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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Dorothee Schön

"Ich habe tatsächlich eine böse Phantasie"

Die Drehbuchautorin Dorothee Schön spricht im Interview mit dem tatort-fundus über den neuen TATORT "Herz aus Eis". Sie erzählt über ihren Hang zu "geschlossenen Systemen", wie die Idee zu dem TATORT entstand und was ihr an der Einstiegsszene gefällt - und was nicht.

Dorothee Schön, Bild: Hergen Schimpf
Frau Schön, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen TATORT in einem Internat anzusiedeln?

Ich finde es immer reizvoll, Geschichten zu erzählen, die in einem geschlossenen System spielen und ihre eigenen Gesetze, Riten und Mechanismen haben. Das Internat ist natürlich auch eine Welt für sich, was auch im TATORT sehr deutlich wird. Es ist eine Welt, zu der die Erwachsenen keinen Zutritt haben und die Dynamik unter den Jugendlichen sich zuspitzt, ohne dass es für Lehrer oder Eltern sichtbar wird. Bei "Herz aus Eis" hatte ich weniger filmische, sondern eher literarische Vorbilder: "Die geheime Geschichte" von Donna Tartt oder "Unter Wilden" von Dirk Wittenborn.

Haben Sie die Idee dem Sender vorgeschlagen oder ist man da auf Sie zugekommen?

In dem Fall ist es so gewesen, dass man mich gefragt hat, wozu ich Lust hätte. Das schöne ist: Ich hab ja inzwischen viel für den Südwestrundfunk geschrieben, dass man mich auch schon nach eigenen Ideen befragt.

Sind Sie denn jetzt auf Frau Blum abonniert?

Nein. Aber es ist tatsächlich die Redaktion, mit der ich am längsten und erfolgreichsten zusammenarbeite. Ich würde ja auch gerne mal wieder für Lena Odenthal oder die Münsteraner schreiben, aber das hat sich in der letzten Zeit nicht ergeben.

Mir fällt auf, wenn ich Ihre lange Liste von TATORTen sehe, dass die meisten Krimis eben - wie bei "Herz aus Eis" - in einem Mikrokosmos spielen: auf dem Schiff, in einem Kloster, jetzt im Internat, aber auch auf einem Schrottplatz oder in einer Bäckerei ...ist das geschlossene System etwas Typisches von Frau Schön?

Ja. Es reizt mich einfach, mir Welten zu erschließen, die ich nicht kenne. Neugier ist der Motor meiner Arbeit. Das Beste an meinem Beruf ist ja doch, dass ich irgendwo hingehen und fragen kann: Wie funktioniert das? Wie leben die Menschen hier? Wie arbeiten sie? Wie sieht ihre Welt aus? Bisher hat man mich mit meiner beruflichen Neugier immer bereitwillig hinter die Kulissen blicken lassen.

Der TATORT "Heilig Blut" spielte in einem Kloster, Bild: WDR/ Bischoff
Wie war das denn bei "Herz aus Eis" - haben Sie im Internat recherchiert?

Ich habe eine sehr interessante Dokumentation über das Internat Salem gesehen und habe mich sogar mal mit meinem Sohn dort vorgestellt, der dann gesagt hat, dass er sich für einen Schulbesuch dort interessiert.

Warum haben Sie sich dort nicht als Drehbuchautorin geoutet?

In dem Fall war es tatsächlich nicht nur fürs Drehbuch. Ich hab meinen Sohn gefragt, ob das Internat eine Alternative zu seiner Schule wäre, auf der er zu diesem Zeitpunkt nicht sehr glücklich war. Und weil Salem bei uns in der Nähe ist, haben wir es uns mal unverbindlich angeschaut. Es war dann nichts für ihn (und auch nicht für mich), aber ich habe die Gelegenheit genutzt, um mich zu informieren.

Konnten Sie etwas für das Drehbuch verwerten?

Was ich aus Salem mitgenommen habe war, dass Internatslehrer überdurchschnittlich engagierte Lehrer sind. Sie haben zu ihrem Beruf ein anderes Verhältnis, weil sie ihre Schüler nicht nur unterrichten, sondern auch mit ihnen zusammenleben. Ich glaube, dass es für sie trotzdem schwierig ist, an die Jugendlichen heranzukommen, weil deren eigene Peergroup einfach viel wichtiger für sie ist. Es bleibt ein geschlossener Zirkel, der stärker ist als in einer normalen Schule, weil natürlich auch die Außenkontakte beschränkt sind.

Szene aus "Herz aus Eis": Olga hat Angst, dass ihre Verstrickung mit dem Tod ihres Mitschülers heraus- kommt. Bild: SWR/Hollenbach
...und auch die Eltern so weit weg sind.

