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Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Dominic Raacke

Alles klar, Herr Kommissar?

Besser kann der Ort für dieses Interview nicht gewählt sein: Dominic Raacke sitzt auf 203 Metern Höhe im Drehrestaurant des Fernsehturms am Berliner Alexanderplatz, um über einen "Tatort"-Film zu parlieren, der sich unter dem Titel "Oben und Unten" ausgiebig mit den Gegensätzlichkeiten der Hauptstadt beschäftigt. Der Münchner, der seit 1999 als Berliner Kommissar Till Ritter fiktiven Verbrechern das Handwerk legt und mit dem neuen Film (Sonntag, 19. April, ARD) die 20. gemeinsame Folge mit seinem Kompagnon Boris Aljinovic alias Felix Stark feiert, blickt mit wohl echter Faszination durch das Aussichtsfenster. "Sehen Sie selbst: Berlin sieht toll aus. Und es sieht scheiße aus." Der Schauspieler spricht über sein ganz persönliches Berlin-Gefühl und verrät, ob sich mit 50 in seinem Leben Einschneidendes verändert hat.

Dominic Raacke ist in den TATORT-Produktionen vom Rundfunk Berlin-Brandenburg als Kommissar Till Ritter zu sehen. Dort ermittelt er gemeinsam mit Kommissar Felix Stark, gespielt von Boris Aljinovic. Das Foto entstand beim Dreh für den rbb-Tatort "Oben und Unten" im Herbst 2008 © rbb/Julia Terjung

teleschau: Herr Raacke, wer wird Meister?

Dominic Raacke: Ich interessiere mich nicht wirklich für Fußball, oute mich aber trotzdem: Ich bin für die Bayern - weil alle Bayern scheiße finden. Aber ich freue mich auch, dass Hertha vorne mitmischt.

teleschau: Lassen Sie uns übers Alter reden. Sie sagten einmal: "Mit 20 denkt man, dass man mit 30 erwachsen ist. Aber mit 30 weiß man, dass man nie erwachsen wird, nur älter!" Haben Sie dem mit 50 etwas hinzuzufügen?

Raacke: (lacht) Nein. Das kann so stehen bleiben. Und mit 50 denkt man ja nicht mehr so dogmatisch.

teleschau: Kein Gefühl von Angekommensein oder etwas in der Art?

Raacke: Nein.

teleschau: Ist mit 50 also alles so, wie es vorher war?

Raacke: Ich fühle mich mit meiner Freundin privat sehr wohl, auch angekommen, klar. Aber das ist keine Frage des Alters. Hätte ich sie früher getroffen, wäre dieses Gefühl bestimmt schon früher eingetreten. Ansonsten fühle ich mich im Leben immer noch wie ein Anfänger.

teleschau: In welcher Hinsicht?

Raacke: In fast jeder. Wissen Sie, wenn ich mit meinem 80-jährigen Vater rede oder mit meiner 83-jährigen Mutter, dann geht es denen genauso. Ich kriege von denen nicht die Botschaft, dass man ab einem bestimmten Alter klarer ist oder irgendwie besser dasteht im Leben.

teleschau: Also war Ihr 50. Geburtstag im Dezember ein Tag wie jeder andere?

Raacke: Nein, nein, es war ein ganz wichtiger Tag, wir feierten eine Riesenparty. Aber das verdankte ich meiner Freundin, die angedroht hatte, dass sie eine Überraschungsparty organisiert, falls ich nicht in die Gänge komme. Ich dachte mir, bevor das passiert, lade ich lieber selber ein. Es war fantastisch. Ich kann jedem, der vor seinem 50. steht, nur empfehlen, es krachen zu lassen.

teleschau: Sie reden ganz gerne über Ihr Alter, nicht wahr?

Raacke: Ja. Damit habe ich kein Problem. Ein schönes Thema.

Schauspieler Boris Aljinovic (li.) und Dominic Raacke (re.) sind die TATORT-Kommissare vom Rundfunk Berlin-Brandenburg © RBB/ Anngret Plehn

teleschau: Weil man Ihnen Ihr Alter eh nicht ansieht?

Raacke: (lacht) Vielen Dank. Momentan fühle ich mich wirklich ziemlich jung, fit und wohl - unter anderem, weil ich in den letzten Monaten ziemlich abgespeckt habe. Acht Kilo.

teleschau: Wie denn?

Raacke: Sport mache ich ja schon immer. Ich stemme Gewichte und laufe. Nun schaue ich auch bewusster auf meine Ernährung, achte darauf, dass ich energetisch wertvolle Sachen zu mir nehme. Meine Freundin hat mich ein bisschen darauf gebracht.

teleschau: Also keine Currywurst an der Imbissbude wie in der Rolle als "Tatort"-Kommissar?

