Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Kassensturz

Das Spiel mit der Angst

Im Frühjahr 2008 deckten die stern-Reporter Malte Arnsperger und Markus Grill einen skandalösen Umgang mit Daten, Mitarbeitern und auch Kunden beim Discounter Lidl auf. Ausgerechnet in derselben Woche stand der SWR in den Startlöchern mit Dreharbeiten zum TATORT "Kassensturz", der solcherart menschenverachtende Praktiken aufzeigen wollte - und der diesen Sonntag in der ARD läuft.

Hannelore Freytag weigert sich, Odenthal und Kopper Auskunft über ihren ermordeten Chef zu geben, Bild: SWR/ Krause-Burberg

Skeptiker verstummten

Die Recherchen von Arnsperger und Grill sorgten für öffentliche Empörung und - angeblich - auch für eine Änderung der Unternehmenspraktiken. Kürzlich sind die beiden für ihre Recherchen zu den "Journalisten des Jahres 2008" gewählt worden.

Skeptiker, die TATORT-Regisseur Lars Montag vor Drehbeginn noch eine gewisse Übertreibung nahelegen wollten, verstummten schnell: die Realität übertraf das Drehbuch sogar noch um einiges, wie Montag auf der Kino-Premiere von "Kassensturz" Anfang Dezember in Stuttgart erzählt. Montag nahm dies zum Anlass, das Buch schnell zu aktualisieren und die Kameraüberwachung mit hineinzunehmen. Wenn auch nur in ein paar Nebensätzen, wie er sagt, aber: immerhin.

"Höchstens etwas verdichtet"

Eine erneute öffentliche Diskussion möchte man dem von Stephan Falk (TATORT: Herzversagen) mühsam recherchiertem Drehbuch nun auch wünschen, zumindest wäre da ein Gedankenanstoß in alter TATORT-Manier beim vermutlich überwiegend preisbewusst einkaufenden Fernseh-Publikum wünschenswert. Regisseur Montag wird auf der Premiere jedenfalls nicht müde zu betonen, dass das Drehbuch absolut realistisch sei; nichts sei erfunden, "höchstens etwas verdichtet", so Montag.

Mario und Lena wollen von Gisela Dullenkopf wissen, warum sie nicht mehr bei Billy arbeitet, Bild: SWR/Krause-Burberg
Beispiel: Wenn ein Gebietsleiter im TATORT seine Mitarbeiter mit einer Sprühflasche bewirft, "dann hat es dies definitiv schon gegeben", so Montag. In der Regel würden diese Gebietsleiter aber lieber ins Obst- und Gemüseregal greifen, weil die Sachen zum einen nicht kaputt gehen und zum anderen keine Körperverletzung hervorrufen, aber eben ordentlich wehtun und zudem billig sind.

Fachberatung für authentische Szenen

Bei den Dreharbeiten stand dem Team sogar eine reale Filialleiterin aus dem süddeutschen Raum beratend zur Seite, welche die Dreharbeiten quasi "überwacht" und Tipps gegeben hat. Montag: "Sie hat uns z. B. oft gesagt, dass der Ton zu freundlich ist, weil die Vorgesetzten nicht so freundlich mit den Angestellten reden. Oder dass wir die Komparsen mehr auf Abstand stellen sollten, weil die Vorgesetzten sich in Anwesenheit von Kunden zurückhalten. Sie erklärte auch den Schauspielerinnen, wie wichtig effizientes Arbeiten ist. Beispielsweise geht eine Angestellte nie mit leeren Händen durch die Filiale."

"Willkommen in der Hölle"

Gebietsleiter Günter Novak, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Die Geschichte des TATORTs ist schnell umrissen: Auf einer Mülldeponie wird die Leiche von Boris Blaschke gefunden, bis zu seinem Tod Ludwigshafener Gebietsleiter bei der Discounter-Kette Billy. Als Lena Odenthal und Mario Kopper in der Billy-Filiale die Ermittlungen aufnehmen, bekommen sie Einblick in eine Branche, in der die Beschäftigten unter extremem Druck arbeiten. Unbezahlte Mehrarbeitsstunden sind an der Tagesordnung, und selbst vor der Beobachtung der Beschäftigten durch eine Detektei schreckte ein Gebietsleiter wie der ermordete Blaschke nicht zurück. In dieser Atmosphäre des Drucks, der Kontrolle und der unterdrückten Wut sind die Aggressionen der Verkäuferinnen gegen den Gebietsleiter natürlich groß - war eine von ihnen die Mörderin? Oder ist es Blaschkes Nachfolger Günter Novak, der rücksichtslos seine Ziele durchsetzt und seine neuen Mitarbeiterinnen mit einem aparten "Willkommen in der Hölle" begrüßt?

