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Heute ist der: 20.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Familienaufstellung"

"Verflixt und (nicht) zugenäht!"

Fünf Jahre ist es her, dass die ambitionierte und medienbedachte Schriftstellerin Thea Dorn ihren ersten TATORT "Der schwarze Troll" schrieb - nun folgt der zweite: "Familienaufstellung". In dem Krimi mit Blick auf eine wohlsituierte, türkische Großfamilie, darf der Zuschauer gespannt sein, wie sich die kompromisslose Autorin Dorn den brisanten Themen Emanzipationsmöglichkeiten muslimischer Frauen, Ehrenmord und muslimischer Parallelgesellschaft nähert. Ein seichtes Ende - wie jüngst im österreichischen TATORT "Baum der Erlösung" - ist da kaum zu erwarten, meint unsere Autorin Nadja Israel.

Thea Dorn schreibt nicht nur Drehbücher, im SWR moderiert sie auch das Literaturmagazin "Literatur im Foyer". Bild: SWR/ Kluge
Der TATORT. Das Aushängeschild des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Formatierte Langeweile sagen die einen, absoluter Kult die anderen und dazwischen sind Millionen Deutsche, die sich jeden Sonntagabend vor dem Fernseher einfinden.

Der TATORT lässt sich vortrefflich politisch korrekt, generations- und schichtübergreifend diskutieren. Während die einen sich von Charlotte Lindholms privaten Problemen genervt sehen, macht es für die anderen gerade die Qualität der Niedersachsen-Folgen aus. Ist das Münsteraner Team Klamauk oder Klasse? Und warum heult Lena Odenthal seit neuestem und trägt lange Haare?
Thea Dorn und elf meinungsmachende Frauen diskutieren über Männer und Frauen, Kinder und Beruf, Politik und Gesellschaft und setzen die Agenda für die Zukunft."

Ideen von Frauen einer F-Klasse

In diesem Rahmen ist es also keine Überraschung, wenn eine ambitionierte und medienbedachte Autorin wie Thea Dorn sich nun bereits zum zweiten Mal dieser Plattform bedient, um auch hier ihre Ideen von Frauen einer F-Klasse zu platzieren. Im Januar 2000 hoffte sie "den weiblichsten TATORT aller Zeiten" zu erschaffen. Der schwarze Troll hieß ihr damaliges Drehbuchdebüt. Mit vertrackten Mutter-Tochter-Beziehungen, wuchernder Gebärmutter - ausgerechnet Inga Lürsens Tochter hatte Endometriose -, "Weibersolidarität", Selbstverletzungen und einem Todesengel machte sich Thea Dorn damals ans Werk.

Die Hauptfigur, Laura Kern, war blond, blass, versponnen, ein bisschen hilflos und piepste sich sanft, aber auch immer ein wenig unheimlich durch den Film. In diesem TATORT legte Thea Dorn dem ermittelnden Stedefreund so kernige Sätze wie "Es gibt keine armen Frauen, es gibt nur Frauen, die auf arm machen?", in den Mund und ihre engelsgleiche Laura ermordete, letztlich als sehr reizbarer Troll, ihre unliebsamen Ehemänner als auch ihre Kinder. Das traditionelle Motiv der Giftmischerin wurde damals von Thea Dorn neu variiert und mit dem umstrittenen, psychopathologischen Phänomen des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms als Diagnose versehen.

Dorns Nachdenken über weibliche Täter-Opferbereitschaft

Die Anwältin Dilek Ilhan macht der Familie des Opfers schwere Vorwürfe. Bild: Radio Bremen
Acht Jahre sind seither vergangen. Acht Jahre in denen Thea Dorn weiterhin mit Preisen versehene, brutale Kriminalromane und Theaterstücke schrieb, sich einmischte und weiterhin öffentlich über weibliche Täter-Opferbereitschaft nachdachte. Sie forderte "Germany's next Role Model" in ihrem Buch "Die neue F-Klasse- Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird" und verkündete außerdem: "Ich halte es für eine Vermeidungsstrategie, sich Zuhause hinzusetzen, zu malen, zu schneidern oder Kindergeschichten zu schreiben."

Soweit so gut

In ihrem Buch "Die neue F-Klasse" formulierte Thea Dorn auch ihr neues Anliegen: Die Welt nach dem 11. September. Und so hat sie sich für ihr neuestes TATORT-Projekt, das diesen Sonntag gesendet wird, prominente Unterstützung gesucht. Gemeinsam mit der türkisch-kurdischen Frauenrechtlerin und Autorin Seyran Ates hat sie das Drehbuch für den neuen Bremer TATORT Familienaufstellung abgeliefert. Wegen ihres Engagements für Integration und Gleichberechtigung wurde die Co-Autorin und Anwältin Seyran Ates am 21. Juni 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Multikulti als "organisierte Verantwortungslosigkeit"?

In dem neuen TATORT versuchen die beiden Autorinnen, sich den brisanten Themen wie Emanzipationsmöglichkeiten muslimischer Frauen, Ehrenmord und muslimische Parallelgesellschaft zu nähern. Und da ist es passiert: Denn dicht daneben ist leider auch vorbei. Das gemeinsame und wichtige Anliegen, Multikulti als "organisierte Verantwortungslosigkeit" zu kennzeichnen: Erstickt und erstarrt in seiner überladenen Gewolltheit.

Der TATORT zeigt den täglichen Besuch in der Moschee der Familie Korkmaz. Bild: Radio Bremen
Das Feuerwerk guter Einfälle ist schnell verpufft und hinterlässt ein Gefühl der Belanglosigkeit und des schlagfertigen Namedroppings. Wir haben den schwächlichen deutschen Mann, der in der türkisch-muslimischen patriarchalen Ordnung "Schutz" sucht, die Türkin, die "deutscher sein will als die Deutschen", den türkischen Machobruder (als einziger mit Akzent "gebrandmarkt"), lesbische Avancen, die Rebellin, die stolze, gemeine und gleichzeitig gebrochene Mutter, die geheime Liebschaft und und und?

Ein bemühtes Sozialdrama

Der ironische Unterton - ein klares Markenzeichen von Thea Dorn - kann und soll natürlich Distanz und Distanzierungsmöglichkeiten zeigen, aber der belehrende Zeigefinger, der 90 Minuten auf die Zuschauer eintrommelt, macht auch aus diesem TATORT, bei aller Ironie, wieder einmal ein bemühtes Sozialdrama. Die vom Hexenschuss geplagte, sich selbst als Faschofeministin betitelnde Lürsen, die mit Kartoffelstäbchen Familienaufstellung betreibt, trifft auf die "Allah wird mich bestrafen"-unterdrückte Arzu Korkmaz, die als "Gebrauchtware" und zum Geschenk verpackt, an den entfernten Cousin aus der Türkei verschachert werden soll.
Die Kommissare verzweifeln zunehmend in der für sie fremden türkischen Kultur. Bild: Radio Bremen

Wenig Platz für Versöhnung und für Verstehen

Wer soll in diesem oberschlauen Rahmen die Schlüsselfrage von Kommissarin Lürsen ("Wovor haben Sie Angst: Vor ihren Eltern oder der Freiheit?") ernst nehmen? Diese geballte Verachtung gegenüber der weiblichen Opferrolle lässt wenig Platz für Versöhnung und noch weniger für Verstehen. Wen soll soviel Radikalität etwas angehen? Da rettet auch der durchaus einfallsreiche und interessante Schluss nichts mehr.


Nadja Israel


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