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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Eisner unterm Telfser Minarett

Manchmal wüsste man auch als wohlwollendster Beobachter des öffentlich-rechtlichen Kriminal-TVs schon ganz gerne, was in den Köpfen der ARD-Programmkoordinatoren so vor sich geht. Eine Frage, die sich aufgrund einer ungeahnten Häufung von Mordfällen im fiktiven muslimischen Migrantenmilieu aufdrängt: Produziert jetzt eigentlich jeder ARD-Sender seinen eigenen TATORT zum Thema "Ehrenmord"?

Nach den aufs Heftigste diskutierten Episoden "Schatten der Angst" und "Wem Ehre gebührt" fahndet nun zunächst auch Ösi-Sonderermittler Moritz Eisner im TATORT "Baum der Erlösung" nach einem vermeintlichen Ehrenmörder.
Vedat Özdemir am Tatort mit Kazim Ozbay und seinem Sohn Serkan, Bild: rbb/ORF/Cult- Film/Bernhard Berger

Eine kleine Sensation

Wobei "Baum der Erlösung", der neue TATORT aus der Klasse-Feder von Felix Mitterer, natürlich schon eine kleine Sensation ist. So große, spektakuläre Bilder, wie sie die Kamera von Thomas Kiennast unter Regisseur Harald Sicheritz hier eingefangen hat, gibt es im Fernsehen nur selten zu bestaunen. Auf dem Sendeplatz, auf dem sonst mal mehr, mal weniger zähe psychologische Spielchen, endlose Verhöre und kammerspielartige Dialoge stattfinden, geht es nun beinahe zur Sache wie im großen US-Kino.

Wahre Begebenheiten

Dafür, dass man ja nicht vergisst, dass es sich nur um ein Stück deutsches Fernsehen handelt, sorgt freilich ein politisch allzu korrektes Ende, das die Völkerverständigung so gnadenlos abfeiert, dass es fast wehtut. Bis dahin ist Eisners neuer Fall ein rassiger Outdoor-Krimi voller Tempo und Action. Und der Plot des in Telfs, Tirol, gedrehten Films beruht auf wahren Begebenheiten.

Georg Larcher bedroht Melisa Ozbay, Bild: rbb/ORF/Cult- Film/Bernhard Berger
Der Alpengipfel der Hohen Munde, der Halbmond und ein lang gezogener Schrei: "Allahou Akbar!" Los geht's mit dem Muezzin, der vom - es wurde nach langer Diskussion tatsächlich gebaut - Telfser Minarett zum Gebet ruft. "Wir sind hier nicht in Istanbul!", brüllen andere... Die völlig zerstrittene lokalpolitische Gemengelage, die angespannte Situation zwischen Einheimischen und Migranten im Ort, ist der packende Hintergrund für einen ansonsten gar nicht so komplexen Fall.

Der Baum der Erlösung

An einem Baum in einem Waldstück in der Nähe der Tiroler Marktgemeinde haben sich innerhalb nur eines Jahres drei türkische Mädchen und ein junger Mann erhängt, weil sie einer Zwangsehe entgehen wollten. Seitdem trägt der Baum diesen Namen. Als dort die junge Türkin Ayse tot aufgefunden wird, geht die Polizei zunächst ebenfalls von einem Selbstmord aus. Doch bei der Obduktion werden Spuren von Gewaltanwendung entdeckt und der Tiroler Freund des Mädchens wird vermisst.

Kazim Ozbay findet seine Frau Ensise, Bild: rbb/ORF/Cult- Film/Bernhard Berger
Als seine Leiche mit eingeschlagenem Schädel in einem See entdeckt wird, drängt sich dem vom Innenministerium entsandten Wiener Chefinspektor Eisner und seinen Tiroler Kollegen Franz Pfurtscheller und Vedat Özdemir ein schlimmer Verdacht auf. Hat Ayses Bruder Serkan Ozbay etwas mit diesem Verbrechen zu tun? Und warum verschwindet plötzlich ihre Schwester Melisa?

Die Handlung wird auf zwei Ebenen erzählt

Geschickt wird die Handlung auf zwei Ebenen erzählt: Im Zentrum stehen Eisners Bemühungen im Umfeld der türkischen Familie, dahinter geht es, sogar mit ein bisschen Tiefgang, um das große Thema Integration. Wobei die explosive Stimmung voller Berührungsangst und Vorurteile beiderseits hier fast authentischer erscheint, als die Suche nach dem Täter, die teilweise überdramatisch auf hochalpinem Terrain stattfindet. Dass alles am Ende sowieso ganz anders war, als gedacht, versteht sich von selbst...

Vedat Özdemir kämpft um das Leben von Georg Lachner, Bild: rbb/ORF/Cult- Film/Bernhard Berger
Herausragend sind die beiden wichtigsten Episodenrollen besetzt: Tayfun Bademsoy als allzu ehrenhafter türkischer Familienvater und Tim Seyfi als tatkräftiger Polizist und hilfreicher Übersetzer verkörpern gewissermaßen die beiden Pole, zwischen denen sich die Integration in diesem Tiroler Mikrokosmos abspielt. Hier der streng gläubige Moslem, dort der lässige Cop, der sich auch von Anfeindungen nicht von seinem Weg abbringen lässt. Am Ende wird Letzterer auf das "Mach's guat, Knoblauchfresser" seines streng konservativen Kollegen Pfurtscheller die einzig passende Antwort geben: "Du auch, Schluachtenscheißer!" Das nennt man dann wohl: Integration gelungen.

Langsam wird's langweilig

Unterm Strich richtig klasse - wäre es der erste TATORT zum Thema gewesen... Den Finger in eine Wunde legen, ist eine Sache, aber ein, gewiss hochbrisantes, Thema derart inflationär zu beackern, ist wohl eher diametral zur Intention, zum Nachdenken anzuregen. Langsam wird's langweilig.



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