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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Kassensturz

Abschachteln und Umwälzen - Ein Discounter im TATORT

Interview mit Regisseur Lars Montag

Während der Drehzeit von "Kassensturz" im Frühjahr 2008 wurden die Praktiken bekannt, mit denen die Discounter-Kette Lidl ihre MitarbeiterInnen ausspionierte. Der TATORT erscheint fast wie der Film zum Skandal. Wann haben Sie davon erfahren?

Kopper und Odenthal ermitteln im Discounter, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Es war tatsächlich verrückt. Unmittelbar vor Drehbeginn brach der Skandal los. Und zwar genau mit den Elementen, die wir vorher recherchiert, mit den Schauspielern durchgesprochen und geprobt hatten. Das war wirklich verblüffend. Manche im Umkreis der Produktion waren vorher ein wenig skeptisch gewesen, ob es nicht etwas übertrieben sei, was wir in dem Film erzählen. Und dann gab?s den großen Lidl- Skandal und alles erwies sich als noch schlimmer. Wir haben dann das Buch noch schnell aktualisiert und die Kameraüberwachung mit hinein genommen. Nur in ein paar Nebensätzen, aber immerhin.

Die Arbeitsbedingungen in einem Discounter spielen eine große Rolle im TATORT "Kassensturz". Wie haben Sie recherchiert?

Stephan Falk, der das Buch entwickelte, hat eine Menge Vorarbeit in der Recherche geleistet. Bei meiner Überarbeitung habe ich dann sehr intensiv mit Gebietsleitern einer großen deutschen Discounterkette gesprochen, die mir von ihrem Alltag erzählten. Also mit den vermeintlich Bösen, die aber auch nur Rädchen im Getriebe sind. Die haben mir davon erzählt, unter welchem Druck sie stehen, warum so etwas wie Taschenkontrollen wirklich nötig ist, und was ihre Kollegen sich teilweise für Übergriffe leisten. Wenn unsere Figur Novak mit der Sprühflasche wirft, ist das etwas, was es definitiv schon gegeben hat. In der Regel greifen diese Gebietsleiter ins Obstund Gemüseregal, weil die Sachen nicht kaputt gehen, keine Körperverletzung hervorrufen, aber ordentlich wehtun und billig sind. Und wenn es Flecken gibt, müssen die Verkäuferinnen sie auch noch daheim herauswaschen, weil die ihre Kleidung selbst in Ordnung halten müssen.

Im Auftrag von Billy beobachtet Detektiv Kampmüller heimlich die Mitarbeiter, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Ich war auch mit Ver.di in Verbindung, von denen es das Schwarzbuch Lidl gibt und die mir einen Kontakt zu mehreren Kassiererinnen gemacht haben. So speist sich zum Beispiel die Szene, in der die Figur Dullenkopf gezwungen wird, selbst zu kündigen, aus Protokollen solcher ?Scheinprozesse?. Grundsätzlich ist alles, was in dem Film in der Discounterwelt passiert, so oder so ähnlich in der Realität nachweisbar. Sicherlich nicht alles in einer einzigen Filiale, wir haben natürlich verschiedene Vorkommnisse, die z. B. im Schwarzbuch Lidl notiert sind, zusammengezogen und verdichtet. Aber alles hat so stattgefunden, oft sogar noch heftiger.

Gab es auch Unterstützung bei den Dreharbeiten?

Für den Dreh leisteten wir uns eine Fachberatung, eine Filialleiterin aus dem süddeutschen Raum, die mir im Vorfeld ihre Geschichten erzählte, das Drehbuch las und während der Drehtage im Discounter immer dabei war. Sie war auch diejenige, die mit den Schauspielern das Arbeiten im Discounter übte. Denn nichts ist schwieriger für einen Schauspieler als alltägliche Arbeit darzustellen, während man die Figur spielt und Texte spricht. Es muss ja so aussehen, als hätte man nie etwas anderes gemacht, und trotzdem muss man völlig frei sein, diese automatisierten Handlungen dann noch spielerisch variieren zu können. Deshalb haben die Schauspieler vor Drehbeginn zwei Abende in einer Filiale gearbeitet. Die wussten, wie man Kartons aufschneidet, was abschachteln oder umwälzen bedeutet; all die absurden Begriffe, die es in dem Bereich gibt.

Und hat dann die Dreharbeiten sozusagen überwacht?

