Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 17.07.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Wir mussten immer darauf achten, wie weit wir das Absurde ziehen konnten, ohne den Fall aus dem Auge zu verlieren"

Interview mit Regisseur Lars Jessen anlässlich des TATORTs "Borowski und die einsamen Herzen"

Was möchten Sie mit dem Film neben einem spannenden Krimi noch erzählen?

Mir ging es darum, Menschen dabei zuzuschauen, was in ihrer persönlichen Lebensplanung schiefgelaufen ist. Ich wollte das nicht vordergründig und effektheischend tun, sondern mit einem genauen Blick auf die Figuren, der Humor zulässt. Der Film spielt im Dating-Millieu. Das läuft heute zwar sehr viel stärker übers Internet ab, aber ich glaube in einer überschaubaren Stadt wie Kiel kann man das sicher noch erleben, dass sich die Menschen persönlich ?Auge in Auge? treffen.

Der ganze Film hat sehr komödiantische Züge ? auch wegen Axel Milberg ...

Ich bin selbst Kieler ? genau wie Axel Milberg ? und habe mir die Kieler TATORTe natürlich von Anfang an sehr genau angeschaut. Ich fand die Filme mit ihrer nordisch unterkühlten Bildsprache meist sehr schön. Wenn man das erste Mal in solche Gegenden kommt, kann man das auch genauso erleben ? für mich sind aber Kiel, die Ostseeküste und die Menschen dort etwas mehr als das. Ich habe meine Landsleute immer als besonders humorvoll gesehen und wollte genau das zeigen. Ich versuche gerne, Ernstes und Amüsantes auf eine Linie zu stellen und mich nicht zu entscheiden: Ist das jetzt ein Drama, eine Komödie oder ein Kriminalfall? Die anderen Kieler TATORTe, die ich bis dahin gesehen hatte, waren alle immer sehr ernst und düster ... deshalb war ich froh über das Drehbuch von Thomas Schwank, das mir die Möglichkeit gab, eine andere Seite Borowskis erzählen zu können.

Wie haben Sie diese andere Seite dargestellt ? was ist der Trick?

Der Trick ist, dass man ein gutes Drehbuch hat, das zu einem passt. Ich habe sehr viel Fernsehen und Serie gemacht und bin es gewohnt, mich in einen Prozess einzugliedern, den andere begonnen haben. Da ist es gelegentlich so, dass man Drehbücher bekommt, bei denen man nicht so viele persönliche Spuren hinterlassen kann. In diesem Fall aber bekam ich die Möglichkeit, Borowski auch mal zaudernd, unsicher, verschmitzt und humorvoll hintergründig agieren zu lassen. Ich finde, es ist eine ganz große Gabe von Axel Milberg, diese seltsam verschrobenen Leute spielen zu können und dabei immer Klischees aus dem Weg zu gehen. Ich habe ihn gerne so voller Esprit und Witz gesehen, wie er das in den Dialogen von Thomas Schwank sein konnte.

Inszenierung und Timing sind in diesem Film anders als in anderen Krimis ...

Ja natürlich ? im Buch standen die komödiantischen Aspekte am Anfang sogar noch stärker im Vordergrund. Mir war es aber auch wichtig, dass der Krimi gut funktioniert und bis zum Schluss der ?whodunit?-Strang spannend erzählt wird. Ich finde nichts schlimmer als einen Krimi, bei dem sozial relevante Themen oder spektakuläre Verbrechen erzählt werden, aber der Plot nicht funktioniert. Die Mischung aus den lustigen Dating-Episoden mit Eggert und Milberg und den spannenden Krimi-Szenen musste einfach stimmen. In der Arbeitsweise war das sehr spannend, weil wir immer darauf achten mussten, wie weit wir das Absurde ziehen konnten, ohne den Fall aus dem Auge zu verlieren. Auch für die Schauspieler war das eine Herausforderung, weil die Spanne der Darstellung natürlich viel größer war als bei einem klassischen Krimi-Plot.

Kiel wird ganz besonders inszeniert ? war Ihnen das ein Anliegen?

Bei einer fremden Stadt ist man wahrscheinlich lässiger im Umgang mit lokalen Eigenheiten ? aber für mich war es spannend, zum ersten Mal in einer Stadt zu drehen, die ich seit Kindesbeinen kenne! Mir ging es vor allem darum, nicht die augenfälligen Kieler Motive zu zeigen wie die Kieler Förde und die Stena-Line, die nach Schweden fährt. Deshalb steht bei uns das Olympiazentrum von 1972 in Kiel-Schilksee im Mittelpunkt der Geschichte ? ich finde, das ist ein wahnsinnig tolles Motiv, das es in dieser Form in anderen Küstenstädten nicht gibt. Und ich wollte schon einen echten Kiel-Film drehen ? z.B. fahren die Figuren von Schilksee in die Innenstadt über die Holtenauer Hochbrücke, die zu einem wesentlichen visuellen Merkmal des Films geworden ist. Ich hoffe, dass meine kritischen Kieler Landsleute das auch entsprechend würdigen werden. Axel Milberg erzählte mir von einer Begegnung in einer Bäckerei, wo der Chef ihn freudig mit den Worten begrüßte: ?Lieber Herr Milberg ? der letzte TATORT ? schon besser? ? immerhin war das schon sein zehnter!!

