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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Familienaufstellung

"Ich hatte einfach Glück"

Im Interview zum TATORT Familienaufstellung erzählt Jennifer Ulrich wie sie zu ihrer Rolle im TATORT kam, spricht über ihren Heimatort Berlin und verrät, warum sie nebenbei auch an der Tankstelle arbeitet.

Es ist wieder eine dieser fast unglaublichen Berliner Schauspieler-Karrieren, wie sie auch ein Tom Schilling oder ein Robert Stadlober hinlegten: Jennifer Ulrich wurde mit 15 Jahren rein zufällig im Jugendclub von einer Casterin angesprochen...

Es folgte die erste Filmrolle, diverse Arbeiten parallel zur Schule, und nach dem Abitur ging es für die 1,58 Meter kleine Schauspielerin richtig los: Sie stand für Kino-Highlights wie "Die Wolke", "Elementarteilchen" und "Die Welle" vor der Kamera, im Frühjahr ist die heute 24-Jährige im Biopic "Schweitzer" zu sehen.

Ihr bislang bemerkenswertester Fernsehauftritt folgt nun standesgemäß im TATORT. Bei "Familienaufstellung" geht es um die brisanten Themen Ehrenmorde und Zwangsheirat, die brünette Jennifer spielt eine junge Türkin...

Jennifer Ulrich, Bild: Alan Ovaska
Sie als deutsche Schauspielerin übernehmen in einem TATORT zum Thema "Ehrenmorde" den Part einer jungen Türkin, die zwangsverheiratet werden soll ... Ganz schön brisant!

Ehrlich: Am Anfang dachte ich, dass die Castinganfrage an mich irgendwie fehlgeleitet wurde. Ich als Türkin? Das konnte ich mir erst gar nicht vorstellen.

Und dann?

Als feststand, dass sie wirklich mich meinten, fand ich es sofort unglaublich spannend, eine Türkin zu spielen, und las mich in das Thema ein. Es ist eine sehr emotionale Geschichte, auch für mich als Darstellerin: Eine Zwangsehe liegt ja zunächst außerhalb des eigenen Denkbereiches.

Zunächst?

Ja, nachdem ich mich eingehend damit befasste, wurde mir klar, dass man nicht vergessen darf, dass es für viele Mädchen, die in dieser Religion aufwachsen, in gewisser Weise selbstverständlich ist, sich mit diesem Thema zumindest einmal auseinanderzusetzen. Ich finde, man darf auf keinen Fall mit einer ablehnenden deutschen Sichtweise an so eine Geschichte herangehen. Das wäre ein fataler Fehler.

Wie meinen Sie das?

Wir dürfen uns nicht einfach hinstellen und das alles als falsch verurteilen. Ich wollte versuchen, das Ganze aus der Denke des türkischen Mädchens zu erfassen, die sich sagt: "Es war mir klar, dass dies irgendwann mal auf mich zukommt! Dies ist die Aufgabe, die ich in meinem Leben zu erfüllen habe." Nur so konnte ich mich in Arzus Lage und Gefühlswelt versetzen. Wenn man dem islamischen Glauben folgt, dann gehört das eben gewissermaßen dazu, auch wenn wir das nicht verstehen. Ich finde, jeder sollte sich frei entscheiden können.

Klingt nach einem sehr schmalen Grat.

Absolut. Schon sehr schwierig, wenn man so ganz anders groß wurde ... Am meisten half mir und den anderen Schauspielern - bis auf Erol Sander waren ja fast keine Türken dabei - die türkisch-kurdische Frauenrechtlerin, Autorin und Anwältin Seyran Ates. Unglaublich spannend, was sie alles zu berichten hatte. Ich habe mich mit ihrer Hilfe und verschiedenen Erfahrungsberichten regelrecht reingefressen in dieses Thema. Aber klar, ich kann ja nicht einfach ans Set gehen und sagen: "So, ich spiel' jetzt mal 'ne Türkin."

Sie wuchsen in Berlin-Lichtenberg auf ...

