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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview: Martin Wuttke 

Mehr Biss, bitte!

In seinem 6. TATORT aus Leipzig muss sich Martin Wuttke mit den Schatten der Vergangenheit herumschlagen. Mit den Drehbüchern der Krimireihe hat er sich noch nicht angefreundet.

Einen Mann vom Kaliber Martin Wuttkes zum Leipziger TATORT zu holen, war nicht nur ein Wagnis, sondern auch ein Glücksgriff. Das neue Ermittlerteam aus Simone Thomalla und dem mehrfach preisgekrönten Theaterschauspieler, der kurzzeitig auch schon Intendant am Berliner Ensemble war, hat sich gut eingespielt - und die Quoten stimmen. Dennoch ist Wuttke (47) ein Unruhefaktor im aalglatten Betrieb der ARD-Unterhaltung. Verständnis für die für Außenstehende meist recht befremdlich zähen Arbeitsabläufe in den Sendeanstalten kann man bei einem Energiebündel wie dem Quentin-Tarantino-Star (Hitler-Darsteller im Film "Inglourious Basterds") nicht erwarten. Im Interview fordert Wuttke, der im "TATORT: Falsches Leben" zum 6. Mal in der Rolle des Kommissars zu sehen ist, mehr Freiheit für den von ihm mit entwickelten Ermittler Keppler.

Martin Wuttke als TATORT-Kommissar Andreas Keppler, Foto: MDR

teleschau: Herr Wuttke, Sie sind demnächst bereits in Ihrem sechsten TATORT aus Leipzig zu sehen. Passt Ihnen die Rolle schon wie ein Lieblingsanzug, den man gut eingetragen hat?

Martin Wuttke: Der Anzug passt schon, aber die Arbeit ist ja eher immer ein Kampf um Bücher und die Frage, wie man eine eingeführte Konstellation weiterführt und vertieft. Was diese Fragen betrifft, fühle ich mich noch nicht so wohl.

teleschau: Heißt das, die Rolle legt Ihnen noch Beschränkungen auf und Ihnen schwebt ein anderer Kommissar Keppler vor?

Wuttke: Ich könnte mir ganz andere Stoffe vorstellen, in die man diese Type da reinführt. Keppler ist angelegt als eine Figur, die man über die Situationen, in der man ihr begegnet, kennenlernt. Die letzten Filme, die wir gemacht haben, brachten für Keppler ziemlich konventionelle Ermittlungsarbeit mit sich. Ich könnte mir Fälle vorstellen, in denen man sieht, wie Keppler aus der Reserve gelockt wird oder Fehler macht und unsicher wird.

teleschau: Klingt wirklich so, als wären Sie mit den Drehbüchern unzufrieden.

Wuttke: Die Entscheidungsprozesse im Fernsehen sind viel langwieriger als im Theater. Ich bin noch nicht gewöhnt, die Geduld aufzubringen, die dafür offensichtlich notwendig ist. So fällt mir das Arbeiten manchmal schwer.

teleschau: Gehen die Stoffe beim Fernsehen durch zu viele Hände und werden so lange abgeschliffen, bis die Kanten fehlen?

Wuttke: Das weiß ich nicht. Dafür kenne ich die internen Abläufe beim Fernsehen nicht gut genug. Ich kann nicht beurteilen, warum die Bücher so konventionell sind. Allein die Zeitspannen, die notwendig sind, um ein Buch zu modifizieren, sind mir unbegreiflich. Wenn wir beim Theater so langsam arbeiteten wie beim Fernsehen, dann gäbe es keine Theateraufführungen.

Martin Wuttke als TATORT-Kommissar Andreas Keppler, Foto: MDR

teleschau: Die TATORT-Reihe rühmt sich ja, etwas Besonderes zu sein und auch aktuelle gesellschaftliche Strömungen in vermeintlich brisanten Fällen aufzugreifen. Haben Sie sich mehr erwartet?

Wuttke: Ich habe da wohl eine andere Weltwahrnehmung. Der TATORT bildet nicht ab, was in unserem Land passiert. Das Verhältnis ist eher anders: Man kann an den Filmen sehen, womit sich die Leute in unserem Land beschäftigen wollen. Und auf welche Weise man sich mit bestimmten Themen beschäftigen will. Wie wir uns einen gesellschaftlichen Zusammenhang erzählen wollen.

teleschau: Ihr neuester "Tatort: Falsches Leben" greift die Unsicherheit im Umgang mit der Geschichte auf - 20 Jahre nach dem Mauerfall. Ist es dem Film denn gelungen, sich geschickt auf historisch vermintes Terrain zu wagen?

Wuttke: Das kann ich tatsächlich nicht beurteilen. Ich bin noch nie so richtig damit klargekommen, dass im Fernsehen so etwas wie ein gesellschaftlicher Diskurs geführt wird. Ich erkenne diesen Diskurs überhaupt nicht. Ich weiß gar nicht, wo das Pro oder das Contra zu sehen ist. Das Fernsehen will nicht wissen, dass es möglicherweise eine ganz andere Weltsicht geben könnte. Es gibt nur eine Weltsicht, nämlich die richtige. Dieses Problem betrifft aber nicht nur den TATORT, sondern das gesamte Fernsehen.

teleschau: Das Fernsehen sehen Sie ja ziemlich kritisch.

Wuttke: Es gibt nur eine einzige Konsensmeinung im Fernsehen, und die wird überall reproduziert - bei Herrn Beckmann, bei Kerner, bei allen. Deswegen weiß ich nicht, welche Gesellschaft sich denn im Fernsehen miteinander unterhält und verständigt. Dass zum Beispiel Kindesmissbrauch nicht gut ist, wissen wir doch alle. Das Fernsehen breitet nur Fragen aus, über die mehr oder weniger Einigkeit herrscht.

teleschau: Haben Sie denn die Fernsehbranche immer schon so gesehen?