In der Tat inszenieren Sie entgegen der Erwartungshaltung. Statt großer Segelschiffe sieht man nur einen einsamen ?Pirat?, ein Segelboot, auf der Förde ....

Wir haben diesen Film sehr früh im Jahr gedreht, und Anfang März denkt eben noch kein Mensch ans Segeln. Ich fand das großartig ? einen vollen Hafen und eine Regatta mit vielen Schiffen kann jeder drehen, aber dieses eine Boot in der Ostsee bei 4 Grad Wassertemperatur hat etwas Einzigartiges ? ganz zu schweigen von den schwierigen Drehbedingungen. Und einen Dreh auf Wasser darf man nicht unterschätzen. Solche Szenen sehen gemütlicher aus, als sie sind. Wenn man bei diesen Temperaturen ins Wasser fällt und nicht sofort rausgezogen wird, kann das sehr schnell gefährlich werden, weil sich die Muskeln verkrampfen. Da brauchen die Schauspieler eine ganze Menge Mut ? Schmeide und Milberg haben den bewiesen.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern?

Maren Eggert kannte ich vorher schon privat und wir hatten gleich eine große Vertrauensbasis. Mit Axel Milberg wollte ich schon lange zusammenarbeiten und wir standen denn auch gleich vereint am Set und freuten uns wie Kinder, dass wir uns in Kiel am besten auskannten ? besser als jeder Motivaufnahmeleiter! Wir haben auch oft den Funkverkehr übernommen. Mit Gabriela Schmeide habe ich schon vier Filme gedreht und ich schätze an ihr vor allem die Fähigkeit, echte Menschen in jedem Zusammenhang herzustellen ? ob diese Figur böse oder lieb ist, man käme nie auf den Gedanke, dass sie eine Kunstfigur sein könnte ? auch im Spiel mit Astrid Meyerfeld ? die ja auch vom Theater kommt. Beide sind sehr authentisch und konnten deshalb diese Frauenfreundschaft absolut glaubhaft darstellen. Da braucht man Frauen, die den Mut haben, sich auch mal ein Stück vom Text zu lösen, ohne ihn zu verraten ? und man braucht Vertrauen zueinander. Der Dreh war für mich in dieser Beziehung ein echter Blindflug.

Sehen Sie sich als einen norddeutschen Regisseur?

Ja, absolut ? ich drehe in diesem Jahr vier Filme und alle spielen in Schleswig-Holstein. Aber ich stehe dazu ? zu meinem Bundesland und auch zu Hamburg, wo ich mittlerweile lebe. Ich besetze dieses Feld des Heimatfilmers sehr gerne ? es ist ja eine Binsenweisheit, dass man immer das erzählen sollte, was man am besten kennt.

Was reizt Sie am Norden?

Ich bin ein glühender Verehrer der frühen Buck-Phase. ?Erst die Arbeit und dann? war für mich ein Schlüsselerlebnis. Buck machte jetzt andere Filme, und ich hatte das Gefühl, dass da noch was übrig ist ? mit ein paar Jahren Verspätung habe ich den Faden wieder aufgenommen und fühle mich dabei sehr wohl. Ich liebe meine Heimat und die Menschen hier ? habe aber auch keine Scheu zu sagen, wo es meiner Meinung nach nicht so schön ist und es vielleicht gerade dadurch auch einen speziellen Charme hat. Man muss auch mal hinter die Tür gucken ? das geht aber nur, wenn man sich hier auskennt und mit den Themen, die auf der Straße liegen, beschäftigt.

Was steht demnächst an?

?Die Schimmelreiter? läuft auf dem Hamburger Filmfest Ende September und kommt hoffentlich im Frühjahr ins Kino. Es ist die Geschichte eines Lebensmittelkontrolleurs aus Dithmarschen an der Westküste, der gerne nach Hamburg versetzt werden möchte ? mit Axel Prahl und Peter Jordan. Dann habe ich für das ZDF ?Butter bei die Fische? mit Ulrike Kriener und Peter Heinrich Brix gedreht ? der kommt im Frühjahr ins Fernsehen. Am 25. August begannen die Dreharbeiten zu meinem vierten Film in diesem Jahr ? ein Kinofilm in Ko-Produktion mit dem NDR nach dem Roman ?Dorfpunks? von Rocko Schamoni. Die Geschichte spielt 1984 und erzählt von verspäteten Punks an der Ostsee, die daran scheitern, eine Band zu gründen.

NDR-Pressemappe


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3