Dort hatte ich keine türkischen Nachbarn oder Freundinnen. Heute wohne ich in Kreuzberg, da sieht die Sache anders aus. Dennoch lernte ich die türkische Mentalität schon als Jugendliche kennen: Wir fuhren recht häufig in die Türkei in den Urlaub, waren da aber nicht unbedingt nur am Strand, sondern auch im ländlichen Raum. Ich verbrachte als Mädchen schon mehrere Tage in einer türkischen Familie. Da bekam ich durchaus einen Einblick, wie man sich verhält, vor allem als Gast. Das war sehr schön.

Jennifer Ulrich als Arzu Korkmaz, Bild: Radio Bremen
An was erinnern Sie sich?

(lacht) Bloß nicht helfen im Haushalt als Gast! Und unbedingt die Schuhe ausziehen vor der Haustür! Natürlich hat mich der unglaublich familiäre Zusammenhalt beeindruckt. Ja, das Land hat mich in jungen Jahren schon fasziniert. Ich war als Kind ganz frei von Vorurteilen, es war also genau die richtige Zeit, um diese Erfahrungen zu sammeln.

Ist Kreuzberg das Musterbeispiel für eine zumindest halbwegs erfolgreiche Integration von Migranten in Deutschland?

Ich finde schon. Ich lebe in Kreuzberg 61: viele Familien, alles sehr international. Hier funktioniert das Zusammenleben sehr, sehr gut. Wenn ich da an meinen türkischen Edeka-Mann denke, der mich immer so herzlich begrüßt. Die Leute haben einfach eine andere Herzlichkeit als wir. Sie schließen einen schnell in ihr Herz, sind in der Begegnung nicht so ängstlich, und diese Mentalität mag ich sehr. Toll, dass ich nun durch die TATORT-Rolle noch mehr über diese Kultur erfahren konnte.

Was genau mögen Sie eigentlich an Berlin?

Berlin ist für mich Heimat. Berlin ist so vielfältig: Man geht zwei Straßen und glaubt, man ist schon in einer ganz anderen Stadt. Jeder Stadtteil ist eine eigene kleine Welt. Und dafür, dass hier so viele Menschen leben, haben wir in Berlin ein ganz gutes Miteinander. Es ist auch nicht so anonym, wie man vielleicht erwarten würde. Das fängt in der Nachbarschaft an: Man grüßt sich und ist nett zueinander. Außerdem liebe ich die Berliner Schnauze. Ich kann das übrigens auch, wenn ich möchte (lacht)!

Wie kamen Sie überhaupt zur Schauspielerei?

Geträumt habe ich zwar schon als kleines Mädchen davon. Aber ich hatte einfach Glück. Ich war in einem Jugendclub in Lichtenberg, und da kam eine Frau vorbei. Sie sagte mir, dass sie eine Regisseurin kennt, die sich gerne im Vorfeld ihres neuen Filmes mit jungen Mädchen über ihre Sorgen und Nöte unterhalten würde. So kam ich mit meinen 15 Jahren mit der Regisseurin Maria von Heland zusammen, und obwohl sie gar nicht nach einer Schauspielerin suchte, engagierte sie mich für den Film "Große Mädchen weinen nicht". Mit 16 Jahren stand ich vor der Kamera. Ich fand es toll und hatte Blut geleckt für diesen Beruf.

Und heute?

Heute sitz ich im Taxi oder auf dem Bett irgendeines tollen Hotels und denke mir manchmal: "Was machst du da eigentlich?!" Ich meine, die anderen, die mit mir zusammen Abitur machten, haben auch alle ganz aufregende Berufe, aber Schauspielerin ist so ganz anders irgendwie. So priviligiert, mit dem vielen Reisen, dieser Freiheit und inzwischen auch der Entscheidungsgewalt. Ich kann ja praktisch sagen, ich mache nur, was ich möchte. Aber ich werde nicht vergessen, dass dies alles nicht selbstverständlich ist.

Arbeiteten Sie deshalb einige Zeit auch nebenbei in einer Tankstelle?