Ja. Sie hat uns z. B. oft gesagt, dass der Ton zu freundlich ist, weil die Vorgesetzten nicht so freundlich mit den Angestellten reden. Oder dass wir die Komparsen mehr auf Abstand stellen sollten, weil die Vorgesetzten sich in Anwesenheit von Kunden zurückhalten. Sie erklärte auch den Schauspielerinnen, wie wichtig effizientes Arbeiten ist. Z. B. geht eine Angestellte nie mit leeren Händen durch die Filiale. Als Regisseur sagt man: "Pack doch ein paar Kartons dahin, und dann gehst du halt wieder zurück." Aber wenn man von einem Ort zum anderen geht, ohne dass es etwas zu tragen gibt, wird wenigstens noch den Pfandautomaten geleert und der Sack zurückgebracht.

Der hohe Kostendruck verursacht diese Arbeitsbedingungen?

Ja. Da ist unser Film übrigens nicht korrekt, in einer Filiale dieser Größe würden gleichzeitig nur eine, maximal zwei Angestellte arbeiten. Die Effizienz im Discounter besteht ja bereits darin, dass der Kunde sich das Produkt selbst aus dem Karton nimmt. Oder nicht drei oder zehn Senfsorten findet, sondern nur eine. Auch der Kunde soll sich ja nicht lange aufhalten, sondern muss schnell durchgeschleust werden.

Mario und Lena wollen von Gisela Dullenkopf wissen, warum sie nicht mehr bei Billy arbeitet, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Hat es auch Spaß gemacht, diese Arbeitswelt herzustellen?

Ich mag es ja immer besonders, eine geschlossene Welt zu kreieren. Bei meinem ersten Lena-Odenthal-TATORT "Sterben für die Erben" war es ein Hotel, in dem ein Kammerspiel stattfand. Hier war es die Discounterwelt. Mal in den Betriebsräumen dieser Filialen zu sitzen, sich hinter den Kulissen umzuschauen und das dann einzurichten. Die ganzen Schilder z. B., die im Film im Keller hängen: "Mein Gehalt zahlt der Kunde", oder "So sieht mich der Kunde" über dem Spiegel, sind keineswegs fiktiv, war haben die alle in den unterschiedlichen Discountern gesehen.

Der gelb-lila Billy-Discount scheint mit viel Lust an der Hässlichkeit erfunden.

Das Problem war erst mal, überhaupt im Discountermilieu drehen zu können. Das scheint ja ganz einfach, Discounter gibt?s an jeder Ecke. Aber natürlich gehen bei einem realistisch-kritischen Umgang mit dem Thema alle Türen zu. Wir mussten uns also von dem Gedanken, am Wochenende in einer existierenden Filiale zu drehen, verabschieden. Aus dem Nichts ein Discounter-Motiv aus dem Boden zu stampfen, ist allerdings nicht einfach. Man braucht ja nicht nur den Laden und das Logo, sondern auch die ganze Waren, die darin sind, einschließlich der verderblichen. Wir hatten dann das Glück, in Karlsruhe ein leerstehendes Ladenlokal zu finden, das wir einrichteten.

Das Sortiment wurde dann auf geschickte Art von der Produktionsleitung zusammengemietet. Lediglich die verderblichen Sachen wurden gekauft, alles andere wieder zurückgegeben. Nur so war es möglich, im Rahmen des Budgets einen Laden von dieser Größe als Drehort herzustellen. Damit es auch in den Augen unserer Fachberatung echt aussah, wurden die Ladeneinrichtung ebenso wie die Kostüme extra verschlissen. Überall gehen die Nähte auf, wegen der Kanten der Kartons, oder die Taschen sind ausgerissen und fleckig. Schließlich war es so echt, dass in den Drehpausen Kunden hereinkamen und um die Einkaufskörbe zu füllen.

Es kann nicht ganz einfach gewesen sein, zwischen all den Regalen zu filmen?

Wir konnten uns das ja so einrichten, wie wir es brauchten. Grundsätzlich war es natürlich schwierig, ein optisches Konzept für diese sehr alltägliche Umgebung zu finden, es sollte ja nicht langweilig werden. Conny Wiederhold und ich waren uns schnell einig, dass wir mit extrem weiten Brennweiten arbeiten wollten. Denn den Raum kennt jeder, deshalb wollten wir uns ganz auf die Schauspieler konzentrieren.

Jan Henrik Stahlberg als Gebietsleiter Günter Novak, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Jan Hendrik Stahlberg als Gebietsleiter Novak ist geeignet, Aggressionen in uns wachzurufen ...

