel, an die bewegte Familiengeschichte im Wolf-Biermann-Umfeld hat er noch ein paar flüchtige Erinnerungen. Bild: Julia Baumgart/teleschau

Herr Schenke, waren Sie für die "Tatort"-Dreharbeiten zum ersten Mal in Münster?

Tobias Schenke: (lacht) Ja, zum ersten Mal. Ich bin mal auf dem Weg zum Filmfest in Emden durchgefahren, bekam aber von der Stadt nicht viel mit.

Warum lachen Sie, hat's Ihnen nicht so gefallen?

Schenke: Doch, doch. Ich fand Münster sehr süß, sehr beschaulich, viele Fahrradfahrer. Die können zwar auch nerven, wenn man selbst mit dem Auto unterwegs ist. Aber insgesamt fand ich die Atmosphäre in der Stadt sehr angenehm und gelassen. Außerdem bin ich ein Fan von Orten, wo ein bisschen Natur drum herum ist.

So würde man Sie nicht unbedingt einschätzen.

Schenke: Schon richtig, ich wohne ja in Berlin und lasse es auch gerne krachen. Ich bin durchaus auch gerne in der Szene und im Nachtleben unterwegs. Aber da ich in Kleinmachnow außerhalb Berlins aufwuchs, fühle ich mich immer ein bisschen heimisch, wenn ich in gediegene Gegenden komme. Seit ich in der Großstadt lebe, freue ich mich ehrlich gesagt auch, hin und wieder mal rauszukommen und Vögel zwitschern zu hören.

Die Pointendichte ist wie immer hoch im "TATORT" aus Münster: Silke Haller "Alberich" (ChrisTine Urspruch) versucht, ihrem Brieffreund und Ex-Häftling Andreas Lechner (Tobias Schenke) einen Job im Pathologischen Institut zu verschaffen. Bild: WDR / Willi Weber

Wo in Berlin wohnen Sie denn?

Schenke: In Kreuzberg. Das ist mein Wahlbezirk. Hier wollte ich immer hin, und hier fühle ich mich am wohlsten.

Das ehemalige DDR-Kind im Weststadtteil ...

Schenke: Ich nehme den Osten mit als schöne Erinnerung. In der Stadt fühle ich heute keine Mauer mehr, ich bin mit den anderen zusammengewachsen. Ich fühle mich in Kreuzberg wohl. Und genauso gerne laufe ich durch Prenzlauer Berg.

Da wohnt ja heute vor allem ein gentrifiziertes Westlermilieu. Viele eingesessene Berliner scheinen sich daran zu stören ...

Schenke: Also, ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Schwaben und Bayern ihre Küche mitbringen. Und sie dürfen auch gerne ihre Mentalität behalten. Aber ihre kleinstädtischen Regeln sollen sie bitte zu Hause lassen, die passen nicht nach Berlin. Wenn's darum geht, abends um zehn die Bürgersteige hochzuklappen oder nicht mehr draußen sitzen zu dürfen, dann ärgert mich das schon. Diese Stadt hat nie eine Polizeistunde gehabt, so was gibt's hier einfach nicht. - Davon abgesehen habe ich aber überhaupt nichts gegen Schwaben, die in Prenzlauer Berg wohnen (lacht).

Häufen sich denn die Ruhestörungsbeschwerden in letzter Zeit?

Schenke: Ja. In der Straße, in der ich wohne, ist das sogar verständlich, weil's durch die vielen Kneipen in der Umgebung hier öfter mal wirklich sehr laut ist. Aber eigentlich gehört so eine Kleinkariertheit hier nicht hin. Schon gar nicht nach Kreuzberg. Aber es ziehen halt immer mehr Leute aus wohlhabenden Schichten her, die den Kiez zwar trendy finden, aber trotzdem bürgerlich-gediegen leben wollen. Das passt halt nicht zusammen.

Sie haben ein gewisses Rebellen-Image. Zu Recht?

Schenke: Och, ich bin eigentlich ein ganz lieber Mensch. Was meine Arbeit betrifft, war ich sogar immer sehr fleißig und straight. Ich bin selbst gar nicht so wild wie mein Umfeld oder das, was ich gerne mache.

Szene aus dem neuen Münster-"TATORT": Endlich ist Andreas Lechner (Tobias Schenke, vorne) seinen Peiniger im Gefängnis los. Der Vollzugsbeamte Mathias Reinhard (Jürgen Rißmann) hatte Lechner in den vergangenen sieben Knastjahren hart zugesetzt. Bild: WDR/Willi Weber

Was sind das denn für wilde Vorlieben?

Schenke: Ich liebe Punkrock, gehe gerne auf Festivals und hänge mit rebellischen Typen rum. Trotzdem würde ich mich selbst nicht unbedingt als Rebell bezeichnen ...

Schule war Ihnen aber nie so wichtig, oder?

Schenke: Was heißt nicht so wichtig? Da war einfach kein Platz für übrig. Zwischen meinem 16. und 20. Lebensjahr verbrachte ich die meiste Zeit auf Filmsets. Damals drehte ich mehr als heute, da hätte ich gerne mal ein paar Urlaubstage gehabt.

Da hieß es wohl: Abi oder Karriere?

Schenke: Ja, das waren die Alternativen. Ich bin wegen der Filmerei nach der zehnten Klasse mit Realschulabschluss von der Schule gegangen. Aber ich möchte die Jahre nicht missen. Ich drehte damals Filme, die noch heute dafür sorgen, dass ich gute Rollen angeboten bekomme.

