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Heute ist der: 14.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Ich mag es, die Abgründe
des Menschlichen zu erforschen.?
 

Gespräch mit Florian Froschmayer

Bild: NDR/ Marion von der Mehden

Was hat Sie an dem Stoff fasziniert?

Zuerst einmal: Für mich war es ein großer Glücksfall, gerade diesen Stoff umsetzen zu dürfen. Er hat mich sofort begeistert, da ich die stillen, tiefen Geschichten mag. Ich mag es, die Abgründe des Menschlichen zu erforschen und die Geschichte ist, Borowski eingeschlossen, mit ihren vier Hauptpersonen sehr klar erzählt, so dass wir uns gut in die Tiefe begeben konnten, was bei einem ?Whodunit? sonst schwierig ist. Daher erzählt diese Folge neben einem packenden Krimi auch ein großes, klassisches Drama. Diese Kombination gelingt selten. An dieser Stelle will ich deshalb eine Lanze brechen für die Autoren Elke Schuch und Marc Blöbaum. Es heißt immer, in Deutschland hätten wir ein Autorenproblem. An dieser Stelle zeigt sich, dass dem nicht so ist. Schon die erste Buchfassung war so stark, dass ich das Gefühl hatte, kurz vor einer Drehfassung zu stehen.  

Waren Sie an der Buchentwicklung beteiligt?

 Bis zur ersten Fassung hatte ich das Buch nicht gesehen. Erst da hatten wir uns zum ersten Mal getroffen. Am Hauptstrang wurde nichts geändert. Wir haben viel über die Mutter der Hauptfigur Nadine, Vera Zimmer, gesprochen, weil sie für mich eine absolute Schlüsselfigur ist, obwohl sie eine kleinere Rolle einnimmt. Dann haben wir den Strang Borowski-Jung mit dem drohenden Weggang von Frieda Jung in die Schweiz gestärkt. Es ging uns vor allem darum, Borowski mehr unter emotionalen Druck zu setzen und gleichzeitig Frieda Jung enger in seine Konflikte einzubinden.

Ist der klassische ?Whodunit? die Gelegenheit, solides Handwerkskönnen zu zeigen, weil man bei dieser klaren Erzählform weniger schummeln kann?

Die Grundlage eines guten ?Whodunit? entsteht wie die eines jeden guten Films im Drehbuch. Für mich ist es nun spannend, die Figuren nach vorne zu bekommen und zu verhindern, dass sie von dem Rätsel und seiner Lösung in den Hintergrund gedrängt werden. In unserem Fall erlaubte mir die sehr gute Struktur, mich auf die Figuren zu konzentrieren.

Bild: NDR/ Marion von der Mehden

Wie bereitet man sich auf ein Thema wie Kindsmord vor? Geht das überhaupt?

Ich glaube, es ist vermessen zu sagen, dass man sich darauf adäquat vorbereiten kann. Es ist ja nicht nur ein Kindsmord, es ist auch ein Kindstod. Letzteres ist gerade in meinem Umfeld passiert und es ist einfach nicht fassbar. Unsere Verantwortung war, aus dem Kindstod kein Kapital zu schlagen, sondern die Geschichte der Figuren, die zurückbleiben, und nicht primär das Schreckliche an diesem Tod zu erzählen. Unsere Herangehensweise war: Wie reagiert Borowski? Wie reagiert Vera Zimmer? Wie reagiert eine Mutter oder ein Vater? Vor jeder Szene habe ich mich mit Axel Milberg darüber unterhalten, wo Borowski emotional gerade steht,  wo er hergekommen ist, was er durchgemacht hat, um diese Reise auch sauber durch den ganzen Film hindurch zu erzählen.

Bild: NDR/ Marion von der Mehden

Wie war die Arbeit mit den Schauspielern?

Ich habe mich sehr ausführlich mit jedem einzelnen Schauspieler über seine Figur unterhalten und wir haben uns Gedanken gemacht, wie jeder Mensch für sich funktioniert, auch wenn er eben nicht in dieser Geschichte agiert. Dann wurde natürlich vor jeder Szene besprochen, wo sich jeder Charakter befindet und wohin er möchte. Ein ganz wesentlicher Teil der Filmarbeit ist aber auch die Kameraarbeit, denn sie zeigt, wie wir auf etwas schauen. Eine der Schlüsselszenen ist die Szene, in der Borowski die Todesnachricht überbringt. Da liegt dann Nadine, die trauernde Mutter, am Ende des Flurs. Das ist nicht etwas, was man planen kann. Wir haben zwar viel über diese Szene gesprochen, doch als wir sie gedreht hatten, haben wir geschaut, was bei der Probe herauskommt. Ich stand dabei im Flur, um das Set frei zu machen und hatte die Perspektive inne, die wir schließlich benutzt hatten. Dabei war mir sofort klar, dass wir von außen draufgucken müssen. Wir nehmen den Zuschauer ja an die Hand und führen ihn durch die Geschichte und die Frage ist: Wie machen wir es, damit es erträglich bleibt?

Bild: NDR/ Marion von der Mehden

Sie haben mehrere kleine charakterbeschreibende Szenen eingebaut, die die Geschichte auflockern und zugleich die Charaktere natürlicher in ihrem Verhalten erscheinen lassen. Etwa den Streit zwischen dem Kellner und seinem Bruder oder als Vera, Nadines Mutter, ihre Kopfschmerztabletten sucht.

Mir ist es immer wichtig, auf mehreren Ebenen zu erzählen. Ich habe natürlich die Struktur der Geschichte und die Figuren. Mit ihrer Hilfe kann ich über die kleinsten Verhaltensweisen etwas erzählen. Die Kopfschmerztablette war eine Idee der Autoren, um zu zeigen, dass Vera eine Person ist, die sofort versucht, in den Mittelpunkt zu gelangen, wenn es mal nicht um sie geht. Im Grunde ist das eine sehr starke Szene. Es geht um eine trauernde Mutter. Doch anstatt ihrer Tochter tröstend zur Seite zu stehen, reißt Vera das Drama an sich. Und dies sagt sowohl etwas über Vera als auch sehr viel über Nadine aus, was gerade für das Gesamtverständnis der Geschichte wichtig ist.

Bild: NDR/ Marion von der Mehden

Wie gelingt es, einen eigenen Ton in einem TATORT zu bekommen, der mit seinen ständigen Ermittlern bereits klare Vorgaben hat?

Ein TATORT ist gerade deswegen ein großartiges Format für einen Regisseur, weil er sich einerseits auf ein funktionierendes Gerüst stützen kann und andererseits erzählerische Freiheit genießt, um seine Vision umzusetzen. Das wurde von der Studio Hamburg Produktion auch ausdrücklich so gewünscht. Bei Szenen wie der Flurszene, die nicht jede Woche in der Form im TATORT zu sehen sind, haben wir uns im Vorfeld allerdings abgesprochen. Dabei ging es nicht darum, sich eine Erlaubnis abzuholen. Es ging darum, meine Idee verständlich zu machen. Und die Produzenten wollten es sehen. Das gemeinsame Verständnis war, dass etwas Neues machbar ist, solange es der Geschichte dient. Wenn sich die Form nicht in den Vordergrund drängt, funktionieren neuartige Bilder. 

NDR-Pressemappe


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