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"Ich möchte, dass man Charlotte Lindholm wiedererkennt"

Interview mit Maria Furtwängler

Charlotte Lindholm sieht sich bei diesem Fall in Gorleben mit einer heiklen politischen Konfliktlage konfrontiert. Wie verhält sie sich dazu? Bezieht sie Stellung?

Charlotte Lindholm und Jakob Halder am Unfallort Kasper, Bild: NDR/Nik Konietzny/Carles Carabi Negueruela
Nein. Sie hat gelernt, dass es für sie als Ermittlerin nicht gut ist, zu prononcierte politische Einstellungen zu haben. Sie muss offen bleiben, und genau das macht ihre Mutter ihr dann ja auch zum Vorwurf.Während diese ganz klar Stellung gegen die Atompolitik bezieht, früher ja auch Aktivistin war, distanziert sich ihre Tochter von dieser Haltung und sagt: So einfach kann die Wahrheit nicht sein. Es liegt Charlotte Lindholms Charakter näher, eher abzuwägen als radikal für oder gegen etwas sein.

Der Fall, um den es dieses Mal geht, zieht immer größere Kreise. Ist es Courage oder Naivität, ihn im Alleingang aufklären zu wollen?

Sie wird in diesem Fall doch sogar dazu ermutigt, so vorzugehen. Als ihr Chef ihr vorschlägt, im Rahmen ihrer Ermittlungen nach Barcelona zu fahren, ist sie eher perplex, denn damit hat sie nicht gerechnet. Normalerweise würde man immer die Kollegen vor Ort um Hilfe bitten. Aber da sie eine leidenschaftliche Einzelgängerin ist, hinterfragt sie es nicht weiter. Und natürlich ist dann auch eine große Portion Naivität dabei: Sie kommt in Spanien im Grunde als Touristin an, ohne Befugnisse, ohne Waffe, ohne irgendetwas.

Charlotte Lindholm und ihr Sohn David, Bild: NDR/Nik Konietzny/Carles Carabi Negueruela
Normalerweise führen ihre Fälle die Kommissarin aufs platte Land. Und nun wird sie auf einmal ins turbulente Barcelona versetzt.

Mir hat das als Figur sehr viel Spaß gemacht, dieses "fish out of water": mit der Sprache, die sie nicht versteht,und den Leuten, mit denen sie nicht umgehen kann. Es war sehr reizvoll, das zu spielen. Und natürlich macht es auch großen Spaß, mit so einem Team mal ins Ausland zu gehen.Von den Mitteln her waren wir sehr beschränkt: Bei den Zugaufnahmen zum Beispiel waren wir zu viert. Da war kein Licht, kein Ton, keine Maske. Nur ein Kameramann.Wir haben zum Teil unter abenteuerlichen Bedingungen gedreht.

Die Figur zeichnet sich aus durch Hartnäckigkeit, eine besessene Leidenschaft für ihren Beruf.Was treibt sie an? Rechtsempfinden? Idealismus?

Ich glaube, es ist vor allem ein tiefer Gerechtigkeitssinn. Sie empfindet sich da als eine Kämpferin für die Schwachen, eine Jeanne d?Arc gegenüber Menschen, denen Unrecht oder etwas Böses angetan wird. Dabei ist sie nicht auf einer sozialen Ebene karitativ unterwegs, sondern es ist ihr Gerechtigkeitsempfinden, das ihr sagt, dass jemand, der solches Unrecht getan hat, nicht ungestraft davon kommen darf.

In der leidenschaftlichen Art, in der sie ihre Arbeit betreibt, geht sie dabei ja auch oft über ihre persönlichen Grenzen hinaus.

Man sucht natürlich solche Momente, in denen eine Figur in Grenzsituationen gerät. Die ganze Barcelona-Reise ist eine solche Grenzerfahrung für sie. Sie kommt dort an und merkt, dass sie niemanden hat, den sie ansprechen kann, kein Team im Hintergrund, keine Befugnisse. Sie beherrscht die Sprache nicht ? und zwar wirklich überhaupt nicht.