Genau. Dadurch gibt es weniger Korrektive. Die kochen in ihrem eigenen Saft.

Und trotzdem haben die Schüler aus "Herz aus Eis" den Weg nach außen gefunden, um illegale Aktiengeschäfte abzuwickeln.

Die sind natürlich alle auch clever. Sie kommen aus einer Welt, wo man sich mit so was auskennt. Das Ganze entwickelt dann eine Eigendynamik. Der Untertitel für diese Geschichte könnte auch lauten: "Der Fluch der bösen Tat". Es ist ja nicht so, dass sie von Anfang an vorhaben, jemanden umzubringen. Aber nachdem ihre illegalen Geschäfte aufzufliegen drohen, müssen sie sich eines Mitwissers entledigen, und für diese Tat brauchen sie einen Helfer, der wiederum natürlich auch wieder ein Risiko darstellt. Und so folgt eines aufs andere...

...was sehr sehr böse rüberkommt. "Herz aus Eis" ist zugleich einer der wenigen TATORTe der letzten Monate, wenn nicht gar Jahre, in dem man den Vollzug des Mordes wieder deutlich sieht. Müssen Sie als Autorin für so was eigentlich kämpfen, in einer Zeit wo die TATORT-Redaktionen dem Zuschauer die Mordopfer lieber "angerichtet" servieren?

Das ist nicht nur eine Entscheidung des Buches, sondern vor allem auch der Regie. Ich kann im Buch schreiben "Sie werfen ihn ins Schwimmbad", aber das kann man sehr unterschiedlich inszenieren. Der Film kann den Tod des Jungen direkt und quälend lange zeigen, oder man sieht vielleicht nur die Gesichter der Täter dabei, ohne dass man zusehen muss, wie jemand stirbt. Im Extremfall sieht man vielleicht nur, wie die Täter den Jungen ins Schwimmbad bringen, und dann hört man einen Platscher im Off. Die Inszenierung entscheidet ganz wesentlich darüber, wie eine Tat vom Zuschauer empfunden wird.

Schüler Stefan wurde tot aus dem Schwimmbecken des Internats geborgen, Bild: SWR/ Schweigert
Ich hätte jetzt erwartet, dass Sie sagen: das ist eine Entscheidung der Redaktion.

Ob ein Mord, so wie hier, im Film offen gezeigt wird, ist natürlich eine wichtige erzählerische Entscheidung, die gemeinsam mit der Redaktion gefällt wird. Doch dann entwickelt der Regisseur seine Vision des Stoffes. Es gibt Regisseure, die das deutlich und direkt inszenieren oder eben andere, die das eher subtil oder symbolisch zeigen wollen.

Aber sagen mir hier damit, dass Sie nur einen Satz ins Buch schreiben: "Sie warfen ihn in den Pool" und das war es dann?

Nein, ich hab die Szene natürlich schon ausführlich beschrieben. Es geht ja auch um ein wichtiges Indiz, das später noch eine große Rolle spielt. Aber ich finde die Herangehensweise von Regisseur Ed Herzog gut, den Mord so schonungslos zu zeigen. Ich denke, man darf das auch nicht verharmlosen.

Mir scheint, Sie stapeln gerade tief - Sie haben es doch so ins Buch geschrieben, wie wir es im Film sehen.

Das stimmt. Aber als Autor weiß ich, dass nur weil etwas im Buch steht, es nicht eins zu eins so gemacht werden muss. Der Regisseur kann sich immer noch entscheiden, es anders zu inszenieren. Er muss mein Buch zum Leben erwecken. So wie ich mir den Film im Kopf vorstelle, wird mein Drehbuch keineswegs immer inszeniert. Aber diese Szene zum Beispiel habe ich mir tatsächlich so drastisch vorgestellt, wie sie jetzt aussieht. Ich fürchte, ich habe tatsächlich eine böse Phantasie.

Gibt es auch Ideen aus dem Buch bei "Herz aus Eis", die im Film nicht vorkamen oder die Sie sich ganz anders vorgestellt haben?

Olga geht mit ihrem Kummer und ihrer Angst Viktoria geradezu auf die Nerven, Bild: SWR/ Hollenbach
Grundsätzlich sind die Filme immer anders, als ich sie mir in meinem Kopf vorstelle, einfach weil ich mir natürlich die Dinge sehr konkret vorstelle. Ich sehe jede Szene genau vor mir, sehe die Schauplätze, das Licht, höre die Dialoge und die Musik, lange bevor der erste Meter des Films gedreht ist. Ich stelle mir vielleicht eine mittelalterliche Burg für das Internat vor und eine blond gelockte Viktoria, und der Regisseur entscheidet sich dann für einen ultramodernen Bau und eine brünette Hauptdarstellerin. Aber die Inszenierung von Ed Herzog von "Herz aus Eis" kommt meiner Vision schon sehr nahe.

