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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Eine Frage der Ehre

"Eine Diskussion ist immer gut", findet Regisseur Martin Eigler. Dass sein SWR-TATORT: "Schatten der Angst" allerdings Anfang Februar kurzerhand aus dem Programm gekickt werden könnte, hätte er sich nicht träumen lassen. Der SWR zog den Film zurück, weil man mit dem im deutsch-türkischen Milieu spielenden Geschehen unter keinen Umständen die Diskussionen nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen weiter anheizen wollte. Unter anderen hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) eine Verschiebung der Ausstrahlung angeregt. Nun, zwei Monate später, feiert der sehenswerte Lena-Odenthal-TATORT doch noch seine TV-Premiere. Und es bleibt sehr zu hoffen, dass eine Debatte über die Pietät des Fernsehsenders ausbleibt.

Lena Odenthal ermittelt diesmal gemeinsam mit dem LKA, Bild: SWR/Krause-Burberg

Hochbrisanter TATORT über das Zusammenleben von Deutschen und Türken

Doch ganz ohne Diskurs wird der Film mit Problemstoff-Background wohl kaum durchgehen. Nachdem der TATORT das Zusammenleben von Deutschen und Türken in diesem Land bislang, abgesehen von einigen überwiegend politisch-korrekten Integrations-Märchen, weitgehend ignoriert hatte, kommt nun binnen weniger Monate der zweite hochbrisante TATORT-Film zu diesem Themenkomplex ins Programm.

Die Diskussionen nach der jüngsten NDR-Folge "Wem Ehre gebührt", die zur Jahreswende den Protest der Alevitischen Gemeinde Deutschlands auf sich zog, sind kaum verklungen, da könnte der Krimireihe bereits der nächste Sturm der Entrüstung ins Haus stehen. Diesmal ist es der SWR, der seine beherzten Kommissare Lena Odenthal und Mario Kopper im Umfeld einer türkischen Familie ermitteln lässt. Unter der Regie von Martin Eigler entstand ein relevanter wie mitreißender Fernsehkrimi, der sich bemerkenswert mutig mit dem Ehrbegriff in diesem Kulturkreis auseinandersetzt.

Sesede Terziyan als Derya Celik, Bild: SWR/Krause-Burberg

Sesede Terziyan spielt Derya Celik

Nach dem Drama um ein schönes, essgestörtes Fotomodell im letzten SWR-TATORT steht in Ludwigshafen erneut eine faszinierende junge Frau im Zentrum des Geschehens. Die bezaubernde "Ernst Busch"-Absolventin Sesede Terziyan spielt mit großer Überzeugungskraft die junge Türkin Derya Celik, eine Frau, die am Konflikt zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und der Liebe zur Familie fast zugrunde geht.

Zugunsten einer authentisch erscheinenden Annäherung an das komplexe Thema ist der eigentliche Kriminalfall überschaubar gehalten. Deryas Mann wurde umgebracht. Was für das LKA zunächst nach einer weiteren Tat einer Mordserie an türkischen Kleinunternehmern aussieht, stellt sich für die Ludwigshafener Mordkommission schon bald ganz anders dar. Vieles spricht für ein Verbrechen im Familienmilieu. Derya lebte in einer Zwangsehe. Lange hat sie sich gewisse Freiheiten und Eigenständigkeiten bewahren können, seit Kurzem gehorchte sie jedoch dem Druck von Ehemann und Familie - offenbar unter zunehmender psychischer und auch körperlicher Gewalt. Unter welch enormen Ängsten die junge wirklich Frau lebt, erschließt sich den Kommissaren im Zuge der Ermittlungen. Lena und Kopper finden heraus, dass Derya seit längerer Zeit ein heimliches Verhältnis mit dem Deutschen Peter Bogner hatte. Eine Tatsache, von der ihre Brüder glücklicherweise nichts ahnen. Zunächst ...

Baris lässt Peter Bogner zusammenschlagen, Bild: SWR/Krause-Burberg

Önder, Baris und der stolze Vater Celik

Während der stille, stolze Vater den Patriarchen im Hintergrund allenfalls andeutet, scheuen sich Deryas Brüder Önder und Baris keineswegs davor, explizit zu werden. Der brutale Önder bringt gegenüber Lena Odenthal ein ums andere Mal zum Ausdruck, was er von einer von Gleichstellung und Toleranz geprägten Gesellschaft hält, der leidenschaftliche Baris hingegen übertreibt es mit den Beschützerinstinkten und der geschwisterlichen Liebe. Es ist klar, dass das Geschehen unweigerlich auf die Katastrophe, auf den Ehrenmord zusteuert.

Die Mechanismen und Beweggründe in diesem Familienkosmos sowie der Ehrbegriff an sich bleiben weitgehend diffus - wohl, um dem Vorwurf der Verallgemeinerung vorzubeugen. Es werden keine Klischees und Vorurteile bedient, die Macher verweisen vielmehr auf Fälle von ehelicher Gewalt in Migrantenfamilien, wie es sie nun einmal tatsächlich gibt in diesem Land, und konzentrieren sich ansonsten auf das ergreifende Mädchenschicksal und die kriminalistische Arbeit. Ein schmaler Grat - aber auf dem muss man sich wohl begeben, wenn man einen glaubwürdigen Film mit solch brisantem Hintergrund macht. - Bei der Organisation Terre des Femmes haben sich in Deutschland in den letzten drei Jahren über 500 Frauen und Mädchen gemeldet, die im Namen der Ehre Gewalt erlitten und Hilfe suchten.



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