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Heute ist der: 16.12.2018. --> Bis heute wurden 1087 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwarzer Peter

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Der neue Leipzig-TATORT ist ein starker Krimi mit weiblicher Blickführung - und zugleich der bisher beste des Teams Saalfeld und Keppler.
Für Eva Saalfeld und Andreas Keppler ist es der vierte TATORT-Fall. © MDR/Saxonia Media/Junghans

Als im letzten Dezember der TATORT "Waffenschwestern" über die Sender ging, standen in dessen Mittelpunkt vermeintlich starke Frauen. Stark, weil sie Waffen beherrschten und auch sonst nicht auf den Mund gefallen waren, Stärke durch Worte simulierten. Geschickt und berechnend überdies, wenn sie die Männer zu Untertanen machten, sie zu Liebhabern reduzierten; dann auf sie zurückgriffen, wann es ihnen passte.

Die Frauen ließen keine Schwächen und keine Gefühle zu bei ihren Schießübungen im Wald. Regelmäßig verübten sie Banküberfälle und narrten lange Zeit die Polizei, die anfangs nur von männlichen Bankräubern ausging. Es gab ihnen einen Kick, vergrößerte ihre vermeintliche Stärke.

Das Böse ist immer und überall

Das Motto dieser Waffenschwestern hätte "Das Böse ist immer und überall" lauten können, so, als hätten sie den Gassenhauer der Ersten Allgemeinen Verunsicherung aus den 80ern zu sehr verinnerlicht, die da auf amüsante Weise von dem vergeblichen Versuch trällerten, eine Bank auszurauben, um ihrer Misere ein Ende zu machen. Doch da Böses sich bekanntlich nicht lohnt, gelang es weder der österreichischen Combo noch den Frankfurter Waffenschwestern, sich aus ihrer Misere zu befreien. Am Ende hatten die Frauen so gar nichts Heroisches mehr, als ihnen die Waffen ausgingen und die Übermacht der Polizei zu groß wurde.
Sonntag-Abend schaut man lieber TATORT als einen Wutanfall zu bekommen. © MDR/Saxonia Media/Junghans

Die Arschkarte gezogen

Mehr Stärke wünscht man auch den Frauen aus dem neuen Leipzig-Krimi. Der erzählt vordergründig auch von solchen Frauen, die sich lange Zeit nicht aus ihrer Misere befreien konnten, sie erduldeten. Frauen, die sich nicht einfach so mit purer Waffengewalt aus ihrer hoffnungslosen Lage befreien können. Denn es ist bekanntlich nicht ganz so einfach, sein Leben schlagartig zu ändern, sich aus den Mustern und Zwängen des Lebens zu befreien, ihm eine neue Richtung zu geben. Erst recht gelingt dieses nicht den schwachen Frauen, die bei jedem dieser Versuche nur noch schwächer gemacht werden - von einem Tyrannen, einem herrschsüchtigen Gegenpart, meist einem Mann. Bei so einem Mann, der lebensbestimmend wird für die Frauen, der ihre Aussichtslosigkeit untermauert und fortführt haben die Frauen das gezogen, was man gemeinhin wohl als "Arschkarte" bezeichnet.
Die Witwe im Leichenschauhaus: Beine ab! © MDR/Saxonia Media/Junghans

Wo sind die Beine?

Dieser neue Krimi von der ausgezeichneten Drehbuchautorin Kathrin Bühlig und der Regisseurin Christine Hartmann erzählt die Geschichte von einem Mann, der in der Weißen Elster treibt und mit abgetrennten Beinen tot aufgefunden wird. Der auch so ein Tyrann war. Nicht nur privat, sondern auch im Berufsleben, wie sich bei den Ermittlungen von Saalfeld und Keppler schnell herausstellt. Für den Gerichtsmediziner steht fest, dass der Täter ein Mann gewesen sein muss, aufgrund der Kraft, die für diese Tat aufgebracht werden muss. Keppler und Saalfeld beschränken sich am Anfang ihrer Ermittlungen aber vorerst nur auf Binsenweisheiten: Keppler meint, der Täter musste voller Hass sein - ach was. Und Eva Saalfeld bemerkt etwas naiv, dass man Männer auch anders loswerden kann.
Der Schwager beim Bruder: wer ist hier kompliziert? © MDR/Saxonia Media/Junghans

Ein Arschloch weniger auf dieser Welt

Wer also hat den Mann mit dem symbolischen Allerweltsnamen Peter Schneider umgebracht? Da dieser mit Kollegen und Teilhabern wenig zimperlich umsprang, seine Familie unterdrückte, wo es nur ging und ohne Rücksicht auf Verluste krankhaft nach übertriebener Anerkennung strebte, haben Saalfeld und Keppler schnell eine ganze Reihe von Verdächtigen zusammen, die für diesen Mord in Frage kommen.
Versöhnung auf der Bettkante © MDR/Saxonia Media/Junghans