Die Gebietsleiter sind letztlich genauso arme Schweine wie die anderen. Die stehen extrem unter Druck, müssen in mehreren Filialen nachts noch Spätkontrollen durchführen, teilweise frühmorgens bei Anlieferungen wieder da sein etc. Die sind auch am Rande der Leistungsfähigkeit. Mit dem Schauspieler Jan Henrik Stahlberg haben wir im übrigen etwas Ähnliches gemacht. Er wollte mir eigentlich für die Rolle absagen, wegen eines parallelen Projekts und seiner familiären Verpflichtungen. Weil ich ihn unbedingt haben wollte, erklärte ich ihm, dass diese Gebietsleiter völlig übernächtigt und total fertig sind. Und dann haben wir die Vereinbarung getroffen, dass er den Text nur anlernen müsste und morgens mit dem ersten Flieger aus Berlin kommen könnte, ob er geschlafen hatte oder nicht. Dann direkt ans Set und abends wieder in den Flieger, so dass er am nächsten Morgen seinen Sohn in den Kindergarten bringen konnte. Und so war es dann auch.

Wir haben bei diesem Film, wie schon bei "Sterben für die Erben" wieder ohne Maske gearbeitet. Morgens gab es für die Schauspieler eine Gesichtsmassage, und das war?s dann. Die Augenringe bei Jan Henrik Stahlberg sind also nicht geschminkt. Der stieg morgens aus dem SWR-Wagen, hat gebietsleitermäßig um sich gebissen und wurde dann wieder weggefahren. Es ging so weit, dass Traute Hoess beim Drehen richtig Aggressionen bekam, wenn sie als Filialleiterin immer so runtergeputzt wurde. Dabei schafft er es trotzdem, der Rolle noch ein Plus zu geben, so dass einem gleichzeitig bewusst wird, dass auch Novak unter Druck steht. Und dass die Figur das Ganze mit einer gewissen Lust macht, ist wiederum das Armseligste, was man sich denken kann. Den Worten, mit denen man die Leute fertig macht, noch Lust abzugewinnen, ist wirklich armselig. Und all das zusammen ist der Weg, den wir mit der Figur gehen wollten.

Die Figur der Chefin wiederum war ursprünglich ein Mann. In den Besetzungsgesprächen haben wir uns dann überlegt, dass es für Lena Odenthal schöner ist, eine Gegnerin zu haben, so dass zwei Frauen sich auf Augenhöhe begegnen. Das ist auch Ulrike Folkerts besonders gut gelungen, finde ich. Diese Frau Fuchs provoziert ja ganz ungemein, und Lena lässt sich nicht provozieren. Sie ist sehr souverän, und das gefällt mir gut.

Genau wie wir stehen Lena Odenthal und Kopper dem Discounterwesen manchmal fassungslos gegenüber.

Gesine Fuchs macht Druck bei den Mitarbeitern. Eigene Meinungen und Widerworte sind bei Billy nicht gefragt, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Perspektivisch ist der Film ja weitgehend so erzählt, dass man die Discounterwelt mit der Kommissarin ergründet. Nach der ersten Begegnung mit Frau Fuchs, in der klar wird, dass es da nur um die Zahlen geht und niemand um den Toten trauert, müssen Lena und Kopper dieses ganze System vor sich ausbreiten, um zu verstehen, was passiert ist. Wir haben bewusst versucht, die Kommissare aus dieser Diskussion rauszuhalten, sie verhandeln also nicht die Frage von gut oder böse im Discounter. Ich wollte das Thema nicht auf der Oberfläche des Films zwischen Lena und Kopper abhandeln, sondern finde es richtiger, wenn die Zuschauer sich selbst Gedanken über das Thema machen und erkennen, dass man Farbe bekennen muss.

Insofern bin ich gespannt auf die Reaktionen der Zuschauer. Natürlich ändert ein Film nicht das System, und viele Leute sind aus Kostengründen darauf angewiesen, im Discounter einzukaufen. Aber der TATORT wird doch von ein paar Millionen Zuschauern gesehen und führt das System Discounter, glaube ich, noch mal plastischer vor Augen als zum Beispiel eine gedruckte Reportage. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, als mir das Projekt angeboten wurde.

Es war Ihre zweite Arbeit mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal. Hat sich die Figur seit "Sterben für die Erben" verändert?

Ich finde, dass die Odenthal-TATORTe sich gerade sehr gut entwickeln. Die Filme sind momentan sehr unterschiedlich, thematisch sehr speziell und kantig, und auch wie Ulrike die Figur anlegt, sie erwachsener sein lässt, gefällt mir sehr gut. Es ist ja das Wunderbare an dieser Figur, dass man viele verschiedene Facetten in den Geschichten ausprobieren kann. Und je weniger kantig Lena Odenthal selbst ist, desto spezieller und kantiger können die Geschichten werden.

SWR-Pressemappe


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