Raacke: So was geht gar nicht mehr! Naja, vielleicht hat es dann unterschwellig doch etwas mit meinen 50 Lebensjahren zu tun, dass ich mich entschieden habe, etwas bewusster und gesünder zu leben ...

teleschau: So eine Erkenntnis hätte der ewig durch die Bars ziehende Kommissar Ritter auch mal nötig, oder?

Raacke: Ach nee. Der gibt ja nicht nur Gas. Der hat auch seine ruhigen, melancholischen Momente. Ich sehe die Figur als einsamen Wolf, der auf der guten Seite steht und die Straßen Berlins sauber hält. Ein positiver, cooler, starker Typ, und gleichzeitig ist er einsam, traurig. Ich würde eingehen, müsste ich so leben wie er. Ja, er ist wie diese Straßenkehrer, die ich immer frühmorgens aus meiner Münchner Wohnung beobachte. Die haben vielleicht keinen besonders angesehenen Job, aber sie haben ihren Stolz und sind hartnäckig. Jeden Morgen aufs Neue kommen sie und machen die Straßen sauber.

teleschau: Nach der Trennung von Ihrer Frau Kristina 2006 lebten Sie zunächst als Single - glücklich, wie Sie mehrfach betonten. Nun sind Sie wieder in einer Partnerschaft. Wollten Sie nicht mehr alleine sein?

Dominic Raacke mit ARD-Programmdirektor Volker Herres (r.), der am 28.11.08 zum traditionellen Adventsessen in das extravagante Ambiente des HVB-Forums im Herzen von München einlud. Mit dieser Einladung bedankt sich das Erste Deutsche Fernsehen bei Schauspielern, Produzenten und Programmverantwortlichen für ein erfolgreiches Programmjahr. © ARD/Ralf Wilschewski

Raacke: Ach, ich glaube, die Sehnsucht nach Zweisamkeit steckt in uns allen. Irgendwann findet man halt wieder die Richtige. Janine arbeitet bei einer großen Verleihfirma, ist also keine Schauspielerin. Mir ist es durchaus wichtig, dass ich mich privat auch mit Leuten umgebe, die nicht direkt vom Fach sind. Ich habe heute noch alte Freunde aus Hanau, die jetzt, wie ich, in München leben, mit denen treffe ich mich regelmäßig zum Männerabend.

teleschau: Sie sind gebürtiger Hanauer, studierten in New York, leben in München und gehen seit zehn Jahren als Berliner "Tatort"-Kommissar durch. Was mögen Sie an Berlin?

Raacke: Sehen Sie selbst: Berlin sieht toll aus. Und es sieht scheiße aus. Berlin ist nicht umsonst die Hauptlocation für Filme heutzutage. Die einzige gefühlte Metropole Deutschlands. Hier gibt es einen Künstler wie Peter Fox, der starke Songs über seine Stadt schreibt, so etwas kann man sich in München doch gar nicht vorstellen. Wie peinlich wäre so etwas dort geworden, ganz pathetisch. Oder höchstens so was wie "Skandal im Sperrbezirk" ...

teleschau: Sie meinen den Fox-Song "Schwarz zu blau"?

Raacke: Ja, der läuft jetzt auch im neuen "Tatort", habe ich selber ausgesucht: "Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, dreckig und grau, du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf ..." Starker Text, oder? Das fasst den schmutzigen, rotzigen Charme von Berlin wunderbar in Worte. Und über das gemütliche, aufgeräumte, museale München könnte man so was nun wirklich nicht singen.

teleschau: Warum ziehen Sie eigentlich nicht hierher?

Raacke: Weil dann das viele Reisen wegfallen würde. Wäre doch schade. So kann ich München und Berlin genießen, ich fühle mich sehr wohl in diesem Kontrast.

teleschau: Kennen Sie beide Städte aus der U-Bahn-Perspektive? Immerhin findet der neue "Tatort" zum guten Teil im Untergrund statt.

Raacke: Ja. Es ist die beste Art, eine Stadt und ihre Menschen kennenzulernen. Den Unterschied merkt man sofort. In der Berliner U-Bahn stoßen sie nun mal zwangsläufig auf das Krasse, etwas Andersartige, Asslige. Ein ziemlich hartes Pflaster, wenngleich noch nicht so hart wie New York.

teleschau: Sie fahren wirklich noch viel U-Bahn? Als markanter Fernsehstar weden Sie doch sicher ständig erkannt ...

Raacke: Naja. In München sitze ich schon lieber auf meinem Fahrrad, ist halt 'ne klassische Fahrradstadt. Dass ich in der U-Bahn erkannt werde, passiert nicht wirklich oft. Die Leute vermuten ja nicht, dass jemand, den sie aus dem Fernsehen kennen, mit der U-Bahn fährt. Außerdem schütze ich mich manchmal mit einem Buch oder der Zeitung in der Hand. Wenn mich doch jemand erkennt und sich freut, dann ist das doch auch eine sympathische Begegnung: eine Art verspäteter Applaus für einen Fernsehschauspieler.

teleschau: In München ist so ein "Tatort"-Kommissar gewissermaßen als Kulturgut assimiliert. Haben Sie das Gefühl, dass das auch in Berlin so ist?

