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Heute ist der: 26.04.2018. --> Bis heute wurden 1069 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Der glückliche Tod" hat mich beim Schreiben teilweise wirklich gequält"


Wie entstand die Idee, sich dem heiklen Thema Sterbehilfe für den TATORT anzunehmen? Welchen Bezug zu dem Thema haben Sie ganz persönlich?

Drehbuchautor André Georgi, Bild: Privat
Der Stoffvorschlag kam von mir - André Zoch, der Lena Odenthal damals noch betreut hat, hat zugegriffen. Vor allem mit Melanie Wolber und Sebastian Hünerfeld habe ich die ersten Entwürfe entwickelt. Die Idee kam mir, als ich einen Bericht über den Umgang von Kindern mit dem Tod gelesen hatte. Diese Kinder hatten einen selbstverständlichen Umgang mit dem Sterben, den Erwachsene völlig verloren haben. Ich hab mir dann zunächst Gedanken über die Familie des sterbenden Kindes gemacht und eine Art "Medea-Variante" geschrieben. "Der glückliche Tod" ist eine Übersetzung von "Eu-Thanatos". Eine Mutter, die ihr Kind töten will - aber aus Liebe und weil sie glaubt, ihrem Kind durch Sterbehilfe einen glücklicheren Tod verschaffen zu können. Und die dabei in eine totale Überforderung gerät. Das war für mich von Anfang an eine packende Figur, ich war mir sicher, dass das eine Paraderolle für eine Schauspielerin werden kann. Katja Frege war der "heiße Kern", aus dem alles entstanden ist.

Wie lange dauerte die Drehbuchentwicklung für "Der glückliche Tod" bis die fertige Drehfassung vorlag? Wann wurde das erste Wort des Exposées geschrieben, damit dieser TATORT jetzt am 5. Oktober gesendet werden kann?

Katja Frege (Susanne Lothar, re.) leidet mit ihrer Tochter Julia (Stella Kunkat), deren Mukoviszidose unheilbar ist. Bild: SWR/Krause-Burberg
Der erste Entwurf war eine Stoffskizze und noch gar kein Exposé - ich hatte die Ermittlungen der Kommissare zum Beispiel noch nicht skizziert, sondern nur die Grundidee und die Figuren. Das war im Frühsommer 2005. Die Drehbuchentwicklung war dann sehr lang, wir sind bis in die neunte oder zehnte Fassung gegangen. Nachdem Aelrun dazu kam, gab es Änderungswünsche, die ich eingearbeitet habe. Das Finale im Fußballstadion war zum Beispiel ihre Idee. Und nachdem die Schauspieler feststanden, hat sich die Figurenführung auch noch verändert. Ich hab versucht, die Figuren den Schauspielern, so wie ich sie gesehen habe, stärker anzupassen.

Was ändert sich beispielsweise bei den unterschiedlichen Drehfassungen innerhalb eines Plots, konkret: Gibt es etwas, das bei "Der glückliche Tod" im wahrsten Sinne des Wortes nicht überlebt hat?

Prof. Manfred Scheuren (Nikolaus Paryla), der Vorsitzende des Sterbehilfevereins Charontas, hat die Tote identifiziert. Ohnehin keine einfache Aufgabe, die ihm von dem ablehnenden Kopper (Andreas Hoppe, re.) auch nicht leichter gemacht wird Bild: SWR/Krause-Burberg
Da gibt's ne Menge? Nebenfiguren. Zum Beispiel war Sabine Brodag auf einer Diskussion in Ludwigshafen, um ihren Verein zu repräsentieren. Anfangs haben wir etwas von der Diskussion zeigen wollen, das war dann aber nicht emotional genug und wir haben es gestrichen. Der größte Wechsel kam in der vierten oder fünften Fassung: Ich hab die Leiche einfach ausgetauscht - bis dahin war Heymann der Tote und Sabine Brodag die Täterin. Aber Heymann hat sich als sehr vital erwiesen? Beim "glücklichen Tod" war ich aber - neben dem, was in der Drehbuchentwicklung rausfiel - vor allem über das froh, was bleiben konnte: Ich wollte unbedingt und unter allen Umständen die sterbende Julia Frege zeigen, die Geschwisterbeziehung angesichts des Sterbens. Natürlich gab es viele Diskussionen, ob wir ein sterbendes Kind zeigen können und am Ende haben der SWR und die MARAN einen großen Mut bewiesen. Sabine Tettenborn und Manfred Hattendorf haben bestimmt auch das ein oder andere Mal Bauchschmerzen bekommen, aber sie haben immer an den "glücklichen Tod" geglaubt.