Kein Betriebsrat

Der Umgangston in dieser Filiale ist alles andere als herzlich, die Mitarbeiterinnen haben nichts zu lachen und müssen - vor den Kunden - immerzu gute Miene zum bösen Spiel machen. Wer aufmuckt, das wird immer wieder unmissverständlich deutlich gemacht, macht Platz für einen Arbeitslosen - und ist damit selbst der nächste. Der Schutz vor einer Abmahnung oder gar der finalen Kündigung durch einen Betriebsrat greift hier nicht, denn im Film-Discounter wird die Gründung eines solchen durch die Gebietsleiter geschickt und unter Ausübung von massivem Druck verhindert; in realen Discountern reicht oft die Anzahl der Mitarbeiter pro Filiale dafür gar nicht aus - ein Schelm, der dabei Böses denkt.

Gesine Fuchs macht Druck bei den Mitarbeitern, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Trotzdem haben es die Ermittler Lena und Mario schwer. Denn die Täterfrage ist doch komplexer, als es anfangs den Anschein macht. Pluspunkt für jeden Krimi. Dezent und dennoch solide ermittelt das Polizeiteam, immer wieder werden sie bei den temporeichen Ermittlungen als fassungslose Beobachter innerhalb der Discounterwelt gezeichnet.

Echt und spürbar

Eine unbestreitbare Stärke von "Kassensturz" ist die angestrebte Realitätstreue im Discountermilieu; der Film zeigt all die kleinen Fragmente des Systems, die zusammengeworfen ein unappetitliches Puzzle ergeben - und dem Zuschauer die Zusammenhänge, die im sog. "Niedrigpreissegment" vorherrschen, mehr als deutlich macht.

Stark sind insbesondere die Schauspieler Traute Hoess als Filialleiterin, Barbara Philipp als Angestellte Gisela Dullenkopf oder Jan Henrik Stahlberg als fieser Gebietsleiter Novak. Sie spielen die Figuren authentisch: ihre Wut, die unterdrückten Aggressionen sind echt und spürbar. Sie sind alles bedauernswerte Opfer des Systems, ein Rädchen im Getriebe der teuflischen Discounterhölle.

Nur eine Gruppe fehlt fast völlig: Die täglich in die Filialen strömenden, preisbewussten Kunden kommen in diesem TATORT kaum vor, werden nur zu Statisten degradiert, höchstens einer ruft mal "Wir können auch woanders einkaufen!". Früher hätte jeder Drehbuchautor wenigstens zum Einstieg ins Thema Lena Odenthal beim Einkaufen gezeigt (oder zur Not die stets unterbeschäftigte Frau Keller), aber nein: nichts - Fehlanzeige!

Als Komikfigur missbraucht

Frau Keller nimmt heimlich an einem Radiogewinnspiel teil, Bild: SWR/ Krause-Burberg
Stattdessen wird Frau Keller zum wiederholten Male in einem Ludwigshafener TATORT als Komikfigur missbraucht, die dem Film einen unterhaltsamen Kontrast geben soll. Dies allerdings geht völlig daneben, was schon dadurch deutlich wird, dass der Sender zusätzlich noch seine bunten Radiovögel Michael Wirbitzky und Sascha Zeus aus der SWR3 Morningshow bemühen muss. Was im Vorgänger-TATORT "Der glückliche Tod" neben der an die Nieren gehenden Haupthandlung im Zweifel zu wenig dosiert war, wird hier zu heftig dosiert: Frau Keller fängt die Geschichte eben nicht auf. Hätte man wenigstens gezielt die Geschichte um ihre Liebschaft aus Kalifornien weitergesponnen - der viel zitierten Kontinuität hätte es gut getan. Doch hier wurde leider ein komplett neues Fass aufgemacht, was nur unnötig Unruhe in den Plot bringt - schade!

Spannung bis zur vorletzten Minute

Die Auflösung des TATORTs ist nicht spektakulär, aber auch nicht einfach vorhersehbar - und das erzeugt immerhin Spannung bis zur vorletzten Minute; den Krimifreund könnte es freuen. Zugleich ist die Auflösung ein überzeugender Ausdruck der in dem Krimi eindringlich geschilderten Situation, die unweigerlich zu einer Explosion, zur Entladung von Gefühlen wie Wut und Angst führen musste - egal bei welchem Menschen. Denn die Liebe, aber auch Träume und Wünsche trotzen eben auch der rauen und kalten Discounterwelt, wollen ihr widerstehen, sind quasi nicht totzukriegen - eher muss da vorher jemand anderes sterben, bevor die Träume sterben, die einen noch am Leben halten. Und sei es im Supermarkt um die Ecke - zwischen Marmeladengläsern und Waschpulver.

Francois Werner


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3