Wuttke: Als junger Mann - in den 80er-Jahren - hatte ich schon den Eindruck, dass im Fernsehen noch unterschiedliche Weltvorstellungen vorkommen. Heute ist das alles viel homogener.

teleschau: Die TATORT-Welt ist vielleicht auch deswegen so übersichtlich, weil jeder Fall zum Schluss gelöst wird, bevor die Abspannmusik kommt. Wünschten Sie sich, dass häufiger Fragen offen bleiben?

Wuttke: Natürlich. Aber gute Fälle müssen nicht offen enden

teleschau: Sie haben ja auch schon angeregt, dass die deutschen Fernsehkommissare etwas weniger edel und aufrecht sein sollten. Wie wollen Sie denn Keppler weiterentwickeln?

Martin Wuttke als TATORT-Kommissar Andreas Keppler, Foto: MDR

Wuttke: Ich habe einen großen Spaß an den bösartigen Kommissaren. Die gefallen mir am besten.

teleschau: Meinen Sie die Kottan-Typen aus Österreich?

Wuttke: Mich amüsieren die mehr. Ich habe in meinem Leben nur selten Polizisten kennengelernt, die so wahnsinnig sympathisch, sensibel, feinsinnig und menschlich sind wie die, die man aus dem Fernsehen kennt.

teleschau: Keppler ist verschlossener, schroffer. Ein Zugeständnis an Ihre eigene Weltsicht?

Wuttke: Ich habe versucht, ein bisschen von meinem grundsätzlichen Misstrauen hinüber zu retten.

teleschau: Ist Ihnen Keppler nicht auch sympathisch?

Wuttke: Na ja, so ein richtig mieses Aas ist er nicht. Aber bei so latent misanthropischen und gleichzeitig sentimentalen Typen kann man nie wissen. Ich glaube aber, er könnte plötzlich ziemlich aggressiv werden. Ohne sich großartig zu verändern, könnte es doch auch mal passieren, dass Keppler zuschlägt - auch wenn es nicht gerechtfertigt ist. Das würde ich ihm zutrauen. Bei ihm ist vieles in Latenz angelegt.

teleschau: Tatsächlich ist zu beobachten, dass in den bisherigen Leipziger TATORT-Folgen vieles in eine andere Richtung geht - etwa hin zu mehr Liebesgeplänkel zwischen Keppler und seine Kollegin, die von Simone Thomalla gespielt wird.

Wuttke: Dieser Strang kann dem Krimi gut tun, wenn er mit den Geschichten, die man erzählen möchte, verbunden ist. Wenn er eine reine Nebengeschichte ist, die neben dem zu lösenden Mordfall steht, dann finde ich es eher langweilig.

teleschau: Die beiden Kommissare sind sich ja schon wieder so nahe gekommen, sodass die ursprüngliche Spannung und Unsicherheit im Verhältnis der beiden recht schnell aufgelöst wurde. Geht Ihnen das auch zu schnell?

Martin Wuttke als TATORT-Kommissar Andreas Keppler, Foto: MDR

Wuttke: Ihr Miteinander kann sehr schnell umschlagen - jederzeit.

teleschau: Im neuen Fall kauft Keppler seiner Kollegin sogar ein Parfüm.

Wuttke: Nun gut.

teleschau: Klingt süß. Wollten Sie nicht aus Keppler etwas Subversiveres machen?

Wuttke: Ein subversiver Polizist? Wenn man mich lässt

teleschau: Normalerweise rechtfertigt der Erfolg ja alles. Und den haben Sie. Die bisherigen TATORT-Folgen erzielten gute Quoten. Ist das eine Chance, jetzt etwas stärker aufs Gas zu treten?

Wuttke: So geht das ja nicht. Einen Film zu machen, ist ein kollektiver Prozess. Dazu gehören ein Regisseur und ein Produzent. Veränderungen kann man nicht in einem Alleingang lostreten. Da muss ich die Leute überzeugen. Und das dauert. Ich habe kein Interesse und keine Möglichkeit, meine Kollegen zu zwingen, Dinge zu tun, die sie nicht machen wollen. Das ist im Übrigen auf dem Theater genauso. Den Erfolg kann übrigens so oder so ausdeuten: Mit gutem Recht können die Produzenten sagen, dass unsere Filme eben auch deswegen so erfolgreich sind, weil sie so aussehen, wie sie aussehen.

Martin Wuttke als TATORT-Kommissar Andreas Keppler, Foto: MDR

teleschau: Was bedeutet Ihnen denn der Quotenerfolg persönlich?

Wuttke: Am Theater merkt man schnell, wenn etwas nicht funktioniert - nämlich dann, wenn der Zuschauerraum leer ist. Mit einer TATORT-Ausstrahlung erreiche ich mehr Zuschauer, als ich das mit mehr als 20 Jahren am Theater geschafft hätte. Das führt auch dazu, dass ich auf der Straße mehr erkannt werde, was schön ist. Es treten ja eigentlich fast immer die Leute an einen heran, denen der Film gefallen hat. Es kommt nie vor, dass mir jemand hinterher schreit: "Du bist so gruselig!"

teleschau: Wenn es einmal ein Klassentreffen unter TATORT-Kommissaren gäbe, stünden Sie abends am längsten an der Bar - und sorgten später noch für Stunk?

Wuttke: Viele von den Kollegen kenne ich sehr gut. Das würde mit Sicherheit eine sehr fröhliche Veranstaltung werden.

Das Interview führte Rupert Sommer
Quelle: Teleschau-Mediendienst


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