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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Batus zweiter Fall

Hamburger Rochade

Mit dem neuesten Hamburg-TATORT Häuserkampf liefert der NDR einen durchaus starken Hochspannungs-Krimi ab. Weil sich Beamte von Sondereinsatzkommandos vermutlich illegal als Ausbilder im Ausland verdingen, wird der verdeckte Ermittler Cenk Batu in das Hamburger SEK eingeschleust. Doch bevor der neue Schach spielende TATORT-Ermittler aus Hamburg die Hintermänner enttarnen kann, gerät er in eine Geiselnahme, die gar keine ist.

Zoltan Didic setzt die Deadline - kompromißlos © NDR/Georges Pauly,

Vielmehr entpuppt sich diese Geiselnahme als Auftakt einer teuflisch-durchdachten Racheaktion, die der Kosovare Zoltan Didic da in einem Hamburger Hochhaus-Hotel anzettelt ? für den verdeckten Ermittler Batu wird das schnell zu einer modernen Schnitzeljagd, zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn Batu will die Frau und die Tochter seines SEK-Kollegen Lars Jansen finden und retten, die von Didic irgendwo in Hamburg an eine Bombe gekettet sind und die nicht mehr als drei Stunden zu leben haben, wenn Batu sie nicht rechtzeitig findet. Dafür muss er die Stationen der Schnitzeljagd der Reihe nach abarbeiten.

Batu knackt den SEK-Mann

Lars Jansen vertraut Batu schnell © NDR/Georges Pauly,

Dies hat vordergründig jedoch nicht mehr wirklich etwas mit Batus eigentlichem Einsatz, dem initialen TATORT-Fall zu tun. Denn seinen Auftrag, das Vertrauen der SEK-Beamten zu gewinnen und ?reinzukommen?, hat Batu längst erfüllt: schon nach 10 Minuten hat Batu eine emotionale Bindung zur Familie Jansen geknüpft und Tochter Emilia und Ehefrau Maike in sein Polizistenherz geschlossen. SEK-Mann Lars und Cenk sind die dicksten Freunde und eng vertraut.

Jansen setzt Batu flugs auch noch als Paten für seine quirlige Tochter Emilia ein - für den Fall, dass ihm etwas passieren sollte, er hat ja einen gefährlichen Job. Der krimierfahrene Zuschauer ahnt längst, dass es schnell so kommen wird. Und bevor da was passiert, weiht Jansen seinen neuen Kollegen Batu ein, woher er so viel Geld für IPods, edelste Unterhaltungselektronik und ein neues Häuschen hat ? frei Haus quasi, blauäugig und sehr schnell. Einmal mehr haben im TATORT die Buben vom SEK den schwarzen Peter.

Wo sind die beiden Jansen-Damen wohl versteckt? © NDR/Georges Pauly,

Reise in die Vergangenheit

Doch als Batus Chef Kohnau Nachschlag will und den Auftrag erweitert - gegen den Widerstand von Cenk ? denkt dieser nur an Jansens gefangene Frau Maike und Tochter Emilia. Kohnaus Auftrag, auch die Hintermänner zu finden, gerät durch die Suche nach den beiden deshalb erstmal in den Hintergrund. Schließlich zieht Chef Kohnau mit, unterstützt Batu, auch wenn er ständig Angst hat, dadurch dessen Tarnung auffliegen zu lassen.

Die Suche nach Jansens Frau und Tochter wird für den neuen verdeckten Ermittler am Hamburger TATORT eine Reise in die Vergangenheit - in die verbindende Vergangenheit Jansens und Didics. Nur auf diesem Weg lässt sich die Geiselnahme erklären, die Racheaktion verstehen. Natürlich werden diese drei Stunden beschwerlich, Cenk wird gehörig einstecken müssen, bevor er ans Ziel gelangt.

Per GPS-Handy erhält Batu häppchenweise neue Hinweise. Chef Kohnau unterstützt Batu widerwillig. © NDR/Georges Pauly,

Duell mit einem Toten

So gesehen ist Häuserkampf erst mal ein ganz normaler TATORT, wenn auch einer mit starken Momenten. Einer mit Schwächen im Detail, im zeitlichen Ablauf zwar, aber auch einer mit vielen Stärken. Auch wenn Drehbuchautor Johannes W. Betz es spannend und vor allem neu findet, dass ein Toter eine Racheaktion anzettelt und es quasi ?ein Duell mit einem Toten? gibt ? es ist nicht neu, das gab es schon im TATORT ? und sogar im Radio-TATORT fand sich letztes Jahr eine verdammt ähnliche Konstellation. Das Rad erfindet die Hamburger TATORT-Redaktion eben auch nicht neu.

Wurde der prämierte Vorgänger-TATORT ?Auf der Sonnenseite? noch sehr linear und sehr klar erzählt, strengt ?Häuserkampf? im Vergleich dazu ein wenig an, ist nicht so unbeschwert und leicht zu genießen. Natürlich müssen dem Zuschauer die Hintergründe für die Geschichte begreifbar werden, die Handlungen Batus erklärt werden. Die im TATORT oft bemühten Rückblenden kennzeichnen auch ?Häuserkampf?. Damit fällt der Krimi auf eine recht konventionelle Erzählweise zurück, wie wir sie aus vielen anderen Krimis kennen -  und unterscheidet sich dadurch von seinem Vorgänger-TATORT.