Eine TATORT-Drehbuchautorin erzählte mir kürzlich, ihre Arbeitsweise sei ganz "spießig", nämlich "from nine to five" am Schreibtisch. Wie ist das bei Ihnen? WO haben Sie den TATORT geschrieben?

Mit ihrem Bruder Nils kann die neunjährige Julia darüber sprechen, dass sie bald sterben wird, Bild: SWR/Krause-Burberg
Ich hab zwei Töchter im Alter von Julia Frege, dem Mädchen, das im "glücklichen Tod" stirbt. Normalerweise schreib ich auch von "nine to five" - hier ging das irgendwann nicht mehr. Aus verschiedenen Gründen haben wir in der Entstehungszeit des "glücklichen Todes" in einer Zweizimmerwohnung gewohnt, bei der das Kinderzimmer vom Arbeitszimmer nur durch eine Glastür getrennt war. Nebenan waren meine Kinder und ich hab am Schreibtisch grad ein kleines Mädchen unter die Erde gebracht. Das ging dann nicht mehr und ich hab die letzten Fassungen nachts im Büro meiner Frau geschrieben. Filme sind für mich dann gut, wenn sie weh tun. "Der glückliche Tod" hat mich beim Schreiben teilweise wirklich gequält, um sowas schreiben zu können, muss man die Gefühlswelt in sich entstehen lassen, man "durchlebt" den Film tatsächlich. Und wird extrem dünnhäutig, manchmal unerträglich.

Wenn Sie den fertigen Film sehen, bei dem ja auch andere Menschen wie Darsteller oder die Regisseurin Akzente setzen oder ihre "Handschrift" hinterlassen...ganz naiv gefragt: was genau an dem Film trägt Ihre ganz persönliche Handschrift?

Der TATORT ist schon lange kein reiner Krimi mehr, sondern eine Genremischung aus Krimi, Drama und Thriller-Elementen. Ich denke, dass ich im "glücklichen Tod" den Dramen-Anteil extrem hoch geschraubt habe - für Krimi-Puristen sicher zu weit und wahrscheinlich kann man das nicht immer so machen. Aber der Vorteil ist, dass der hohe Dramenanteil eine hohe Emotionalität erlaubt. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, einen sehr emotionalen Film zu schreiben, der in seiner Gefühlswelt sehr ehrlich und direkt und nicht verkitscht ist und der dabei das Nachdenken nicht vergisst.

Katja Frege (Susanne Lothar) und ihr Ex-Mann Oliver (Stephan Schad) sind beide bedrückt wegen der beständigen Verschlechterung der Gesundheit ihrer Tochter. Aber die beiden sind uneins darüber, ob sie in den Prozess des Sterbens eingreifen sollen. Bild: SWR/Krause- Burberg
Wir gehen mal davon aus, dass Sie mit dem fertigen Film ganz zufrieden sind. Was finden Sie besonders gut gelungen? Gibt es auch etwas, was nicht so rausgekommen ist, wie Sie sich es am Schreibtisch erhofft hatten?

Der Film ist einfach Klasse. Autoren sind oft enttäuscht, wenn sie den fertigen Film sehen. Das war hier überhaupt nicht so. Ich glaub, das lag daran, dass wir eine gute Übergabe vom Buch an die Regie und später an die Schaupieler hatten. Susanne Lothars Spiel mit dem Atem ist brillant. Wir hatten die Diskussion, ob wir eine rauchende Katja Frege zeigen können, das wird nicht gerne gesehen. Aber natürlich muss eine Frau, deren Kind erstickt, rauchen, das war mir klar, Aelrun hat das sehr unterstützt, Melanie und Sebastian auch. Und dann zaubert Susanne Lothar diese Kunststücke? Frank Giering vor der Leiche ist auch so ene Situation: Aus einer Standardsituation macht er eine Charakterstudie? - der gesamte Cast ist Klasse und wann hätte man Ulrike Folkerts schon einmal so gesehen. Ein guter Film kann nur entstehen, wenn alle am selben Strang ziehen. Und ich glaube, wir haben alle gezogen und unser Bestes gegeben.

