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Heute ist der: 17.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Um jeden Preis

Über allem steht die Solidarität

Der spektakuläre Selbstmord des Münchner Journalisten Rainer Truss schlägt hohe Wellen. Truss war bekannt für seine soliden Recherchen an vorderster Front, wenn es darum ging, Missstände oder Korruption aufzudecken.

Als der Todesfall von höherer Stelle merkwürdig schnell zu den Akten gelegt wird, stellen Batic und Leitmayr ihre Ermittlungen selbstverständlich nicht ein. Bei ihren Recherchen stoßen sie schnell auf eine Verbindung zwischen Truss und dem populären Gewerkschaftsführer Leo Greedinger und müssen plötzlich auch Liebeskummer, Verzweiflung oder Erpressung als Tatmotive in Betracht ziehen.

Signor Panini ("Kleine Semmel") kommt aus Verona und will mit Batic und Leitmayr "snuppere" Bild: BR

Heiligt der Zweck die Mittel?

Die ungeklärten Umstände, unter denen Rainer Truss, der ambitionierte Journalist, ums Leben kam, drängen dem Zuschauer zunächst den Verdacht auf, dass Leo Greedinger seine einflussreichen Positionen ausnutzt, "schmutzigen Geschäften" nachgeht und dadurch am Tod seines Verehrers zumindest eine gewisse Mitschuld trägt. Dem Drehbuchautor Christian Jeltsch ist das ewige Gejammer sowie das Vorurteil von den Politikern und Entscheidungsträgern, die "da oben" doch eh machen, was sie wollen und schamlos ihre Macht missbrauchen, als Hintergrund für den Tod des Journalisten jedoch zu simpel.

Und so erzählt uns Jeltsch die Geschichte von Leo, dem charismatischen Gewerkschaftsboss, der stets das Gute will und dabei Böses schafft. Um ein möglichst vielschichtiges Bild aufzuzeigen, ist dieser Tatort gespickt mit allerlei Erklärungsmodellen, die den Weg vom Idealismus zur Realpolitik näher bringen sollen - besonders kreativ ist man hierbei allerdings nicht vorgegangen. Von der Schmutzkampagne in den Medien über den Verrat in den eigenen Reihen bis hin zum Generationenkonflikt zwischen Vater - einem Gewerkschaftler vom alten Schlag - und Sohn ist alles geboten.

Batic und sein alter Freund Leo Greedinger Bild: BR

Der Kampf gegen die deutsche Bürokratie und die eigene Befangenheit

Batic und Leitmayr müssen dabei herausfinden, ob es Leo tatsächlich gelungen ist, als Aufsichtsratsvorsitzender und Gewerkschaftsboss seine weiße Weste zu bewahren. Zur Seite gestellt wird ihnen dazu Signor Panini, die temporäre, italienische Austauschfachkraft aus Verona. Trotz seiner nicht unerheblichen Ermittlungserfolge wird Panini kurzerhand zum Stichwortgeber und fleischgewordenen italienischen Klischee degradiert. Und Batic selbst, der mit Leo und dessen Familie seit gemeinsamen Kindertagen verbunden ist, gilt als befangen. Dennoch lässt er sich nicht von den Ermittlungen entbinden und versucht tapfer zu beweisen, dass sein Freund Leo die eigenen Vorstellungen von Moral nicht über die Grenzen des Gesetzes hinaus dehnt.

Und als ob dies nicht schon kitschig genug inszeniert wäre, muss schließlich Batic erkennen, dass des Rätsels Lösung in der Vergangenheit liegt - einer Vergangenheit, die ihn und Leo wohl zwangsläufig und in diesem Fall sogar wörtlich "einholen" musste. Maßlos enttäuscht wendet er sich wieder seinem Partner Leitmayr zu, auf dessen Fairplay er sich verlassen kann. Auch der italienische Gast ist mit von der Partie, wenn auf dem Fußballplatz die Freundschaft der Kommissare zelebriert wird. Ein Hoch auf die Völkerverständigung!

"Dörte", die Schwester des Toten in ihrer Tierhandlung in der Münchner Hirschbergstraße - hier zwischen Batic und Leitmayr. Bild: BR

Und wo bleibt die Moral?

Auch wenn Leo es vermag, seine Genossen auf sich einzuschwören, so wirkt er auf den Fernsehzuschauer zu verbissen, zu selbstverliebt, zu glatt und zu hölzern. Kurz: es menschelt viel zu wenig um die Person des "Gewerkschafts-Obamas". Neben seinem unbedingten Willen, um jeden Preis zum Vorsitzenden der Gewerkschaft gewählt zu werden, dem absoluten Glauben an das eigene Programm und die Umsetzung seiner Visionen fehlen der Person Leo Greedinger zweifelnde Momente.

Die Szenen, die Leo mit seiner Familie und auch in der Diskussion mit seinem Vater zeigen, leisten keinen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Leos Gewissensfragen und Moralvorstellungen. Die Doppelbödigkeit der Figur, die aus ihren eigenen, hohen moralischen Ansprüchen und eben nicht aus Profitgier heraus handelt, vermittelt sich nicht. Für die Tatort-Folge "Um jeden Preis" ist dies ein herber Verlust, denn schließlich ist der Protagonist Leo der Dreh- und Angelpunkt dieser Episode. Die Spannung des Krimis hätte aus dem Konfliktpotential der Rolle des Gewerkschaftsführers entwickelt werden müssen. Doch dieser hadert weder mit seinem Gewissen oder seinen eigenen Ansprüchen noch mit seiner Freundschaft zu Ivo und der Beziehung zu seinem Vater oder gar seiner eigenen Schuld ... und am allerwenigsten mit sich selbst!

Eine bittere Erkenntnis in Zeiten der Weltwirtschaftskrise.

Katharina Gamer
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