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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT Berlin

"Wir werden noch ein wenig beim Thema Korruption bleiben"

Im Interview mit Josephine Schröder-Zebralla, die seit einigen Jahren beim Rundfunk Berlin Brandenburg als Redakteurin für den TATORT zuständig ist, haben wir über die Voraussetzungen für einen guten (Berlin-)TATORT, wie ein Film aus einer Idee entsteht und auch über die Roiter-TATORTe aus den 90er Jahren gesprochen.

Dr. Josephine Schröder-Zebralla verantwortet beim RBB den TATORT. Bild:privat
Wie muss man sich die tägliche Arbeit einer TATORT- Redakteurin vorstellen, was sind die konkreten Aufgaben?
Lesen, Lesen, Lesen: Die eingehenden Ideenskizzen, Exposees, oder verschiedenen Drehbücher an denen ich gerade arbeite.

Meist sind das mehrere Geschichten in unterschiedlichen Fassungen, an denen parallel gearbeitet wird. Dann führe ich Gespräche mit Autoren und Produzenten über die laufenden Projekte, bei denen die Redaktion ihre Kritikpunkte und Anmerkungen darlegt und man gemeinsam versucht Lösungen zu finden.

Ich sehe mir andere Fernsehspiele an, um zu verfolgen, wie der eine oder andere Regisseur arbeitet bzw. der eine oder andere Autor schreibt und welche Themen wie erzählt werden. Ideen für die Besetzung der Rollen werden gesucht, um mit dem Regisseur und der Produktion gemeinsam den Film besetzen zu können.

Sind Sie als TATORT-Redakteurin ab und an auch bei den Drehs dabei oder bleiben Sie eher im Hintergrund?
Ich gehe ein bis zweimal in der Woche zu den Dreharbeiten. Falls es Schwierigkeiten gibt, kann man versuchen zu schlichten und sich einzubringen. Außerdem sehe ich mir immer die Muster an, die gedreht wurden und äußere dazu meine Meinung und meine Eindrücke.

Was macht für Sie einen guten TATORT aus - wie wichtig ist dafür ein gutes TATORT-Drehbuch?
Das Drehbuch ist die Grundlage für einen guten Film. Wenn die Geschichte spannend und stimmig und die Psychologie der Figuren einleuchtend ist, die Dialoge interessant und lebensnah sind und die Krimihandlung dicht und nachvollziehbar ist, dann ist das die beste Grundlage.

In Ihrem Interview mit dem Tagesspiegel ist zu lesen, dass Sie nichts davon halten, wenn der Täter schon von Anfang an bekannt ist - Sie präferieren offensichtlich den Whodunit. Welche anderen DONTs gibt's aus Ihrer Sicht noch, was werden wir in einem Berliner TATORTe garantiert nie erleben?
Man soll ja nie "nie" sagen?.

Wie sieht es mit den Ideen zu den TATORTen aus? Kommen die immer von Autoren, wie entstehen diese grundsätzlich? (Können Sie ein paar Beispiele nennen?). Wie lange dauert es von der Idee bis zum abgedrehten Film (beispielhaft)?
Beides ist möglich. Die Redaktion kann mit einer Idee auf Autoren zugehen und sie fragen, ob sie Lust hätten einen TATORT über ein Thema zu schreiben. Im Falle des TATORT "Blinder Glaube", der neben "Schleichendes Gift" und "Tod einer Heuschrecke" zu einer Art Trilogie über Korruption in Berlin gehört, war das so. In den meisten Fällen bieten die Autoren uns ein Thema an, und die Redaktion entscheidet, ob sie es aufgreifen will.

Die Drehbuchentwicklung kann bis zu einem Jahr dauern. Bis die fertige Folge dann gesendet wird gehen noch mal bis zu 6 Monate ins Land.

Wie stellen Sie als Redakteurin im RBB sicher, dass keine ARD-Redaktion mit einem ähnlichen Drehbuch bzw. Thema im TATORT daherkommt? Wie intensiv ist da die Absprache?
Die Absprache ist hier eine schriftliche. Jeder Sender meldet seine neue Folge mit einer Logline und kurzen Inhaltsangabe bei der Koordination der Fernsehspiele, die beim WDR liegt, an. Dort wird dann die Sendeplanung gemacht.

Zu den Milieus: Mit Dornröschens Rache und Todesbrücke haben Sie richtige "Knaller"-TATORTe produziert, komischerweise aus dem eher ländlichen Milieu; einige spielten auffällig im Politik-Milieu der Großstadt - damit thematisieren Sie auch die Bundeshauptstadt Berlin im RBB-TATORT. Worum wird es in Zukunft gehen in den nächsten Jahren, sofern absehbar?
Wir werden noch ein wenig beim Thema Korruption bleiben und einen TATORT zum Thema Fleischskandal produzieren. Aber auch ein ungewöhnlicher Ort wird wieder eine Rolle spielen: wir werden eine Folge in den Katakomben Berlins drehen und das Thema "Oben und Unten" - reich und arm aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen.

