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Sergej Moya

"Junge Menschen sind grausam" 

"Ich glaube, dass die Realität noch viel schlimmer ist", sagt Schauspieler Sergej Moya. Dabei ist das, was im neuen SR-TATORT zu sehen wird, schon außerordentlich grausam: Es geht um Gewalt unter Schülern.

Anfang Dezember spielte Sergej Moya im MDR-"TATORT: Falsches Leben" eine ganz ähnliche Rolle wie nun in "Hilflos". Bild von: MDR / Andreas Wünschirs

Ein flüchtiger Blick auf die Filmografie könnte zur Annahme verleiten, man habe es mit einem 40-Jährigen zu tun. Aber Sergej Moya ist gerade 21 Jahre alt. Mehr als die Quantität beeindruckt dabei die Qualität der Rollen des Berliner Jungschauspielers, der schon als Kind in Kinofilmen wie "Emil und die Dektive" in seinen Traumberuf schnupperte. Heute blickt Moya unter anderem auf drei hochkarätige TATORT-Rollen und einen "Polizeiruf 110"-Auftritt zurück, er wirkte in einem "Schimanski"-Film mit, spielte zweimal mit Götz George, war neben Henry Hübchen in der Krimireihe "Commissario Laurenti" zu sehen und wurde mit Preisen bedacht ... So kann's gehen, wenn man unbedingt will - und dabei alles anders macht, als alle erwarten. Moya verließ die Schule mit 17. Nun spielt er ausgerechnet in einem "TATORT die Hauptrolle, der sich in harter Psychothrillermanier mit dem Klima an Schulen auseinandersetzt.

Der neue SR-TATORT greift Themen wie Mobbing und psychische sowie körperliche Gewalt unter Schülern auf. Ihre Schulzeit liegt noch nicht lange zurück - wie realistisch finden Sie das Szenario im Film?

Sergej Moya: Ehrlich? Ich glaube, dass die Realität noch viel schlimmer ist!

Einschlägige Erfahrungen?

Moya: Ich war an etlichen verschiedenen Schulen und habe so ziemlich alle Milieus erlebt. Am Gymnasium, wo die sogenannte Oberschicht ein und aus geht, ist es noch nicht ganz so extrem gewesen. An der Realschule sah es schon schlimmer aus. Aber in der Gesamtschule, wo multikulturell alles dabei ist und so viele Arten von Menschen aufeinanderprallen, sind die Schüler in meinen Augen völlig alleine gelassen. Die Lehrer haben die Kontrolle und Aufsicht verloren, und die Eltern haben keine Ahnung, was auf diesen Schulhöfen mit ihren Kindern passiert.

"Ich glaube, dass die Realität noch viel schlimmer ist": Sergej Moya in seiner Rolle als Außenseiter einer Schulklasse Bild von: SR / Manuela Meyer

Was meinen Sie?

Moya: In der Pause angespuckt oder diffamiert und beleidigt zu werden, zum Beispiel. Man kann es sich als Außenstehender vielleicht nicht vorstellen - aber das ist Alltag. Was an den Schulen passiert, hat auf jeden Fall verheerende Konsequenzen für unsere Gesellschaft. Ich war in Berlin an der Schule. Aber anderswo muss es nicht besser sein. Erfurt, Winnenden ... Das ist doch traurige Realität. So was passiert inzwischen jedes Jahr irgendwo. Doch die Welt der Erwachsenen gibt sich immer noch völlig ahnungslos.

Weil Außenstehende die Grausamkeiten nicht für möglich halten, gar nicht fassen können ...

Moya: Richtig. Aber junge Menschen sind grausam.

Haben Sie eine Ahnung, weshalb?

Moya: Man wird erwachsen, man will der Stärkste sei, man will im Sport vorne dran sein. Man will die Mädchen beeindrucken. Man will etwas Besonderes sein. Da prallen so viele Charaktere in ihrer Entwicklung aufeinander, Stärkere und Schwächere, dass sich zwangsläufig Hierarchien bilden und sich manche Leute über andere stellen. Und das hat in der Konsequenz oft mit Erniedrigung und Grausamkeit zu tun - ein Prozess des Erwachsenwerdens.

Sie machen das nun mit einer großen Rolle im TATORT transparent. Weil Sie als junger Schauspieler eine Verantwortung spüren?

Moya: Auf jeden Fall. Aber alle Filmemacher, alle, die an einem Film arbeiten, stehen in einer großen Verantwortung. So sehe ich es jedenfalls. So verstehe ich meinen Beruf.

Sie verließen die Schule 2006 mit 17 Jahren - ohne einen Abschluss.

Ein stiller, wütender Jugendlicher - aber warum? - Tobias (Sergej Moya) wartet im "TATORT: Hilflos" auf sein Verhör. Bild von: SR / Manuela Meyer

Moya: Ja. Ich habe keinen Schulabschluss. Weder Mittlere Reife, noch Abitur. Auf dem Papier bin ich einer, bei dem alles schiefgelaufen ist (lacht).

Wussten Sie damals, was Sie tun?

Moya: Ja, ich brach die Schule ab, weil sie mich an etwas hinderte, das ich unbedingt machen wollte. Ich entschied mich ja nicht gegen die Schule, sondern für meinen Beruf. Ich hatte natürlich auch das Glück, dass meine Mutter mir damals vertraute. Wenn man früh weiß, was man will, ist das ein ganz großes Geschenk.

Sind Sie nicht auch neidisch auf Ihre Freunde, die jetzt das Abitur in der Tasche haben?