Mir ist in dem Film aufgefallen, dass als Pendant zur traurigen Geschichte diesmal keine lockere oder erheiternde Geschichte um die Ermittler erzählt wird, so wie ja oft in anderen TATORTen. Ganz im Gegenteil: ich denke in dem ganzen Film immer wieder, dass es zwischen Mario und Lena Spannungen gibt; gerade die Einsteigsszene, kaum ein Wort zwischen den beiden, die traurige Musik - und der Film löst das auch nicht auf. Was war hier die Absicht?

Wir hatten den comic-relief-Strang um Frau Keller. Im Entwicklungsprozess gab es immer wieder den Wunsch, diese Linie stärker zu machen, um den Film nicht zu düster wirken zu lassen. Ich wollte das nicht und Aelrun war auch strikt dagegen. Das Thema ist nun mal sehr ernst und diesen Ernst kann und muss man dem Publikum auch zumuten, da brauche ich keine Frau Keller im siebten Himmel. Whodunits neigen eh dazu, die Emotionalität zu verlieren, weil ich mühsam Empathie für eine Figur aufbaue und die Kommissare dann schon wieder woanders sind und ich wieder von vorne anfangen muss. Filme wirken aber über die Emotion und ein übertrieben lockerer Pinselstrich "Frau Keller" hätte auf der emotionalen Grundfarbe nur grell gewirkt und alles konterkariert.

Lena und Kopper? Kopper gegenüber hab ich ein wirklich schlechtes Gewissen. Wir haben den Fokus extrem auf Lena gelegt - was toll ist, denn wir erleben eine Lena, wie wir sie noch nie gesehen haben und Ulrike Folkerts zaubert wirklich. Aber Kopper bleibt im Buch zu blass - er lehnt die Sterbehilfe ab (was gut ist), aber ich biete keine wirklich gute Begründung an, außer die Erfahrungen, die er beim Sterben seines Großvaters gemacht hat. Mir reicht das nicht, ich finde, dass der Autor da geschlampt hat, da hätte mehr aus der Figur kommen müssen? Kopper ist einen Tick zu viel Abziehbild, ein Tick zu viel Behauptung. Mein Fehler.

Dieser Sterbehilfe-TATORT ist ihr erster verfilmter TATORT, ein anderer beim RBB blieb in der Entwicklung stecken. Dürfen wir trotzdem mit weiteren Krimis für die Reihe von Ihnen rechnen?

Ich entwickle grad Stoffe für Ballauf und Schenk und für Saalfeld und Keppler. Und ich hoffe sehr, dass ich noch eine weitere Lena Odenthal schreiben darf. Ich krieg den "glücklichen Tod" immer noch nicht aus dem Kopf und ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mit Lena und Kopper im Gespräch bin.

Zum Schluss - wie immer - drei allgemeine Fragen zum Krimi-Klassiker: Haben Sie einen TATORT-Lieblingsfolge? Warum gefällt die Ihnen so?

Eine Einzelfolge? Ich hab die TATORTe von Thomas Bohn immer sehr gemocht - die sind sehr plot-driven und sehr strukturiert und klar. "Harte Hunde", "Exil" sind Klassiker für mich, die ich rauf und runter analysiert habe, obwohl ich ganz anders schreibe. "Der Präsident" - hieß der Lena Odenthal mit Michael Mendl, glaub ich, auch von Thomas Bohn. Ansonsten natürlich Berlin: "Filmriss", der beste Berlin-TATORT, finde ich.

Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste TATORT-Folge? Welche war das?

Was die erste war, weiß ich nicht mehr. Aber die Schimanskis waren prägend. Das graue Duisburg, Schimanskis Bude, seine Art zu ermitteln. Seine Art, in einer irgendwie hoffnungslosen Welt zum Rettungsanker zu werden. Schimanski war der Startschuss in eine neue Ära des TATORTs. Ich hoffe, dass er sich auch in einer veränderten Welt noch behaupten kann. Einen Schimanski zu schreiben, ist ein Traum.

Welche TATORT-Figur mögen Sie besonders gerne? Warum?

Der Münster-TATORT ist eine ganz eigene Genre-Mischung aus Krimi und Komödie - ein Boerne in Hochform und der Sonntag-Abend ist gerettet.

Die Fragen stellte Francois Werner


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