Naja. Das war 2005. Da ging es mir auch darum, in drehfreien Zeiten nicht sinnlos zu Hause rumzusitzen. Da werde ich nämlich wahnsinnig. Es war eine spannende Sozialstudie. Zu mir kamen ja alle: Vom Obdachlosen, der frühmorgens mit seinen zusammengesammelten Pfandflaschen kam, bis zu Ben Becker, der nebenan sein Tonstudio hat ...

Arzu Korkmaz beim traditionellen Henna-Abend, Bild: Radio Bremen
Fasziniert Sie an der Schauspielerei auch die Chance, reich und berühmt zu werden?

(lacht) Nein. Darum geht es nicht. Ich hatte schon immer einen Hang zum Künstlerischen. Ich hab ja auch ein Kunst-Abi gemacht. Heute reizt mich an diesem Beruf vor allem die Vielseitigkeit. Die Möglichkeit, immer wieder neu zu lernen, ständig vor anderen Herausforderungen zu stehen. Sehr gerne auch Figuren zu spielen, die man nicht auf den ersten Blick von mir erwarten würde - so wie nun im "Tatort".

"Familienaufstellung" ist der vierte TATORT-Film, der sich mit dem Thema Ehrenmord auseinandersetzt. Diskussionen und Schlagzeilen sind wohl auch diesmal garantiert!

Super. Eine Diskussion ist immer gut. Und bei heiklen Themen, um die diese Gesellschaft sonst lieber einen Bogen macht, kann so ein Film durchaus helfen, die Diskussion anzustoßen, finde ich. Ich mag es eigentlich auch gern, wenn ein politischer Film polarisiert. Es soll nur nicht wieder in Demonstrationen ausarten. Das wäre schade, weil das die Fronten so verhärten würde, dass ein Dialog kaum mehr möglich ist. Miteinander reden, das ist es doch, was nötig ist. Ich bin sehr gespannt, was passieren wird.

Sie und Regisseur Dennis Gansel lernten sich vor eineinhalb Jahren bei den Dreharbeiten zum Kinofilm "Die Welle" kennen und lieben. Schauspielerin und Regisseur - ist das die ideale Beziehungskonstellation?

Ich war am Anfang etwas skeptisch, weil es so viele Beispiele gibt von Rosenkriegen und üblen Spielereien zwischen Regisseuren und Schauspielerinnen. Aber bei uns ist wirklich alles bestens. Dennis könnte auch von Beruf etwas ganz anderes sein, das wäre mir egal. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir irgendwann zusammenziehen werden und vielleicht sogar eine Familie gründen. Aber jetzt wollen wir erst mal einfach nur die gemeinsame Zeit genießen.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie gerade nicht drehen, in der Tanke arbeiten oder mit Ihrem Freund zusammen sind?

Ich gehe gerne auf Konzerte. Ärzte, Beatsteaks und so, eher die rockige und punkige Richtung. Außerdem engagiere ich mich mit Jürgen Vogel und anderen Kollegen in der gemeinnützigen Organspende-Organisation "Junge Helden". Wir reisen gerne mal zu Fünft mit dem Auto durchs Land, um 5.000 Schüler mit dem Thema Organspende in Kontakt zu bringen. Eine schöne Sache, wenn man seine Popularität für etwas Gutes nutzen kann.

Würden Sie mit Schülern auch über das TATORT-Thema diskutieren wollen?

Sehr, sehr gerne! Eine tolle Idee. Ich habe die Problematik ja auch erst richtig begriffen, als ich mich etwas damit beschäftigt habe. Heute weiß ich, glaube ich, wie schwer das Thema Integration für ausländische Jugendliche zu erfassen sein muss. Von der einen Seite wird erwartet, dass sie total westlich sein müssen, auf der anderen Seite stehen die Religion, die Familie, der Islam. Beides hat ja seine Berechtigung, und beide Seiten üben ihren Druck aus. Was da in jungen Leuten vorgeht, welche Emotionen damit verbunden sind, was für eine harte Prüfung das sein muss, das ist mir erst jetzt richtig bewusst. Es ist eben nicht so einfach, wie wir uns das immer vorstellen. - Ein wirklich schwieriges, aber eben auch spannendes Thema.



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