Übrigens ist man als Krimiautorin vor entstellenden Eingriffen der Regie meist besser geschützt, als Autoren anderer Genres. Die meisten Regisseure haben Respekt, wenn man eine gut funktionierende Krimi-Dramaturgie hinbekommt, was ja nicht so einfach ist, wie es aussieht. Deshalb halten sich auch die Eingriffe in Grenzen. Man läuft sonst schnell Gefahr, Dinge zu früh zu verraten oder die Spannung nicht richtig aufzubauen. Ich bin in den letzten Jahren vor unerfreulichen Überraschungen verschont worden, weil meine Bücher auch von sehr guten Regisseuren inszeniert wurden.

Erklären Sie mir doch die erste Szene des Films: Was wird dort verbrannt und aus dem Fenster geworfen?

Da muss ich Ihnen sagen: Das weiß ich auch nicht. Es ist eines der Details, die sich der Regisseur ausgedacht hat. Das stand nicht im Drehbuch. Ursprünglich sollte es mit einer Totalen des Internates bei Tag losgehen. Dem hat nun der Regisseur Ed Herzog ein sehr stimmungsvolles Nachtbild vorangestellt.

Ich hab trotzdem nicht verstanden, was Stefan verbrannt hat.

Das hab ich auch nicht. Aber es sieht einfach schön und geheimnisvoll aus. Wenn wir den Einfall vorher diskutiert hätten, hätte ich vorgeschlagen, dass Stefan ein Foto von Max verbrennt. Jetzt sieht man nur, dass es ein handgeschriebenes Blatt ist. Wenn Klara Blum später einen Trick anwendet, um die Jugendlichen aus der Reserve zu locken, und behauptet, Stefan hätte vor seinem Tod einen Brief abgeschickt (was gar nicht stimmt), dann erinnert sich der Zuschauer natürlich an diese Eingangsszene und ist vielleicht verwirrt. Aber wahrscheinlich nur ein hochkonzentrierter Krimikenner wie Sie...

Aber letztlich sind das alles Kleinigkeiten. Als Entree für den TATORT ist es natürlich ein wunderbares Bild.

Eigentlich sollte das Finale des TATORTs in einer frühen Drehbuch- fassung die Szene am See sein - nun ist es das Ende des 2. Aktes geworden. Die Bösartigkeit steigert sich also noch... Bild: SWR/ Schweigert
Was mich beim ersten Sichten von "Herz aus Eis" regelrecht fasziniert und in den Bann gezogen hat, war diese Bösartigkeit der Jugendlichen, die sich auch immer noch steigert. Was war da Ihr Antrieb als Autorin?

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die sich vordergründig nicht so einfach aus den Biografien der Täter erklärt. Es gibt in Wirklichkeit viel mehr Verbrechen, die keiner banalpsychologischen Logik folgen. Auch Gerichte müssen bei der Aufklärung von Taten oft kapitulieren, weil es letztlich nicht zu klären ist, warum dieser Mensch tötet, ein anderer in vergleichbarer Situation aber nicht. Ein Mord ist immer monströs, und "Herz aus Eis" zeigt genau das.

Wir haben uns allgemein im Film so eine banalpsychologische Mechanik angewöhnt, die suggeriert, dass 1 + 1 = 2 ist. Ein Schulabbrecher, Hartz IV, falsche Freunde, Ostdeutschland = Neonazi. Aber solche Stereotypen sind langweilig. Und außerdem haben sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Den Neonazi mit Hochschulreife aus gutem schwäbischen Haus gibt es eben auch.

Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass der Mikrokosmos Schule in einem Krimi behandelt wird. Spontan fallen einem aber eher Gewaltszenarien à la Rütlischule ein, die in sozialen Brennpunkten von ausgegrenzten Jugendlichen und überforderten Pädagogen handeln. "Herz aus Eis" dagegen bewegt sich in der Gegenwelt, der Welt der Eliten. Welche Spielregeln gelten unter Jugendlichen, die in ihrem Leben noch nie etwas Materielles vermissen mussten? Wie sieht sie aus, die Wohlstandsverwahrlosung? Und was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft? Der "Tatort" hat sich seinem Selbstverständnis nach immer wieder mit der gesellschaftlichen Realität auseinandergesetzt. Und dazu gehören auch unsere Eliten und ihre Moral. Diese Wertedebatte ist im Augenblick gesellschaftlich hoch brisant.

Die Fragen stellte Francois Werner.
Das Gespräch fand statt am 27. September 2008 in Hamburg.


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