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Heute ist der: 14.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Oben hui, unten pfui

Der TATORT ist Stillstand, Nostalgie und geprägt von einem ?grauenhafte[n] Machbarkeitsrealismus? hatte jüngst Sarah Khan in der Süddeutschen Zeitung gewettert. Es gibt allerdings so einiges, was trotz allem möglich ist in dieser ?tatöden? Reihe, oder - um mit Dominic Raacke zu sprechen - mit der immer gleichen ?mathematischen Rechnung?.  Als Beweis kann man sich am 19. April den 20. Berliner Jubiläums-TATORT anschauen.

Der oben kritisierte Machbarkeitsrealismus wird in diesem TATORT nämlich selbst zum Thema gemacht. Dabei treffen Wahlbeziehungen, Austauschfamilien, Berlin als Durchgangsstadt und global agierende Zocker auf Verwurzeltes, Gewachsenes und untrennbar mit Geschichte Verwobenes. Das ist eine etwas andere Form, um Lokalkolorit zu erschaffen.

Regionalität nicht nur über Charaktere und Dialekt

Viel ist gesagt worden über ein immer langweiligeres, gesamtdeutsches Format, in dessen Bildsprache Hamburg, Berlin, Stuttgart und Frankfurt gleichermaßen modern, verchromt und tendenziell amerikanisiert daher kommen und zum verwechseln ähnlich werden. Dass sich Regionalität aber nicht ausschließlich über urwüchsige Charaktere und starke Dialekte vermitteln muss, dafür ist der neue Großstadt-TATORT aus Berlin ein wohltuendes Beispiel. Das Drehbuch von Natja Brunckhorst macht es möglich.

Bild: RBB/ Julia Terjung

Die Schauspielerin Brunckhorst wurde 1981 schlagartig bekannt durch ihr Kinodebüt als Christiane F., in dem berühmten Film über Berlin: ?Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.? Sie hat sich viele Gedanken gemacht über das architektonische, verkehrstechnische, wie soziale ?Oben und Unten? der Stadt Berlin und der Regisseur Nils Willbrandt hat ihre Ideen in ausdrucksstarken Bildern umgesetzt.

Die Gedärme der Stadt

Das ?Oben? dieser Stadt erstrahlt in modernem, sauberem Weiß. Stahlträger und Spiegelwände machen hier inhaltlichen Sinn und sind nicht nur ästhetische Politur. Die Neubauten der Berliner Mitte bilden konsequent den Kontrast zur schwarzblau gefilmten, vermodernden Unterwelt der zerbröselnder Backsteine. Die unverwechselbare und verdrängte Geschichte steckt in den ?Gedärmen der Stadt?, den Überresten von Hitlers unterirdischem ?Germania?.

Ein Toter fährt U-Bahn. Es sieht aus als schliefe er. In einer großen Stadt die niemals ruht, in der Menschen wie ?Ebbe und Flut? in die Wagons drängen, fällt erst dem Reinigungspersonal am Ende des U-Bahntunnels auf, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt. Unter dem elegant anmutenden Hut findet sich, ungewohnt deutlich für einen TATORT gefilmt, ein blutig zertrümmerter Schädel aus dem das Gehirn hervorquillt. Eine filmische Metapher, welche die Marschrichtung für diesen Jubiläums-TATORT vorgibt.

Bild: RBB/ Julia Terjung

Groß angelegtes Patchwork von Verdächtigen...

Die Ermittlungen der beiden Kommissare Ritter und Stark führen bald in die Welt der Immobilien und Bauspekulanten, aber auch in das weit verzweigte Berliner Tunnelsystem. Der Tote heißt Horst Baumann und sein Name ist Programm. Bereits in der Vergangenheit war er durch eine spektakuläre Baupleite ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Baumann hielt sich, nach einem längeren Auslandsaufenthalt, vor seinem Tod, wieder in Berlin auf.

Was nun folgt ist ein groß angelegtes Patchwork von Verdächtigen: Ex- und Ehefrau, ein betrogener Handwerker, ein verrückter Künstler, ein Kindermädchen, gierige Bauherren, und schwierige, gelangweilte Jugendliche bieten sich an, den korrupten und unsympathischen Horst Baumann ermordet zu haben.

.. und Wirrwarr zwischenmenschlicher Beziehungen

Damit spiegelt das Labyrinth der unterirdischen Gänge Berlins, den Wirrwarr zwischenmenschlicher Beziehungen. Zersplitterte Beziehungen in einer zersplitterten Stadt. Aus den Sphären der Großprojekte und Immobilienspekulanten führt der Weg geradewegs in die Vergangenheit und wird zu einer persönlichen Täter-Opfer-Geschichte.

Die Fundamente Berlins, sie haben Risse und unter dem neuen, architektonischen Hochglanz, vermodern die Nazibunker, Spionagetunnel, stillgelegten Bahnstrecken und Kellergewölbe. Die jüngste Geschichte dieser Stadt wird verknüpft mit der Geschichte von Vätern und Söhnen. Die Jungs in diesem TATORT sind ?KidS, Kinder in desolaten Situationen? und ähnlich wie weder der Senat, noch die Berliner Verkehrbetriebe zuständig sind für den historischen Bauch der Stadt, fehlen auch bei den Kindern die Verantwortlichen, die sich ihrer annehmen.

Bild: RBB/ Julia Terjung

Ritter ist ein Retter

?Emotionale Finalisierung? nennt Boris Aljinovic diesen Kunstgriff fast entschuldigend und auch Dominic Raacke findet: ?Das ist immer so. Das ist das Problem beim TATORT??

Diese Emotionalisierung ist es jedoch, die trockene Fakten über verzocktes Geld, verantwortungslose Bausünden und die Gier nach schnellem Profit erzählbar macht. Die spezielle Frage in diesem TATORT, nach väterlicher Verantwortung und unterschiedlichen Männlichkeitsbildern, wird mit Humor und Ironie versehen gestellt. Ausgerechnet der Macho Till Ritter erleidet mal seinerseits Autoritätsverlust bei den ?KidS?. In einer Welt in der nur die ?Harten überleben?, lässt er verlauten ??gut sein ist nicht mein Ding?, und findet sich dennoch wider Willen in der Rolle eines richtigen Retters wieder.

Darth Vader in Berliner Tunneln

Viele kurze und witzige Szenen kommentieren die Haupthandlung, um den Film aufzulockern. Schon die kleinen Jungs prügeln sich um Wippenplätze, eine Darth Vader Figur treibt in den Berliner Tunneln ihr Unwesen, Kommissar Ritter kriecht just vor dem Wahrzeichen Brandenburger Tor in den Gulli und schließlich tragen und schieben die beiden physisch sehr unterschiedlichen Kommissare sich gegenseitig durch die Öffentlichkeit bzw. einen U-Bahnhof.

Am Ende erlaubt sich dieser TATORT echte Tragik, gewürzt mit einem Pathos, das nicht hätte sein müssen. Trotzdem: ein guter Film aus Berlin!

Nadja Israel


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