Ein Fall für Eva Saalfeld

Die Ermittlungen in diesem TATORT sind nicht besonders spannend, die Ermittler machen das sehr routiniert - von einem Verdächtigen zum nächsten, von einer Frage zur anderen. Der Film, dem man durchaus attestieren kann, aus "Frauensicht" zu erzählen, zeigt auch eine bemüht helfende und resolute Ermittlerin Saalfeld, zeigt sie uns von einer neuen Seite: sie kann ordentlich wütend werden und mal ne klare Ansage machen, hart durchgreifen. Ob das glaubhaft rüberkommt, muss jeder für sich beurteilen; aber der Fall ist ganz klar ein Fall für die Kommissarin, für die Frau Eva Saalfeld, denn sie steht im Vordergrund, hält alle Fäden in der Hand, muss auch zwischen den Kollegen und Keppler vermitteln, weil der ihnen - wortkarg wie er ist - nicht erzählen mag, warum die anfangs fehlenden Beine gerade dort in der Elster zu suchen sind und eben nicht woanders.

Keppler scheint auch sonst eher unbeteiligt - die Gewalt an den Frauen ruft nur ein ehrliches Schulterzucken bei ihm hervor, einen versoffenen Zeugen kann er nicht so anfassen, wie er gerne würde, weil Eva Saalfeld ihn ausbremst und auf Psychologin macht. Stattdessen beschäftigt er sich lieber mit Sado-Maso-Techniken und Fließgeschwindigkeiten von Flüssigkeiten.
Im eigenen Haus unerwünscht © MDR/Saxonia Media/Junghans

Was passiert als nächstes?

Spannung bezieht der TATORT eher aus den Szenen zwischen den Ermittlungen. Diejenigen, die dem Thema des TATORTs nahe kommen, der häuslichen Gewalt. Sie zeigen einen Ehemann, der seine Frau verprügelt, weil sie keinen Rotwein mit ihm trinken will oder nicht mit ihm schlafen will. Die dafür Prügel kassiert, und das vor den Augen der Tochter. Hier schraubt der TATORT den Druck, die Spannung langsam höher. Was passiert als nächstes? Wird auch der Mann sterben und seine Beine verlieren? Der Film zeichnet immer auch die Figur des toten Peter Schneider, der nicht anwesend sein kann, aber allgegenwärtig ist.
Stille Beobachterin - auch sie wird Hilfe brauchen © MDR/Saxonia Media/Junghans

Finger in die Wunden gelegt

Die Redaktion des Leipziger TATORT hat sich wie in nur wenigen Krimifolgen zuvor ein wirklich interessantes und gesellschaftsrelevantes Thema ausgesucht; eines, dem sich jeder Zuschauer stellen sollte, das lange tabuisiert und verschwiegen wurde. Der Film bildet ab; Lösungen hat er keine anzubieten. "Augen auf!", hört man die Drehbuchautorin Bühlig zwischen den Zeilen rufen. Sie hat es schon bei ihrem ersten TATORT "Unter uns" vor zwei Jahren verstanden, den Finger in die Wunde zu legen. Damals war Kindesmisshandlung das Thema. Dort hat sie schon diese vielen Wunden aufgezählt, die dem vernachlässigten Kind zugefügt wurden.

"Schicksal, da kann man nix machen!"

Auch in "Schwarzer Peter" lässt sie die lange Liste von Verletzungen aufzählen, die in Bildern eindrucksvoll geliefert werden. Die nicht sichtbaren psychischen Verletzungen, die wohl kaum verheilen werden, sind dagegen in den Gesichtern und Verhaltensweisen der Figuren, der Frauen, zu sehen. Die Ehefrau des Toten, gespielt von Suzanne von Borsody oder die beiden unterschiedlichen Töchter, gespielt von Sandra Borgmann und Chiara Schoras, zeigen diese eindrucksvoll. Die eine kühl und abgehärtet, die andere schwach und gebrochen.
Mutter und Tochter in der Küche - nicht nur gestoßen.... © MDR/Saxonia Media/Junghans

Der beste Fall aus Leipzig

Der teils hochkarätig besetzte TATORT ist mit Abstand der beste der bisherigen Leipzig-Serie mit Saalfeld und Keppler. Die Handlung, das anfangs krimigerecht undurchsichtige Schicksal der Figuren, zieht in den Bann, berührt einen. Die Lösung des Falls selbst ist da gar nicht mehr so interessant, kommt nur noch eher beiläufig daher. Der krimierfahrene TATORT-Zuschauer mag die Lösung ohnehin schon viel früher erkennen; wie so oft, denn TATORTe sind in den letzten Monaten nur noch selten Krimis mit großen Überraschungs-Tätern am Ende. Spätestens wenn Details in Großaufnahme gezeigt werden, weiß ohnehin jeder Bescheid, dass dies eine Bedeutung haben muss, haben wird.

Dennoch: eine Überraschung hält der Film trotzdem bereit. Eine, über die man bei aller Ernsthaftigkeit des Themas ruhig schmunzeln, ja lauthals lachen darf: es ist die Erklärung des Täters, warum dem Toten die Beine abgetrennt wurden. Deshalb der Aufruf an alle Kriminalisten und Gerichtsmediziner: aufpassen, denn diese Erklärung dürfte im TATORT bisher wohl einmalig gewesen sein!

Francois Werner


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