Die Schnitzeljagd gleicht einem Schachspiel - nur ist es viel schneller © NDR/Georges Pauly,

Action pur

Trotzdem: der TATORT ist spannend, komplex und sehr dicht. Die über weite Strecken des TATORTs gehaltene Spannung gewinnt der Film auch aus der extrem schnellen Inszenierung. In Häuserkampf wird schnell geredet, schnell gefahren und schnell kombiniert ? es geht um die Wurst, Batu muss die Frauen retten, die Rätsel lösen, immer mit der Waffe im Anschlag, getrieben durch ein GPS-Handy und die Anweisungen eines Toten, die ihn durch die Hansestadt führen: Die Ermittlungen sind Action pur.

Der Film hat auch viele amüsante, unterhaltende Momente ? der Humor zwischen Batu und Chef Kohnau hat womöglich sogar irgendwann das Potenzial, an andere TATORT-Kollegen ? wie beispielsweise die Münchner Batic und Leitmayr oder die Kölner Ballauf und Schenk ? anzuknüpfen. Kohnau als Chef zeigt in dieser Folge, dass er mehr als nur ein Chef ist, sondern Batu auch ein Freund sein kann ? auch oder gerade weil sie sich teilweise übel beschimpfen. Aber es ist auch weiterhin ein kleiner Korinthenkacker - und so bleiben auch diesmal die Hinweise auf Dienstvorschriften und Paragrafen nicht aus?

Den Kuchen hätten wir schon mal - wann gibt es wohl den Kaffee mit der Nachbarin? © NDR/Georges Pauly

Die Nachbarin und das Schachspiel mit Baba

Noch macht es Spaß, Batu bei seiner Schnitzeljagd zu beobachten. Er bleibt weiterhin mittendrin im Fall, ist präsent und bestimmt den Film. Kaum eine Szene kommt ohne Batu aus. Trotzdem hat sich die Figur Batu kaum weiter entwickelt ( wann denn auch!?). Der spielt immer noch mit ?Baba? via Mobiltelefon Schach, der Nachbarin kommt er aber auch im zweiten Fall nicht wirklich näher. Dieses Mal gibt?s immerhin schon Kuchen, vielleicht schaffen die beiden es in der dritten Folge endlich mal mit dem Kaffee?.?! Auch seine Fische schwimmen immer noch gelangweilt im Aquarium der Mundsburger Wohnung  - nur Musik von Chris de Burgh müssen sie diesmal nicht hören, immerhin.

Batu wurde ins SEK eingeschleust und hat schnell Ergebnisse geliefert © NDR/Georges Pauly,

Was bleibt?

Nach zwei Folgen muss den Fans beim Hamburger Konzept klar sein, dass sich der TATORT mit Cenk Batu durch diese Erzählweise und Fokussierung auf einen starken Ermittler im Mittelpunkt zu einem actionlastigen TATORT entwickelt hat, zu einer kleinen Personality-Show.

So setzt sich der NDR sehr deutlich gegen die Krimis aus den anderen ARD-Häusern ab und buhlt auf diesem Weg um die begehrten Quoten ? TATORTe zu produzieren ist eben auch innerhalb der ARD quasi ein ?Häuserkampf?.

Den Spiegel vorgehalten

In diesem Kampf der letzten rund 40 Jahre waren und sind TATORTe  immer auch Abbild der Gesellschaft, hatten oft mehr Tiefgang. Viele Krimis sind und waren bei ihrer Unterhaltsamkeit gesellschaftskritisch oder haben Standards innerhalb der Reihe gesetzt, haben den Blick ins Wohnzimmer der Deutschen gewagt und den Zuschauern mehr als einmal den Spiegel vorgehalten, Themen gesetzt, manchmal ganz visionär, waren oft der realen Zeit sogar voraus. Letztlich fußt der Erfolg des TATORTs maßgeblich genau auf dieser Tatsache.

Kurzer Prozess mit kleiner Schlägerei: Batu sitzt in der Falle © NDR/Georges Pauly,

Der neue Hamburger TATORT zeigt das Böse und die Kriminellen eher phänomenologisch, so wie sie sind bzw. wie sie agieren. Fragen etwa nach Ursachen, Hintergründen und Auswegen stellt er nicht, kann sie auch nicht beantworten  - das Böse ist eben einfach da. Den überwiegenden, traditionellen dokumentarisch-journalistischen Stil der ARD-Krimis bedient der neue Hamburger TATORT nicht. Und dadurch, dass immer nur der eine Ermittler so präsent, so dominierend ist und alles aus seiner Perspektive gezeigt wird, werden andere Sichtweisen kategorisch unmöglich; ein Wechsel der Betrachtungsweise, wie sie in vielen anderen TATORT-Krimis für Spannung, Abwechslung, überraschende Wendungen und selbst Komik sorgt, ist hier nicht erwünscht. Ja nicht mal enttarnt wird unser Batu.

Was ist mit der Straßenverkehrsordnung? Kohnau und Batu haben selbst darüber unterschiedliche Ansichten... © NDR/Georges Pauly,

Erfrischend und belebend?

Bei aller Freude über die ersten beiden starken TATORTe mit Cenk Batu sollte dies immer im Hinterkopf präsent bleiben ? das ursprüngliche, wenn auch sehr dehnbare Konzept der Krimi-Reihe scheint für die Macher immer mehr zum Etikett zu verkommen, TATORT ist nun auch reiner Action-Krimi. Wenn der TATORT des NDR die klassischen, vielfach auch als abgestanden empfundenen Krimi-Ingredienzien wie Polizeipräsidium, Gerichtsmedizin, die ?Wo waren Sie gestern Abend??-Verhöre und sogar die Mordopfer abgeschafft hat, so mag das auf den ersten Blick erfrischend und belebend wirken. Aber es stellt sich die Frage, wo das langfristig hinführen soll und ob sich die Macher erzähltechnisch nicht unnötig einengen.

Aber lieber lassen wir uns vom Gegenteil überzeugen. Es bleibt also spannend in Hamburg.

Francois Werner


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