Einerseits also erlebt sie eine große Verlorenheit, aber zugleich ist da die Besessenheit, diesen Fall voran bringen zu wollen. Und dann sitzt sie im Taxi auf dem Weg zu einem nächtlichen Einsatz und merkt, dass sie nicht einmal die einfachsten Mittel hat wie ein Funkgerät oder eine Waffe. Sie begreift, dass sie die Situation nicht im Griff hat, dass sie die Kontrolle verliert, und das erzeugt Panik.

Charlotte Lindholm wird von Miguel Ahmadin bedroht, Bild: NDR/Nik Konietzny/Carles Carabi Negueruela
In einer anderen Szene erlebt sie eine bedrohliche Situation und telefoniert gleich darauf mit Martin und ihrem kleinen Sohn. Zu der beruflichen Anspannung kommt eine private Verletzlichkeit dazu.

Es gibt ein gutes Buch, das Kriminalkommissarinnen gemeinsam geschrieben haben, mit dem Titel "Die Angst ist dein größter Feind". Wenn man es mit Verbrechen und der Jagd nach Verbrechern zu tun hat, erlebt man sicherlich häufiger solche Situationen, in denen man Angst um das eigene Leben hat, als wir Normalsterblichen. Und es ist sehr realistisch, dass man noch verwundbarer ist,wenn man Familie und Kinder hat; in diesem Moment wird die Sorge um das eigene Leben zur Sorge um das Wohlergehen der Kinder erweitert.

Welche Überlegungen spielten sonst noch eine Rolle bei der Entscheidung, die Figur der Ermittlerin mit mehr Privatleben auszustatten, ihr sogar ein Kind zu geben, das sie allein erzieht?

Die Idee war, ein bisschen Normalität und Realität in eine dieser vielen Kommissarinnen-Figuren hineinzubringen. Es gibt im Fernsehen einfach sehr viel mehr kinderlose Frauen in diesen Funktionen, als es sie in Wirklichkeit gibt. Wir dachten, es wäre nicht schlecht, auch diesen Aspekt zu erzählen, ohne gleich ein Sozialdrama daraus zu machen, indem man zwar die Einschränkungen, die eine berufstätige Mutter erlebt, miterzählt, aber auch,was für ein großes Glück es sein kann, ein Kind zu haben. Für Charlotte Lindholm bedeutet dieses Kind auch eine neue Basis, Stabilität und Liebe. Es ist eine Ergänzung für sie als Frau ? sie ist mehr mit Kind, als sie es ohne war.

Die Dienstreise nach Spanien ist auch eine Gelegenheit für die Lindholm, den Kindsvater wiederzusehen, der dort lebt. Sie beobachtet ihn mit seinen Kindern und spricht ihn nicht an. Da ist noch einmal eine ganz andere Weichheit zu spüren, die etwas mit einer privaten Sehnsucht zu tun hat.Was geht da in ihr vor?

Ihr Privatleben ist ja alles andere als gelungen.Auch wenn es lustig ist mit Martin und schön mit ihrem Kind, ist sie doch eine sehr einsame Person, weil ihr das,was sie sonst noch als Frau ausmachen könnte ? einen Mann zu haben, mit dem sie lebt, den sie liebt ? ja nicht gelungen ist.

Sie ist auf halber Strecke stecken geblieben, und natürlich spürt sie eine große Sehnsucht nach diesem Mann, in den sie sich damals sicher verliebt hat.Auch wenn sie es nie zugeben würde, ihre Träume gehen sicher dahin, dass es schön wäre, wenn der Spanier morgen früh vor der Tür stünde und sagen würde: "Amor, ich ziehe hier ein, ich habe Frau und Kinder verlassen und wir machen zusammen in Familie". Die Sehnsucht nach einer Familie und einem Mann ist groß ? es ist eine Kompromisslösung, die Charlotte da lebt. Sie hat zwar Martin, und der ist entzückend und kocht für sie und kümmert sich ums Kind, sie hat auch die Mutter, die sich um ihr Kind kümmert, aber sie ist natürlich keine erfüllte Frau.

