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Heute ist der: 22.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Kinderwunsch

Butterfahrt auf der Donau

Am Anfang geht alles seinen geordneten Gang. Eine Leiche wird im Fluss gefunden. Aber nicht in irgendeinem Fluss, sondern in der Donau. Womit der Hauptdarsteller des Films schon mal eingeführt wäre, denn dieser TATORT spielt in Linz, und Linz scheint das Fließgewässeräquivalent zu einem Straßendorf zu sein.

Bild: RBB

Jedenfalls ist die Donau praktisch omnipräsent ? von der Leiche über das Polizeipräsidium über die Wohnung des Opfer über den Aufenthaltsort der Verdächtigen bis zum Schauplatz des Showdowns: Mehr Donau war nie seit Johann Strauß. Bisweilen möchte man meinen, der Strom flösse in Linz spiralförmig, anders sind die vielen Uferszenarien kaum zu erklären. Apropos Johann Strauß: Linz ist auch europäische Kulturhauptstadt 2009, weshalb es in diesem TATORT zudem noch wimmelt von Ärzten, die als Hobby Jugendorchester leiten, und Verdächtigen, die am Konservatorium Klavier studieren.

An den Fluss der Flüsse

Aber zurück zum Fall: Das Opfer ist eine bekannte Investigativjournalistin, die schon so manchen hochbrisanten Scoop gelandet haben soll. Offenbar ist die Lokalpresse in Linz in einer besseren Verfassung als im Rest des deutschsprachigen Raums. Und deshalb meint das Innenministerium, zur Unterstützung müsse der Sonderermittler Moritz Eisner an den Fluss der Flüsse.

Bild: RBB

Dort angekommen, trifft er auf seine taffe Kollegin vor Ort, Karin Brandstätter, die, obschon gertenschlank, unentwegt in sich hineinfuttert, und ihren Assistenten Wolfgang Rohrmoser. In der Gerichtsmedizin erfährt das neu zusammengewürfelte Team, dass das Opfer erst vor kurzem entbunden hat. In seiner Wohnung finden die Polizisten jedoch keinen Hinweis auf ein Baby, stattdessen stoßen sie auf eine Spur der Verwüstung ? hier hat offenbar jemand nach etwas gesucht. Brandheiße Journalistenrecherche womöglich?

Nach 30 Minuten ist der Fall aufgeklärt

Damit sind die Grundlagen für einen normalen Krimi-Plot gelegt, recht schnell finden die Ermittler heraus, dass die Journalistin lesbisch war, dass ihr Baby bei der Lebensgefährtin weilt, dass ihr Rechercheziel eine Klinik für künstliche Befruchtung und dass sie ihre seit langem angekündigte Super-Top-Story urplötzlich zurückgezogen hat. Es sind genau 15 Minuten des Films vergangen, da liegt also ein ziemlich naheliegender Handlungsstrang wie ein offenes Buch vor uns. Alles verläuft im Rahmen des Erwartbaren weitere 15 Minuten, und dann kommt es tatsächlich zu einer verblüffenden Wendung: Der Fall wird aufgeklärt. Nach 30 Minuten.

Bild: RBB

Wir kennen den Täter, wir kennen im Wesentlichen das Motiv, wir kennen die wesentlichen Rahmenbedingungen, das wird alles einfach so runter erzählt. Und das war?s dann auch. Natürlich dauert es noch eine weitere Stunde, bis Eisner & Co. alles ausrecherchiert und alle verhaftet haben, aber wesentliche neue Erkenntnisse kommen nicht dazu. Nun sind offene Erzählweisen bei Krimis ja durchaus sehr reizvoll, wenn sie eben künstlerisches Konzept sind und man dadurch beispielsweise intensiver auf die Charaktere oder die Hintergründe eingeht. Das allerdings tut der Film mitnichten.

Kein reißender Strom, ein dahinplätschernder Bach

Er schippert durch seine (letztlich auch eher halb-)brisante Thematik wie ein Ausflugsdampfer auf der Donau. Das ist, vor allem aufgrund des wirklich sehr gewinnenden und unaufgeregten Ermittler-Teams, ganz nett anzuschauen, dem Fluss entsprechende Tiefen erreicht es aber nicht ansatzweise. Und statt einem reißenden Strom ähnelt alles er einem sanft dahinplätschernden Bach. Das müssen auch die Macher bemerkt haben, weshalb sie auf leider etwas krude Ideen der Spannungsgenerierung gekommen sind. Der Showdown ist mindestens zweifelhaft, auch die Plausibilitätsfrage will man lieber nicht allzu detailliert durchdenken (welchen Sinn ergibt es für die Täter, Eisner aufzulauern?).

Bild: RBB

TATORT mit PR-Filmchen für Kulturhauptstadt gekreuzt

Und wenn ein Bauer seinen künstlich erfruchteten Sohn samt Frau nur deshalb verlässt, weil Moritz Eisner vorbeikommt und fragt, ob es denn möglich sei, dass bei der Befruchtung gar nicht nur die Erbmaterialien der Eltern zum Einsatz gekommen sind, dann ist das das schon ein arg klobiger Holzhammer, mit dem versucht wird, alle Aspekte des Themas auszuleuchten und Dramatik zu erzeugen, da helfen alle durchgängig guten schauspielerischen Leistungen nichts. Über die kriminalistische Auflösung des Falls sollte man hinterher auch mal diskutieren ? das könnte man schon etwas arg pauschal in eine bestimmte geographische Richtung finden. Und schließlich ist die Frage wohl nicht ganz abwegig, ob es wirklich eine gute Idee ist, einen TATORT mit einem PR-Filmchen für eine aktuelle Kulturhauptstadt zu kreuzen.

Keine Kabbeleien, keine amourösen Verwicklungen, kein Kompetenzgerangel

Zumindest einige besonders irritierende Einstellungen wären sonst wohl vermieden worden. Immerhin, einiges ist dem Film auch zugute zu halten. Besonders das Linzer Kollegenteam und die Zusammenarbeit mit Eisner sind geradezu wohltuend. Nicht die üblichen Kabbeleien, keine amourösen Verwicklungen, kein Kompetenzgerangel ? die arbeiten einfach nett und gut zusammen. Auch der Assistent ist ? fast verblüffend ? weder Trottel noch Gegenpart noch böser Bube, sondern einfach ein freundlicher, fähiger Assistent. So etwas nimmt man ja mal dankbar zur Kenntnis. Dass es ganz ohne Eisners Schlag bei den Frauen dann doch nicht geht ? geschenkt. Und recht angenehm wird Pathos und Kitsch vermieden, dafür mag die Schlussszene symbolisch stehen. Eine so trockene Herangehensweise an persönliche Aspekte wünschte man sich viel öfter.

Bild: RBB

Unterm Strich aber steht statt eines mitreißenden Wildwasser-Flussabenteuers eher eine Sonntagnachmittags-Butterfahrt auf der Donau auf dem Programm. Die ist eben auch schon lange begradigt und für die großen, gemütlichen Kähne ausgebaut.

Heiko Werning


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