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Heute ist der: 22.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Für mich lag der wesentliche Reiz darin, die Bloßstellung des Privaten zu verdeutlichen?

Gespräch mit Regisseur Friedemann Fromm

Im neuen Niedersachsen-?TATORT? sucht die Kripo einen kaltblütigen Serienkiller. Haben wir diesmal beim ?TATORT? einen blutrünstigen Schocker zu erwarten?

Nein, sicher nicht. Das war nicht mein Ziel.

Nun, das erste Opfer wird durchs Wohnzimmerfenster hindurch in den eigenen vier Wänden niedergestreckt ...

Regisseur Friedemann Fromm, hier bei Aufnahmen zu einem BR-TATORT im Jahr 1994, Bild: BR/Foto Sessner

Ein ?TATORT? fängt nun einmal mit Mord und Leiche an ? Es ist aber immer die Frage, wie diese Gewaltszenen gefilmt sind. Im Grunde ist es der klassische Krimi-Einstieg, der aber zusätzlich bereits etwas signalisieren soll. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass der Serienkiller nur ein Aspekt dieser Geschichte ist.

Ohne die Spannung zu nehmen: Wo liegt das eigentliche Thema?

Auf einer zweiten Ebene geht es um ein sehr aktuelles Thema ? um die allgemeine Öffentlichkeit des Privaten. Um genau zu sein, geht es um die Verletzlichkeit des Privaten. Private Bilder gelangen über das Internet, über allgegenwärtige Foto-Handys und über Zeitungen, die diese Bilder drucken, in die Öffentlichkeit. Diesen Aspekt finde ich besonders spannend an diesem Fall. Mich hat es gereizt, in diesem ?TATORT? die zunehmende Öffentlichkeit des Privaten auszuleuchten und dies mit einer sehr klassischen Sniper-Geschichte zu verbinden. Denn schon in der Einstiegsszene zeigen wir, wie schutzlos Menschen schon in ihrem Wohnzimmerfenster den Blicken und Gefahren von außen ausgesetzt sind.

Auch wenn es nur ein Teilaspekt ist: Was macht den Reiz bei der Jagd auf einen Serienkiller für Sie als Regisseur aus?

Zunächst ist der Fahndungsdruck für die Polizei bei einem Serientäter höher. Denn ein Misserfolg bedeutet für die Polizei nicht nur, dass ein Mörder nicht gefasst wird, sondern dass vermutlich weitere Menschen sterben werden. Für mich lag der Hauptreiz aber nicht bei dem Serientäter. Das hätte mich nicht hinter dem Ofen hervorgelockt. Für mich lag der wesentliche Reiz darin, die Bloßstellung des Privaten zu verdeutlichen, besonders die Bloßstellung von Leid und Trauer. Zudem haben mich als Regisseur die vielfältigen Charaktere gereizt, an denen sich die Kommissarin Lindholm abarbeitet, an denen sie sich reibt und durch die sie in den Fall einsteigt ? Drehbuchautorin Astrid Paprotta hat diese Figuren einfach toll und prägnant entworfen und geschrieben.

Später im Film deutet sich an, dass die Morde mit einem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn und mit Gaffern zu tun haben könnten, die den Rettungskräften den Weg versperrt haben. Üben Sie hier deutliche Kritik an der heutigen Schaulust?

Die Schaulust gab es immer schon. Aber die Mittel sind heute andere und es herrscht eine immer größere Unverfrorenheit. Angeheizt wird die Schaulust nicht zuletzt dadurch, dass Schaulustige heute alles per Handy-Kamera filmen und ihre Bilder ins Internet stellen können ? auch auf den Internetseiten großer Boulevard-Zeitungen. Damit einher geht eine erhebliche emotionale Verrohung. Wenn heute 24 Stunden am Tag der Zugriff auf Bilder möglich ist, die Menschen in Leid und Trauer und anderen sehr privaten Momenten zeigen, dann findet damit auch eine Entwertung des Privaten und des zutiefst Emotionalen statt ? eine schlimme Entwicklung, der unbedingt Einhalt geboten werden muss.

Für diesen ?TATORT? haben Sie sich ein fiktives Videoportal ausgedacht, in dem man sich Amateurfilme von schweren Unglücksfällen anschauen kann ? es ist leicht erkennbar, was Sie damit wirklich meinen. Haben Sie solche Schreckensbilder auch tatsächlich im Netz gefunden?

Sie müssen nur entsprechende Begriffe bei der Internet- Suchmaschine Google eingeben, dann werden Sie fündig. Unter Rubriken wie ?Die 50 heißesten Autounfälle? finden Sie auch Beispiele, die garantiert nicht glimpflich ausgegangen sind. Auch im Fernsehen werden scheinbar witzige Unfälle gezeigt, die für die Beteiligten bestimmt nicht lustig waren, die im Gegenteil im Krankenhaus endeten. Was diese Unfallfilmer treibt, ist die schrankenlose Gier nach Aufmerksamkeit um jeden Preis.