Moya: Nein. Viele Freunde von mir sind jetzt an einem Punkt, wo sie nicht wissen, was sie anfangen sollen. Da nützt ihnen das Abitur gerade auch nichts.

Wie kam es, dass Sie sich so früh schon auf den Beruf des Schauspielers festlegen konnten?

Moya: Ich hatte das Glück, dass ich gleich am Anfang mit ganz besonderen Schauspielern arbeiten durfte. Menschen, die mir das Ideal von diesem Beruf zeigten und mir vermittelten, mit wie viel Spaß und Leidenschaft diese Arbeit zu tun hat.

Götz George, Christian Redl ...

Moya: Genau. Und Ben Becker, Henry Hübchen, Otto Sander, Ulrike Krumbiegel ... Leute, die mir von Anfang an ein Gefühl der Geborgenheit gaben, mir zeigten, dass ich irgendwie dazu gehöre, die auf Augenhöhe mit mir umgingen. Das gilt auch für die Regisseure. Einige fragte ich auch bei meiner Entscheidung, die Schule zu verlassen, nach Rat.

Aber man wird ja nicht zufällig in eine Karriere katapultiert, die Seite an Seite mit Götz George beginnt. Was stand am Anfang?

Moya: (lacht) Ja, da gab es etwas: Schon als kleines Kind erfand ich immer gerne Geschichten aus meinem Leben und trug diese vor. Die Resonanz war gespalten: Einige hielten mich für einen Spinner, die anderen waren von meiner Fantasie überwältigt. Für mich ist die Schauspielerei also auch ein Ventil, um im Alltag nicht so viel lügen und spinnen zu müssen ...

Jeder fing mal klein an: Sergej Moya (rechts) im 2001er-Kinohit "Emil und die Detektive". Bild von: ZDF

Ein fantasievoller Spinner hat's an deutschen Schulen wohl besonders schwer ...

Moya: Teils, teils. Ich bin mehrfach geflogen, war insgesamt an sieben Schulen. Hier gab es Lehrer, die besser auf mich eingingen, dort ging es gar nicht. Einmal wurde ich als Talent gefördert, dann wieder als Volltrottel verachtet. Es war immer extrem - an den Lehrern kann man die unterschiedlichen Reaktionen an den Schulen eigentlich ganz gut festmachen.

Kritisieren Sie die Talentförderung im deutschen Schulsystem?

Moya: Auf jeden Fall. Es gibt so viele Menschen mit besonderen Begabungen, die nur deshalb nicht entwickelt werden, weil es niemanden gibt, der sie bestätigt und an sie glaubt. Entweder sind die Eltern überfordert oder die Lehrer, die bei 34 Schülern in der Klasse natürlich gar nicht jedem Schüler die Aufmerksamkeit geben können, die er braucht, um zu wachsen.

Was für ein Schüler waren Sie?

Moya: Einer, der nie ein Buch in die Hand nahm. Einer, der sich nie für das begeistern konnte, was man ihm eintrichtern wollte. In dem Moment, als ich die Schule verließ, hat sich mein Leben komplett gewandelt. Ich traute mich ganz plötzlich mehr als je zuvor, und ich lernte so viel wie nie - weil ich mich mit etwas beschäftigte, für das ich mich begeisterte. Im Grunde habe ich die Schule nie verlassen - nur, dass mich nun das Leben unterrichtet.

Reizt Sie nicht der Abschluss an einer Schauspielschule?

Moya: Ich weiß nicht. Wer glaubt, er ist mit so einem Abschluss ein fertiger Schauspieler, hat sowieso schon verloren. Es gibt keine fertigen Schauspieler. Es gibt Figuren, Rollen, und die muss man jedesmal völlig neu kreieren und ausfüllen. Jeder Film braucht eine andere Herangehensweise. Deshalb glaube ich, dass die Schauspielerei an sich meine Schule ist.

Familie Laurenti in glücklichen Tagen (von links): Commissario Laurenti (Henry Hübchen, Mitte) und Gattin Laura (Barbara Rudnik, zweite von rechts), Tochter Livia (Sophia Thomalla) und Sohn Marco (Sergej Moya). Die ARD-Krimireihe um Henry Hübchen und die 2009 verstorbene Barbara Rudnik wird nicht fortgesetzt. Bild von: ARD Degeto / Martin Menke

Sie spielen fast immer verschlossene, melancholische Typen ... Sie wirken ganz anders!

Moya: Genau das ist doch das Schöne. Die fettigen Haare im Film sind ja auch nicht echt (lacht). Von solchen Rollen lerne ich jedesmal eine Menge. Denn nach einer Zeit fühlt sich das so real an, dass man sich ganz hineinversetzt.

Was muss man als Schauspieler können?

Moya: Alles! Und überhaupt nichts (lacht).

Ist Ihnen bewusst, wie hochkarätig Sie in diesen Beruf eingestiegen sind?

Moya: Nein. Ich habe einfach nur ganz viel Spaß und bin total dankbar dafür. Ich fühle mich wie auf einem Spielplatz mit lauter Irren, und alle freuen sich, schaukeln, rutschen, spielen im Sandkasten, bauen Burgen ... Es ist in der Schauspielerei ja nicht wie in der Bundesliga, dass man auf einem bestimmten Platz rangiert.

Also gibt es kein konkretes Ziel?

Moya: Ne. Das wäre das Falscheste.

Das Interview führte Frank Rauscher, Teleschau-Mediendienst
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