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Heute ist der: 13.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das Mädchen Galina

Letzte Grenzen

In der ersten Szene sitzen unsere beiden Stuttgarter Ermittler Sebastian Bootz und Thorsten Lannert, bei rotem Ampellicht in ihrem Mercedes. Der Mercedes, die Luxusmarke aus dem Schwabenland, dient gewohntermaßen als Fahrzeug der Mächtigen, Reichen und der Politik. Rotlicht, das ist das Licht fürs Milieu, für Randbezirke der Stadt und Gesellschaft.

Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller, re.) beim Verhör ihres Hauptverdächtigen. © SWR/ Sabine Hackenberg

Es ist auch das Licht fürs Geschäft mit der Lust, für Prostitution und Ausbeutung von Frauen. Damit ist der Inhalt des neuen Tatorts aus Stuttgart bereits knapp und präzise in wenigen Worten bzw. in einem Bild zusammengefasst.

Action!

Wenig wird gesprochen in den ersten zehn Minuten dieser Folge, es wird endlich wieder gehandelt. Action ist angesagt!

Der Mann als Held? Was hat er nicht alles aushalten müssen in den letzten TATORT-Jahren. Er brauchte eine Psychologin (Kiel), spielte die zweite Geige (Bremen, Ludwigshafen und Konstanz), näherte sich der Karikatur (Münster) oder wurde als Gouvernante gleich zu Hause gelassen (Hannover). Selbst das bayerische Dream-Team konnte gegen eine solche Anzahl ?verqueerter? Charaktere wenig ausrichten.

Doch Hilfe ist nah. In Form von Konjunkturpaket X, für abgewracktes Heldentum, bemühen sich die neueren TATORT-Folgen, redlich um Schadensbegrenzung.

Lannert (Richy Müller, li.) und Bootz (Felix Klare, Mitte) verhören Wolf Zehender (Christian Koerner, rechts), der sich zwar um schönere Worte bemüht, aber letztlich doch der Zuhälter der ermordeten Galina war. © SWR/ Sabine Hackenberg

Steckt die Lösung steckt im Agieren statt im Ermitteln, im Anpacken statt im Nachdenken?

Dieser Devise jedenfalls folgend, geraten die Kommissare in Stuttgart zu einem Einsatz, der nicht einmal der ihre ist. Sie sind nur zufällig in der Nähe, als sie einem Hilferuf des Polizeifunk folge leisten. Am TATORT angekommen, finden sie die verstümmelte Leiche einer Prostituierten, in einem gewöhnlichen Wohnblock. Im anschließenden Feuergefecht wird Bootz bzw. Sebastian - die beiden Kommissare nennen sich gegenseitig explizit beim Vornamen - schwer angeschossen und von Thorsten gerettet.

Laura Högele (Anna Bullard-Werner) fällt auf im Milieu. Aber sie hofft, von Mareen (Margarita Breitkreuz) zu erfahren, ob ihre ermordete Freundin sie nur ausgenutzt hat. © SWR/ Stephanie Schweigert

Die unsichtbaren (Männer-)Regeln

Die mitunter fast zärtliche Männerfreundschaft zwischen den Kollegen dieser Folge, ist durchaus humorvoll inszeniert und den Drehbuchschreibern und der Regie hoch anzurechnen. Es sind die kleinen Situationen zwischendrin die diesen, ansonsten leider irgendwie sperrigen Tatort auflockern und sehenswert gestalten.

So schneidet Thorsten, seinem immer noch angeschlagenen Kollegen Sebastian, väterlich das Fleisch in kleine Stücke und just in diesem Moment kommt die Staatsanwältin hinzu. Sie ignoriert die unsichtbare Mauer die ihre Kollegen gegen sie errichten und setzt sich zu ihnen. Das daraufhin unfreundlich geäußerte: ?Sie kennen die Regeln?, gleicht nahezu einer Drohung.

Die Identifizierung der Leiche hat Minko (Fjodor Olev, re.), den Bruder der Ermordeten, mitgenommen. Nika Banovic (Miranda Leonhardt, li.) bemüht sich, ihn zu trösten. © SWR/ Stephanie Schweigert

Diese ?Regeln? sind Thema des Films. Die Regeln werden von Männern erfunden und auch von Männern nach belieben für nichtig erklärt. Der nächsten Kollegin, die sich an den Kantinentisch setzt, die allerdings hierarchisch unter den beiden Kommissaren anzusiedeln ist, wird sofort gestattet die Regel zu brechen, nämlich über den Fall zu sprechen.

Hüben (Justiz, Politik) wie drüben (Milieu) gibt es diese männlichen Seilschaften, die sich in komplizierter Weise zwischen Loyalität, Abhängigkeit, Freundschaft, Konkurrenz und Verbundenheit zeigen. Das ist nicht neu. Was diesen Tatort interessant macht, ist die Art und Weise wie die Frauenwelt auf dieses uralte Geflecht von etablierten Machtstrukturen reagiert.

Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera) bemüht sich, dem Politiker Bertram Högele gegenüber korrekt, aber fest zu bleiben. © SWR/ Sabine Hackenberg

Die desillusionierte Prostituierte, die smarte Staatsanwältin, die KTU-Spezialistin und die wohlhabende, einflussreiche Tochter sie alle haben etwas gemeinsam. Doch diese Gemeinsamkeit lässt sich eigentlich nur in einer Art Rückwärtsverfahren für den Zuschauer ermitteln. Wer nicht zuviel erfahren möchte sollte hier aufhören zu lesen.

Achtung: Spoiler!

All diese Frauen schmachten und sehnen sich nach den Männern bzw. deren Liebe und Anerkennung. Sie lassen sich im Konkreten wie im Abstrakten lieber würgen, um dem Mann Gipfelstürme zu ermöglichen, um ihm ?zu geben was er braucht, denn sonst kommt er nicht?.

Als Lannert (Richy Müller) begleitet vom SEK an den Tatort zurückkommt, ist die Leiche verschwunden. © SWR/ Stephanie Schweigert

Diese sexuelle Würgepraktik wird zum Sinnbild der hier verhandelten Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Es geht um starke Machtgefühle, Ausgeliefertheit und Kontrolle bei diesem makaberen Spiel um ?letzte Grenzen?.

Bei dem Drehbuch hat sich jemand augenzwinkernd, mit klassischen Erzählmustern der Krimiliteratur beschäftigt und diese im Stuttgarter Ländle gegeneinander antreten lassen. Der männliche, hartgesottene Erzählstrang voller Action und Gewalt folgt dabei dem altbekannten Whodunit (Wer hat es getan?) und wird ergänzt durch die sich gleichzeitig entwickelnde Geschichte weiblicher Opfer ?HadIbutknown? (Wenn ich das gewusst hätte).

Tonia Högele (Ulrike Grote, rechts) versucht Staatsanwältin Emilia Álvarez (Carolina Vera) mit ihren guten Verbindungen einzuschüchtern. Aber Álvarez lässt sich nicht von ihren Ermittlungen abbringen. © SWR/ Sabine Hackenberg

Es wird dabei ein eher desillusionierendes Bild moderner Männer und Frauen entworfen. Die Männer stehen unter dem Druck, nach wie vor rollenkonform und möglichst ?unverwundbar?, Retter und Ritter zu sein. Und die Frauen suchen sich in dieser ewigen Gleichung, den Mann auf Lebenszeit, um ihm zu Willen sein.

Einzig und allein der Aufschrei den Laura Högele, gegen Ende des Films, ihrer angepassten Mutter entgegen schleudert, deutet einen Hoffnungsschimmer an: ?Ich will nie so werden wie du?.

Nadja Israel


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