Haben Sie selbst unschöne Erlebnisse mit Schaulustigen gehabt?

Konkret zum Glück nicht. Aber ich habe Kinder und wenn sich mein Kind auf dem Spielplatz verletzt, ist es nicht auszuschließen, dass jemand diesen Vorfall mit seiner Handy-Kamera aufnimmt und die Bilder ins Internet stellt. Kein Mensch hat mehr die Kontrolle darüber, was mit diesem Bildmaterial geschieht. Es kann mir heute passieren, dass ich in einem zutiefst privaten Moment öffentlich gemacht werde. Und das finde ich extrem bedenklich.

Nutzen Sie selbst Web-Angebote wie YouTube und Twitter, die private Bilder und Botschaften präsentieren?

Bild: NDR/ Marc Meyerbröker

Natürlich nutze ich diese Internet-Angebote für eigene Recherchen. Es ist auch nicht alles zu verteufeln. Es läuft aber etwas schief, wenn Menschen bei einem Unglück zuerst ihr Sensationsfoto schießen und erst danach daran denken, den Opfern zu helfen. Wenn mir Unfallsanitäter und andere Rettungskräfte erzählen, dass sie herumstehende Menschen massiv zur Seite drängen müssen, um zu den Opfern zu gelangen, dann ist etwas faul.

Für diesen ?TATORT? haben Sie einen schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Braunschweig in Szene gesetzt und im Stil eines Amateur-Videos gefilmt. Wo und wie haben Sie diese Sequenz gedreht? Haben Sie auf einer echten Autobahn gefilmt?

 Nein, wir haben keine Autobahn absperren lassen. Bei diesen Szenen haben wir halbwegs geschickt gezaubert, wie ich finde. Wir haben nachts auf einer Zufahrt zu einem VW-Werk gedreht. Ich habe den Stau und die Unfallfahrzeuge vorher mit den Legosteinen meiner Söhne aufgebaut und dann die Bildausschnitte genau festgelegt, die zu sehen sein würden. Eine aufwendige Unfallszenerie à la Hollywood hätte unser Budget gesprengt. So haben wir wirklich nur die Unfallautos aufgebaut, die unbedingt notwendig waren.

Haben Sie das Drehbuch von Astrid Paprotta in wichtigen Punkten verändert?

Nachdem ich die erste Fassung des Drehbuchs gelesen hatte, habe ich darum gebeten, dass Schaulust und Voyeurismus noch kräftiger akzentuiert werden. Ich finde, dass gerade der ?TATORT? die Möglichkeit bietet, aktuelle und brisante Themen ins Bewusstsein der Zuschauer zu heben.

Sie sind keineswegs ein Neuling auf dem ?TATORT?- Regiestuhl, haben sich aber in letzter Zeit auf andere Projekte konzentriert. Wie haben Sie es jetzt empfunden, an ein ?TATORT?-Set zurückzukehren?

Mein allererster Film nach der Filmhochschule war ein ?TATORT?, daher bin ich diesem Format sehr verbunden. Was mich jetzt gereizt hat, war zunächst die Zusammenarbeit mit Maria Furtwängler. Ich schätze sie sehr und habe sie bei diesem Dreh noch mehr schätzen gelernt. Zudem sprach mich das Thema dieser Geschichte an ? und nicht zuletzt ist der ?TATORT? ein Klassiker im deutschen Fernsehen. Keine TV-Reihe läuft seit so langer Zeit und hat sich so oft wieder neu erfunden.

Zu Beginn wird Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm nach Braunschweig beordert, stößt aber beim dortigen Chefermittler Kohl auf wenig Sympathie. Kämpft Lindholm an zwei Fronten ? gegen den gesuchten Täter und gegen den leitenden Kommissar vor Ort?

NDR/ Marc Meyerbröker

Zwei-Fronten-Krieg wäre übertrieben, aber Charlotte Lindholm ist hier sehr allein und sehr auf sich gestellt. Der Braunschweiger Kommissar Kohl verweigert ihr jede Unterstützung und lässt sie in entscheidenden Momenten im Stich. Zwar ist Charlotte Lindholm generell eher die Einzelkämpferin, aber diese Ablehnung durch ihre Kollegen ist massiv. Der Wettlauf gegen die Zeit sowie Charlottes Ängste als Mutter eines kleinen Kindes verschärfen ihre Lage erheblich.

Wo liegen für Maria Furtwängler hier die Herausforderungen? Welche Facetten der Kommissarin stellen Sie in den Vordergrund?