Auf der Schauspielschule haben Sie es später auch nicht lange ausgehalten.

Schenke: Das war eher ne Alibi-Geschichte. Ich war auf einer Privatschule, die mir etwas zu oft zum Drehen freigab. Ich war damals 16, 17 und hatte meine große Zeit mit vielen Kinorollen. Die waren dann natürlich im Zweifelsfall wichtiger. Im Unterricht tauchte ich deshalb nur ab und an mal auf, das hatte auf Dauer keinen Sinn. Mittlerweile hole ich das, was ich damals verpasst habe, aber durch Coaching nach. Es wird mit zunehmendem Alter wichtiger, dass man mit seinem Handwerk etwas anzufangen weiß. Talent alleine reicht irgendwann nicht mehr.

Sind aus diesem Grund Ihre musikalischen Ambitionen ins Stocken geraten?

Schenke: Genau. Um Musiker zu sein, bin ich zu faul. Man muss sich mit seinem Instrument beschäftigen wie ein Leistungssportler mit seinem Sportgerät. Da war ich zu schlampig.

Bei einem Punkrocker gehört ein gewisser Dilettantismus ja durchaus dazu ...

Schenke: Stimmt auch wieder. Eine Punk-Band werde ich aus Spaß bestimmt auch mal wieder gründen. Aber Major-mäßig war es das für mich ...

Sie veröffentlichten zuletzt 2003 eine Single mit Adel Tawil, der heute Ich+Ich-Sänger ist.

Schenke: Ja, das Problem damals war: Bevor ich überhaupt wusste, was für Musik ich genau machen will, habe ich mit einer großen Plattenfirma Verträge ausgehandelt. In dem Moment lässt man sich zu viel reinreden und ist kein Künstler mehr, sondern nur noch ein Produkt, das vermarktet wird. So etwas wird es von mir nicht mehr geben.

Stimmt es, dass Sie in einer Art Künstlerkommune aufwuchsen?

"Ich würde mich nicht unbedingt als Rebell bezeichnen": Schauspieler Tobias Schenke (29) hat wilde Hobbys, ist beruflich aber eher "straight" unterwegs. Bild: Julia Baumgart/teleschau

Schenke: So würde ich das nicht unbedingt bezeichnen. Meine Oma hatte allerdings durch berühmte Nachbarn Kontakt zu allen möglichen Künstlern.

Darunter auch Wolf Biermann, richtig?

Schenke: Robert Havemann, einer der wichtigsten Regimekritiker und Wegbereiter der friedlichen Revolution, wohnte im Haus gegenüber dem meiner Oma und war dicke mit ihr befreundet. Die beiden zählten zu den Wenigen in der Straße, die nicht bei der Stasi waren. Das verbindet natürlich. Wolf Biermann ist dort damals ein- und ausgegangen, Manfred Krug war oft da, soviel ich weiß, und viele andere.

Da kann die Stasi nicht weit gewesen sein.

Schenke: Na klar! Das ist eine ganz kleine Straße an einem See. Günter Mittag und andere SED-Funktionäre hatten dort ihre Grundstücke. Da waren die Fronten klar abgesteckt. Wenn bei uns Hochzeit gefeiert wurde und Westverwandtschaft da war, war das Polizeiaufgebot vor dem Haus gleich mal größer. Und wenn wir auf dem See unterwegs waren, kamen oft Polizeiboote hinterher. Ich kann mich allerdings nur noch dunkel erinnern. Als die Mauer fiel, war ich acht. In der Zeit, als die meiste Action war, wurde ich gerade geboren.

Wie haben Sie die Wende erlebt?

Schenke: Für die ältere Generation war das eine hoch emotionale Situation - für mich als Kind eher ein Abenteuer. Das hat sich für mich eher an kommerziellen Dingen festgemacht: zum ersten Mal Eis am Stiel essen (lacht). Im Supermarkt war auf einmal alles bunt. Ich habe das immer mit einem LSD-Flash verglichen.

Und später kamen die Katerbeschwerden?

Schenke: Sozusagen. Es wurde schnell enttäuschend. Es hatten immer alle vom "Goldenen Westen" geredet. Aber von den Supermärkten abgesehen fand ich den Unterschied nicht so wahnsinnig groß. Ich hab' mir den "Goldenen Westen" immer ein bisschen goldener vorgestellt.

Sie werden nächstes Jahr 30. Konnten Sie schon feststellen, dass die Rollenangebote nach und nach erwachsener ausfallen?

Schenke: Ich habe ja das große Glück, dass ich jünger aussehe, als ich bin. Aber in den letzten Jahren spielte ich durchaus auch Rollen, die meinem tatsächlichen Alter entsprechen: jetzt im "Tatort" oder vergangenes Jahr im "Seewolf".

Haben Sie vielleicht ein bisschen Angst vor dem Tag, an dem Ihnen nicht mehr der jugendliche Tatverdächtige, sondern der "TATORT"-Kommissar angeboten wird?

Schenke: Nee, auf den Tag freue ich mich! Ich würde sogar sehr gerne "TATORT"-Kommissar werden. Das bringt nur Vorteile: Man bekommt gute Drehbücher, dreht zwei, drei "TATORTe" im Jahr und hat daneben Zeit für andere schöne Projekte, weil man künstlerisch ernst genommen wird.

Jens Szameit, Teleschau-Mediendienst


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