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Kein Abgesang auf den Idealismus

Interview mit Drehbuchautor Christian Jeltsch

Ein ?Gewerkschaftsboss?, der das Gute will und Böses schafft - er ist die Hauptfigur in diesem ?TATORT?, wie kamen Sie zu dieser Figur?

Drehbuchautor Christian Jeltsch. Bild: BR / Gerhard Blank

 Das lief über mehrere Stationen. Da war einmal das ständige Lamentieren von uns Bürgern über die Politiker ?da oben?, die doch nur ?machen, was sie wollen?. Das erschien mir schon lange als viel zu einfach. Und dann bekam ich einmal Aufsätze in die Hände von jungen Politikern, die später zu Amt und Würden und Macht kamen. In ihren frühen Schriften hatten sie sympathisch idealistische Ziele formuliert, die sie in der Verantwortung später nicht mal mehr erwähnten. ?Realpolitik? nennen sie das. Mich interessierte der Weg dahin. Was geschieht mit den Idealisten, was muss mit ihnen geschehen, was geschieht ihnen, damit sie in der Realpolitik ankommen und sie sich dort etablieren können?

 ?War er ein Idealist?   Er war ein Idiot!? Ist Ihr Film ein Abgesang auf den Idealismus, oder eher eine Aufforderung, daran festzuhalten?

 Im Film muss man sehen, dass dieses Zitat von der Schwester des Toten kommt. Das ist natürlich Verzweifl ung, weil sie annimmt, dass sein Idealismus Anteil an seinem Tod hat. Diese Schwester ist ja dennoch eher stolz auf den Bruder. Ich hoffe also, dass diese Geschichte nicht als Abgesang auf den Idealismus verstanden wird. Idealismus bedeutet für mich ja auch Verantwortung zu übernehmen. Für eine eigene Meinung und für die Zukunft. Daran sollte man unbedingt festhalten. Aus Idealismus entstehen Visionen und aus Visionen im besten Falle gute, menschennahe Politik.

Gewerkschaften sind ja in den letzten Jahren etwas ?aus der Mode gekommen?, aber jetzt, in Krisenzeiten, besinnt man sich wieder auf sie, hatten Sie bei der Recherche auch den Eindruck?

 Meine ersten Recherchen begannen als man von ?Krise? nur munkelte. Dann die Phase, in der man die Krisensummen noch in Millionen bezifferte. Als es dann um Milliarden ging, war das Drehbuch schon so gut wie geschrieben. Aber es war bei meinen Gesprächspartnern aus den Gewerkschaften Hoffnung zu spüren. Dass die Menschen begreifen, wer für sie eintritt in schlechten Zeiten. Da ist Solidarität wieder ?in?. Gut so, wenn das die Menschen spüren. Wir waren ja alle Teil der Gier und damit der Krisenursache. Mal sehen, ob dieses Bewusstsein anhält.

Wie haben Sie überhaupt recherchiert?   Haben Sie Veranstaltungen besucht, sich undercover eingeschlichen?

 Ich hatte Zugang zu Betriebsräten und Gewerkschaftsfunktionären, die mir alle sehr offen und hilfreich die Strukturen und das vielfältige gewerkschaftliche Denken und Handeln dargelegt haben. Moderne Gewerkschafter allesamt, die gerne aus dem ?Nähkästchen? plauderten, die Grenzen überwinden wollen. Das ist wohl nicht einfach in so einem doch eher starren System. Machterhalt spielt auch hier eine große Rolle. Da ist wieder Basisarbeit gefragt. Ich hatte den Eindruck, dass man sich wieder darauf besinnt. Genauso aber haben diese Frauen und Männer begriffen, dass sich die Gewerkschaften der Globalisierung nicht mehr verschließen können. Was ja auch Thema in dem ?TATORT? ist. Außerdem habe ich mit Managern gesprochen. Nicht alle übrigens mit dem Bewusstsein für die Notwendigkeit von Gewerkschaften. Und undercover musste ich nirgendwo auftreten. Ich habe gelernt, dass die Menschen offen reden, wenn man ehrlich mit ihnen und ihren Informationen umgeht.

Bild: BR/ hager moss film GmbH/ Heike Ulrich

Der Gewerkschafter sitzt irgendwie zwischen allen Stühlen. Seinen Vater schnauzt er an: ?Hör auf mit Deinem Sozialkitsch?, der wiederum kontert: ?Die haben Dich gekauft. Du bist doch längst einer von den Bossen?, ist das nicht ein Dilemma auch vieler Politiker?

 Das Spannende an den Figuren zwischen den Stühlen ist ja, sie können sich immer entscheiden. Ob Gewerkschafter oder Politiker oder wir selber. Wir haben immer die Wahl, ob wir uns moralisch verhalten, oder um der Macht, oder des Vorteils Willen, unseren Begriff der Moral dehnen. Dabei ist ja in der Krise gerade sehr gut zu beobachten, wie sich manche ?Verantworter? auf das ?Gesetz? zurückziehen, um der Moral zu entgehen. Außerdem ist es ja so, dass ein Politiker in einem solchen Dilemma in vielen Fällen zusammen mit seinen Berufskollegen vorher selbst erst die Rahmenbedingungen geschaffen hat, die dieses Dilemma zulassen. Ist das dann noch ein Dilemma?

 Der Vater trägt Schiebermütze und spricht von Werkshallen, der Sohn trägt Lackschuhe und dealt mit Arbeitsplätzen, was wollen Sie mit diesem Generationenkonfl ikt ausdrücken?

 Den Wandel der Zeit. Und die Veränderung in der Wahl der Mittel, um für die Arbeiter etwas zu erreichen. Ich möchte, dass beide für ihre Zeit stehen. Sie müssten nur das Verständnis dafür und füreinander entwickeln.

Aber ?über allem steht die Solidarität?, ich habe den Eindruck, dass Sie diesen Satz nicht nur als Ironie eingebaut haben?

 Vielleicht ist er ja viel mehr idealistisch, in Zeiten einer Krise, die durch Egoismus entstanden ist... 

BR-Pressemappe
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