 Die Herausforderung für Maria Furtwängler liegt hier aus meiner Sicht darin, eine sehr hohe emotionale Transparenz zu erzählen ? also darzustellen, was dieser Fall mit ihr selbst macht. Dabei gelingt es Maria Furtwängler, emotional angefasst und aufgewühlt zu wirken, ohne gleich die schwache, hilfsbedürftige Frau zu geben. Sie berührt uns damit, aber sie behält ihre Kraft und ihren Stolz.

Welche Szenen stehen ganz besonders für diese emotionale Transparenz?

Wichtige Szenen sind die Begegnungen mit einzelnen Verdächtigen sowie das große Verhör mit dem Hauptverdächtigen ? da hat Maria Furtwängler eine irrsinnige Performance hingelegt ? und die gesamte Schlusssequenz bis hin zu dem dramatischen Moment, an dem sie gezwungen ist, auf jemanden zu schießen. Im Krimi wird es oft heruntergespielt, aber es ist für jeden Polizisten ein hartes, einschneidendes Erlebnis, auf einen Menschen schießen zu müssen. Ich weiß aus vielen Recherchen und Gesprächen, dass dies für keinen Polizisten etwas Normales ist. Dort möchte ich die Verletzlichkeit und Angegriffenheit der Lindholm besonders hervorheben, im Gegensatz zu der oft coolen Fassade, die diese Frau hat.

Haben Sie den selbstgefälligen und dumm-dreisten Kommissar Kohl bewusst mit einem massigen Schauspieler mit großer körperlicher Präsenz besetzt?

Sowohl Felix Vörtler, der Kohl spielt, als auch Sven Lehmann, der dessen sanfteren Kollegen Bergmann darstellt, kenne ich aus meinem Mehrteiler ?Die Wölfe?. Beide sind in meinen Augen ausnehmend gute Schauspieler, die ich für diese beiden Rollen sofort im Kopf hatte. Ich wusste: Sie braucht jemanden, an dem Maria Furtwängler sich die Zähne ausbeißen kann ? diesen Part übernimmt Felix Vörtler als Kohl. Dazu braucht sie jemanden, der die emotionale Seite abdeckt ? darum kümmert sich Sven Lehmann. Ich war heilfroh, dass beide Schauspieler Zeit für diesen Film hatten.

Welchen Anteil hat eigentlich die richtige Besetzung der Rollen für das Gelingen eines Films?

Das ist bei Fernsehen und Film genauso wie beim Fußball: Für ein gutes Spiel brauchen Sie eine gute Mannschaft. Wenn ich ein gutes Drehbuch und dazu eine gute Besetzung habe, kann ich einen Film kaum noch vergeigen.

Haben Sie einen Kreis von Lieblingsschauspielern, mit denen Sie gern arbeiten?

Ich habe es schon gern kreativ-harmonisch am Set. Man darf sich fetzen, aber nicht ständig. Wenn die Chemie aber nicht stimmt, kann es mühsam werden.

Für Ihre Filme sind Sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, vom Deutschen Fernsehpreis über den Grimme-Preis bis zur Goldenen Nymphe des Fernsehfestivals in Monte Carlo. Für die NDR-/ARD-Produktion ?Vom Ende der Eiszeit? mit Veronica Ferres erhielten Sie den Bayerischen Fernsehpreis 2007. Hat der Preissegen Sie beflügelt, Ihren Weg und Ihre Ziele weiterzuverfolgen?

Ich hatte schon zehn Jahre Filme gemacht, als sehr gehäuft die Preise kamen. Es ist jedesmal ein tolles, schönes Gefühl, einen Preis zu erhalten. Ein Preis gibt mir das Gefühl, dass ich von meinen Kollegen gesehen und in meiner Arbeit wahrgenommen werde. Ich sage meinen Studenten ?

 ... im Bereich Regie an der Hamburg Media School ... ...

aber auch, dass Niederlagen ebenfalls zum Leben gehören und dass man aus ihnen sehr viel lernen kann.

Und welchen Ratschlag geben Sie Ihren Studenten für ihren weiteren Berufsweg mit?

Ich gebe ihnen den Rat, authentisch zu sein ? im Erfolg wie im Misserfolg immer sich selbst treu zu bleiben. Außerdem sage ich ihnen, dass sie auch mit einem vorgegebenen Drehbuch ihren persönlichen Film drehen können. In diesem Sinn ist auch dieser ?TATORT? für mich ein sehr persönlicher Film, der mich bei der Arbeit sehr berührt hat.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, eine Filmidee umzusetzen ? welchen Film würden Sie drehen?

Ich würde ein Drama im Schnee drehen. 

NDR-Pressemappe


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