Raacke: Nein, ich glaube, hier geht man schon noch etwas cooler mit uns Schauspielern um. Hier sagt der Taxifahrer höchstens mal am Ende einer Fahrt: "Und, alles klar, Herr Kommissar?" Mehr passiert eigentlich nicht. Die meisten Reaktionen in Berlin bekomme ich von Touristen aus anderen Regionen Deutschlands. Da taucht dann schon mal eine Reisegruppe aus Wuppertal mit Autogrammzetteln bewaffnet auf. Klar ist das für die ein bisschen aufregend: Sie sind in Berlin - und dann entdecken die auch noch den zu Berlin gehörenden Fernsehkommissar!

teleschau: Wäre New York eigentlich noch einmal eine Option?

Raacke: Ja. Amerika generell ist das Land meiner Sehnsüchte, das Land, in dem ich meine ersten erwachsenen Jahre verbrachte, aus dem die Filme und die Musik herkommen, die ich liebe. Und es ist das Land, in dem meine Mutter und mein Bruder leben. Amerika ist immer noch ein Ziel! Aber ich möchte auch Asien kennenlernen und Australien sehen. Das Reisen steht künftig bei mir ganz oben.

teleschau: Berlin ist die wichtigste Stadt Deutschlands. Ist der Berliner "Tatort" der wichtigste "Tatort"?

Szene aus Oben und unten: Die Spurensicherung untersucht den unterirdischen Fundort der Leiche. Ritter (Dominic Raacke, li.) und ein Vertreter der Verkehrbetriebe (Stephan Baumecker) sind vor Ort. © rbb/Julia Terjung

Raacke: Na klar! (lacht)

teleschau: Sie übten aber schon mehrfach Kritik.

Raacke: Ja. Es fehlt beim rbb halt an Geld. Ich finde, die anderen müssten uns etwas abgeben. Sagen wir zehn Cent pro für einen "Tatort" ausgegebenen Euro ...

teleschau: Im Ernst?

Raacke: Absolut. Der Berliner "Tatort" repräsentiert die größte Stadt, also müsste er das meiste Geld haben. Es ist ja so, als hätte der "Tatort" aus Lyon mehr Geld als der aus Paris (lacht).

teleschau: Es liegt aber nicht nur am Geld, dass es dem Hauptstadt-"Tatort" mitunter an Relevanz mangelt. Sie sagten selbst einmal, dass ein "Tatort" zum Thema "Ehrenmord" eigentlich aus Berlin hätte kommen müssen ...

Raacke: Dazu stehe ich. Aber heute rege ich mich nicht mehr auf. Ich bin in solchen Dingen recht launisch. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich nun 50 und damit ein bisschen ruhiger geworden bin.

teleschau: Und wie sehen Sie es heute?

Raacke: Heute bin ich geschmeidiger: Machen's wir nicht, machen es halt andere, so what! Überhaupt: Ich bin nur einer von vielen "Tatort"-Kommissaren. Es gibt auch noch Wichtigeres im Leben.

teleschau: Aber Ihnen ist es schon wichtig, dass im "Tatort" brisante Themen und soziale Missstände aufgegriffen werden?

Raacke: Unbedingt. Das gesellschaftlich Relevante ist ein Markenzeichen des "Tatorts", auch wenn es zum Teil schon verwässert wurde. Der "Tatort" kann sich gegen die Konkurrenz nur behaupten, wenn er sich klar abgrenzt gegen all die Angriffe wie zuletzt "The Mentalist" auf Sat.1. Vor allem die amerikanischen Crime-Serien scheren sich doch einen Scheiß um soziale Relevanz. Die sind zum großen Teil aber so teuer und hervorragend gemacht, dass wir da gar nicht mitkönnen. Also müssen wir uns auf unsere Stärken besinnen und gute, realistische Geschichten erzählen, uns den Themen widmen, die auf der Straße liegen. Aber ich bin zuversichtlich, dass man bei der ARD um diese Kernkompetenz weiß.

teleschau: Denken Sie darüber nach, die 90er-Jahre-Generationenserie "Um die 30", für die Sie gemeinsam mit Ralf Huettner das Buch schrieben, nun doch noch einmal fortzusetzen? Wird es "Um die 40" geben?

Raacke: Ja. Wir arbeiten wieder daran. Wir lieben das Projekt einfach zu sehr, um es aufzugeben. Aber es wird schwer werden, das heute an einen Sender zu verkaufen. Außerdem schreiben wir gerade an "Musterknaben 4".

teleschau: Wollen Sie grundsätzlich wieder etwas mehr schreiben?

Raacke: Ja, aber das heißt nicht, dass ich weniger drehen will. Ich brauche die Arbeit vor der Kamera. Ohne geht es nicht.

 

Das Interview führte Frank Rauscher/ teleschau ? der mediendienst


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