Welche Milieus müssen Ihrer Meinung nach noch unbedingt in den Berlin-TATORT?
Milieus, die nicht nur das "Postkartenberlin" rund um den Reichstag und den Hauptbahnhof zeigen, sondern auch in unbekannteren Ecken der Stadt liegen und interessante "Kieze" und Locations haben.

© RBB/Anngret Plehn
Treue TATORT-Fans beklagen sich, dass in den aktuellen Folgen das Privatleben der Kommissare einen zu großen Raum einnimmt. Kommissarin Lindholm vom NDR hatte beispielsweise erst eine Affäre, wurde dann schwanger und ist nun die erste TATORT-Kommissarin mit Baby. Es scheint, die Redaktionen überschlagen sich, wenn es darum geht, ihre TATORT-Ermittler mit besonders außergewöhnlichen Biografien auszustatten. Wie stehen Sie zu diesen Entwicklungen?
Das kann ja jede Redaktion so handhaben, wie sie möchte. Die einen Kommissare haben mehr Privatleben, die anderen weniger. Das macht die Reihe farbig und abwechslungsreich.

Als Redakteurin haben Sie Mitte der 90er Jahre u.a. auch einige wegen der Optik der heftig kritisierten SFB-TATORTe mit Winfried Glatzeder als Kommissar Ernst Roiter betreut. Niemand ging inhaltlich wirklich auf die Filme an, mäkelte auch pauschal am renommierten Schauspieler Glatzeder rum. Wie haben Sie in der Redaktion diese "Aufregung" oder harte Kritik erlebt?
Der SFB war damals einer der ersten Sender, der ein Fernsehspiel auf Video gedreht hat. Das war ein einmaliger Versuch, der sich allerdings über mehrere Folgen erstreckte. Die Zuschauer haben eine gewisse "Kälte" und "Nüchternheit" gespürt, die eindeutig am Material lag und nicht an den Schauspielern. Das Missverständnis war leider, dass den Schauspielern dieser Eindruck zugeschrieben wurde.

Dominic Raacke, der ja auch Drehbuchautor ist, erzählt in Interviews oft, dass er gerne Einfluss auf die Drehbücher nimmt, einige Ideen seien auch von ihm gekommen. Wie muss man sich das praktisch vorstellen? Sitzen Sie regelmäßig inhaltlich zusammen oder ergibt sich das "nebenbei"?
Ich bin mit unseren beiden Hauptdarstellern über das jeweilige Buch im Gespräch. Von beiden bekomme ich nach der Lektüre Anmerkungen, die die Geschichte und ihre jeweiligen Rollen betreffen. Da sind schöne Ideen dabei, die wir aufnehmen. Manches verwerfen wir, wenn es dem dramaturgischen Aufbau der Geschichte nicht zugute kommt. Eine Leseprobe mit dem Regisseur und beiden Hauptdarstellern "rundet" vor Drehbeginn diese Zusammenarbeit ab.

Was ist für Sie persönlich das Besondere am "TATORT Berlin"? Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal für den Berliner TATORT in der ARD, außer dass er in Berlin spielt?
Am Berliner TATORT mag ich unser Kommissarsteam, mit dem sich viel erzählen lässt. Der Gegensatz zwischen einem womanizer (Ritter) und einem alleinerziehenden Vater (Stark) bietet menschliche Reibungsflächen und Spannungspotenzial.

In Blinder Glaube tanzen Ritter und Stark zusammen....Bild:© rbb/Hardy Spitz
Welches Ereignis während Ihrer bisherigen Zeit als TATORT-Redakteurin ist Ihnen besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben? Ein Gespräch, eine besondere Begegnung?
Leider habe ich keine Anekdote zu erzählen. Für mich sind aber immer die Leseproben zum TATORT spannend und aufschlußreich, da man dort in relativ lockerer Athmosphäre Ausprobieren kann, ob die Szenen und Dialoge "funktionieren".

Haben Sie einen Lieblings-TATORT und wenn ja, warum?
Der Lieblings-TATORT ist der, an dem ich gerade arbeite?

Wann hatten Sie Ihre erste Begegnung mit dem TATORT?
Die erste Begegnung war für mich die erste TATORT-Folge "Taxi nach Leipzig".

Die Fragen stellten Christian Rohm und Francois Werner


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