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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schweinegeld

Was unterscheidet den Menschen vom Schwein?

Rätselhafte Szenen fließen in den ersten Minuten ineinander, über allem die Hauptstadt im Zwielicht mit ihrer allseits bekannten Fernsehturmkulisse. Die Berliner Skyline ist in diesem TATORT allerdings eher ästhetisches Beiwerk, denn es wird privat.

Im Kühlhaus seiner Fabrik wird der Berliner Fleischkönig Hans Merklinger tot aufgefunden. Der Tote war bereits seit mehreren Tagen verschwunden, wurde aber nur von seiner Geliebten als vermisst gemeldet. Ritter (Dominic Raacke, li.), und Stark (Boris Aljinovic, Mi.) ermitteln. Im Schlachthof befragen sie den Fahrer Ronny (Aaron Hildebrand) von Merklinger Fleisch © rbb/ Christiane Pausch

Es ist die Kameraführung, die dem Zuschauer früh deutlich macht, worum es hier geht, Großaufnahmen und detaillierte close ups dominieren und verdichten die Atmosphäre in diesem Film. Ein Augenzucken, Tränen, Enttäuschung, Hohn und Verachtung, dargestellt in minimalen Gesten - dieser Regisseur verlangt ungewohnt viel von seinen durchwegs überzeugenden Schauspielern.

Dieser TATORT mit dem Titel "Schweinegeld", man ahnt es schon, greift die Gammelfleisch-Skandale der letzten Jahre auf. Wer einen politisch überkorrekten, moralischen Zeigefinger aus der Bioecke der finanziell abgesicherten Gutmenschen erwartet, darf aufatmen: Die befürchtete Tierschutzdokumentation mit gequälten Schweinen bleibt aus. Stattdessen müssen Ritter und Stark in einem Geflecht von Subventionsbetrug, dunklen Geschäften in der Fleischbranche und sehr privaten Tragödien ermitteln.

"Hast dich doch sonst nicht so, wenn du Leichen siehst". (Felix Stark)

Hans Merklinger, der Schnitzelkönig von Berlin, liegt tot zwischen seinen aufgeschnittenen Schweinehälften in der Kühlkammer. Bei den nun folgenden Ermittlungen zwischen Fleischstücken und Metzgerwerkzeug wird selbst dem sonst so abgebrühten Till Ritter schlecht.

Stark (Boris Aljinovic) verdächtigt auch Merklingers Sekretärin Frau Balthasar (Johanna Gastdorf).

Das Spiel mit den Rätseln kann beginnen und Motive sowie Verdächtige sind zahlreich. Es gibt die verlassene und betrogene Ehefrau Christa Merklinger, die junge Geliebte (Alexandra Finder), die langjährige und verkannte Sekretärin Frau Balthasar, den Subunternehmer Joachim Kahle, betrogene Leiharbeiter, dubiose ukrainische Investoren und nicht zuletzt Merklingers um Anerkennung kämpfenden Sohn Maximilian.

Sub-Sub-Sub-Sub-Sub-Unternehmer

Es geht um Betrug im ganz großen Stil, um Subunternehmer und Firmen, die nur auf dem Papier existieren und es geht um Mafiastrukturen, die auch vor der Fleischindustrie nicht halt machen. Doch der Bereich Wirtschaftkriminalität und die komplizierten Möglichkeiten, EU-Gelder abzukassieren und sie zu veruntreuen, rückt in den Hintergrund, denn es war den beiden Drehbuchautoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke in erster Linie wichtig, die "perfide Form von Ausbeutung" osteuropäischer Leiharbeiter zu erzählen, um diesem einen Thema wirklich gerecht werden zu können.

Der Regisseur Bodo Fürneisen findet bedrückende und eindringliche Bilder zu dieser Idee. Das menschenleere "Arbeitslager", in denen die blutigen Spuren der Schweineverarbeitung sich vermischen mit den Alltagsspuren der Menschen, die dort hausen müssen, wie auch die dunklen, leeren Duschen setzen natürlich eine bestimmte Assoziationskette in Gang. Konsequenterweise werden im Folgenden die Hilfsarbeiter wie Vieh in die Lastwagen verladen, um das Bild zu vervollständigen.

Ritter wurde schwer verletzt. Wie konnte das passieren und wie sollen die Ermittlungen jetzt weitergehen? Weber (Ernst-Georg Schwill, li.) ist ebenso fassungslos wie Stark (Boris Aljinovic). © rbb/ Christiane Pausch

Diese Lücken im System, die kleinen rechtsfreien Räume in der EU, die in Deutschland von einer Geiz-ist-geil-Mentalität genährt werden, sind zwar dargestellt, aber nicht unnötig ausgeführt oder, wie so häufig im TATORT, bis zur Unerträglichkeit erläutert. Es ist den Verantwortlichen wirklich gelungen, aus der Gammelfleischproblematik mehr zu machen als die Frage: "?, was denn in der Wurst nun wirklich drin ist."

Auch bei diesem TATORT scheint der höchst erfolgreiche James-Bond-Film "Casino Royale" Pate gestanden zu haben. Was in Hamburg dank eines Mehmet Kurtulus funktioniert, muss aber, so die Bitte, nicht unnötig ausgeweitet werden. In der Ästhetik eines Bushido-Videoclips erscheint der russische Mafiaakteur Dimitroff mit seinem Koffer unter der Brücke und der Zuschauer mag sich nicht entscheiden, ob das ironisch gemeint oder einfach nur unfreiwillig komisch ist.

Nadja Israel


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