Charlotte Lindholm und Edgar Strelow mit der Salzleiche, Bild: NDR/Nik Konietzny/Carles Carabi Negueruela
Dem jungen Pathologen, der sie umwirbt, sagt sie: "Ich kann niemanden gebrauchen, der mich bewundert." Das Bild der starken Frau ist also auch hinderlich?

Es ist für eine starke Frau nicht leicht, einen stärkeren Mann zu finden. Sie sehnt sich nach der starken Schulter, an der sie sich ausruhen kann, nach jemandem, der sie beschützt und der ihr sagt, wo es lang geht. Das ist ja durchaus typisch für starke Frauen, dass sie nicht auch noch in ihrer Beziehung sagen wollen, wie es gemacht wird.Martin ist dieser Mann nicht und wird es auch niemals sein, und unglücklicherweise ist es der zwar hübsche, aber doch relativ unbedarfte Pathologe auch nicht.

Sie sind mit der Figur inzwischen schon eine lange Zeit verbunden und arbeiten ja auch bei der Entwicklung der Stoffe mit.Was ist Ihnen dabei wichtig?

Die Kontinuität der Figur Charlotte Lindholm und ihres nächsten Umfelds sind mir wichtig. Ich möchte, dass man sie wiedererkennt und das Ganze eine gewisse Stimmigkeit behält. Und natürlich bin ich kritisch und denke, wenn mich eine Geschichte nicht interessiert, dann wird sie auch die meisten Zuschauer nicht interessieren, oder wenn ich etwas unlogisch finde, dann ist es das vermutlich auch. Insofern bin ich sicherlich eine sehr strenge Leserin der Drehbücher; ich gebe viel Input und arbeite relativ intensiv daran mit.

Haben Sie auch Perspektiven im Sinn,wohin sich die Figur noch entwickeln könnte?

Bei den jeweiligen Fällen sind wir natürlich sehr auf die Autoren angewiesen.Vorgeben kann man gewisse private Entwicklungen, und natürlich überlegen wir, ob wir der Lindholm nicht noch einmal einen Mann an die Seite stellen und wie es mit dem Kind weitergeht.

Gibt es Themen, die Sie als Kriminalfall gerne einmal aufgreifen würden?

Wenn ich eine Idee reizvoll finde, dann sage ich das auch, aber an sich bin ich sehr froh, wenn ein Autor mit einem spannenden Thema oder ? noch besser ? mit einem spannenden Buch kommt.Wir sind da alle sehr angewiesen auf die Kreativität der Autoren oder auch der Produzenten sowie der Redaktion, die Autoren Themen vorschlagen.

Wenn Charlotte an ihre persönlichen Grenzen kommt, dann hat dies auch eine feine Komik. Aber solche Situationen sind doch eher rar ? Krimi und Komik scheinen nicht so ohne weiteres zusammenzugehen.

Ich sehne mich nach komischen Momenten, aber leider schreiben die Autoren zu selten solche Szenen,was ein Jammer ist.Was immer uns in dieser Hinsicht einfällt, versuchen wir in die Geschichte hineinzubringen, aber das ist gar nicht so leicht. Dabei finde ich, dass sich ein Krimi gut mit witzigen Momenten verträgt ? wenn es tragisch wird und man zwischendrin lachen kann. Situationskomik hat einfach sehr viel Charme und macht Figuren greifbarer. Und es macht viel Spaß, solche Szenen zu spielen.

Hätten Sie eigentlich Lust, einmal eine Schurkin zu spielen, so eine richtig böse?

Sofort. Am liebsten eine, die böse und komisch ist. Herrlich.

NDR-Pressemappe


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