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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Eine Diskussion ist immer gut"

Nachdem der TATORT das Zusammenleben von Deutschen und Türken in diesem Land bislang weitgehend ignoriert hatte, kommt nun binnen weniger Monate schon der zweite hochbrisante TATORT-Film zu diesem Themenkomplex ins Programm. Nach der jüngsten NDR-Folge "Wem Ehre gebührt", die zur Jahreswende den Protest der Alevitischen Gemeinde Deutschlands auf sich zog, ist es nun der SWR, der seine Kommissare Lena Odenthal und Mario Kopper im Umfeld einer türkischen Familie ermitteln lässt. Unter der Regie von Martin Eigler entstand ein relevanter wie mitreißender Fernsehkrimi, der sich bemerkenswert mutig mit dem Ehrbegriff in diesem Kulturkreis auseinandersetzt: "Schatten der Angst" wurde aufgrund der Brandkatastrophe von Ludwigshafen Anfang Februar zunächst aus dem Programm genommen.

Lena Odenthal ermittelt im TATORT "Schatten der Angst", Bild: SWR/Krause-Burberg
teleschau: Herr Eigler, es ist noch nicht lange her, da hat der NDR-TATORT ?Wem Ehre gebührt? den Unmut der Alevitischen Gemeinde Deutschlands auf sich gezogen. Nun folgt Ihr Film ?Schatten der Angst?, der sich mit dem Ehrbegriff im islamischen Kulturkreis kritisch auseinandersetzt. Fürchten Sie eine neue öffentliche Diskussion?

Eigler: Nein. Eine Diskussion ist immer gut. Wobei es ja gar nicht darum geht, den islamischen Kulturkreis anzuprangern, sondern allein um die patriarchisch geprägten Strukturen, wie es sie im Grunde auch vor anderem Hintergrund geben kann. Es geht zunächst einmal um die Ungleichbehandlung von Mann und Frau.

teleschau: Und um eine türkische Familie, die um ihre Ehre besorgt ist und dabei zu zunehmend drastischeren Mitteln greift.

Eigler: Ja genau! Wir versuchen, diese Entwicklung möglichst realistisch darzustellen.

teleschau: Die Geschichte spitzt sich auf ein Gewaltverbrechen im Namen der Ehre zu. Es bahnt sich ein sogenannter ?Ehrenmord? an, den zwei junge Türken an ihrer Schwester verüben wollen, weil sie - eine zwangsverheiratete Frau - sich mit einem anderen Mann, noch dazu einem Deutschen, einließ.

Eigler: Es wird hoffentlich deutlich, dass die Missachtung von Frauenrechten die Grundlage dafür ist, dass es überhaupt soweit kommen kann. Das ist wichtig. Wir wollten bewusst auch die Brüche und Absurditäten darstellen, die sich hinter den patriarchischen Strukturen oftmals verstecken. Man sieht auch, dass es in diesem Kulturkreis unterschiedliche Auffassungen des Ehrbegriffes gibt und unterschiedliche Umgangsweisen. Die Realität kennt keine monokulturelle Wahrnehmung, und das versuchen wir eben auch zu zeigen.

teleschau: Sie schrieben, gemeinsam mit Annette Bassfeld-Schepers, auch das Buch. Wo setzten Sie bei der Recherche an?

Eigler: Wir sprachen mit vielen Freunden, Türken und türkisch-stämmigen Deutschen, Männer und Frauen, achteten aber bewusst darauf, dass das nicht nur Freunde aus der Medienbranche waren. Denn die Zwänge der Dramaturgie sollten bei ihrer Beurteilung möglichst keine Rolle spielen. Uns wurde dabei von allen Seiten bestätigt, dass der Druck, den Derya, das Mädchen im Film, aushalten muss, realistisch sein kann. Es gibt Mädchen, die sich in dieser extremen Situation befinden, die dem Anspruch der Familie gerecht werden wollen und gleichzeitig eigene Wege gehen. Auch die deutsch-türkischen Schauspieler dieses TATORTs bezogen wir natürlich mit ein. Sie halfen uns sehr.

Baris bedroht Peter Bogner, Bild: SWR/Krause-Burberg
teleschau: Es ist ein sehr schmaler Grat: Einerseits wird es mittels Ihrer Geschichte fast nachvollziehbar gemacht, wie es zu Gewaltverbrechen im Namen der Ehre kommen kann, und der Zuschauer ahnt, dass dies alles womöglich einer gewissen Logik folgt; - andererseits werden Zwangsheirat und Ehrenmord natürlich auch als Verstoß gegen die Menschenrechte angeprangert.

Eigler: Wir wollten keine Schubladen und Klischees, keine einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung. Wir haben das versucht, indem wir die Problematik aus Sicht des Mädchens schildern. Wir zeichneten sie als Figur, die nicht pauschal alles ablehnt, sondern sich mit ihrem Vater und ihren Brüdern auseinanderzusetzen versucht. Sie ist ja gewillt, der Erwartungshaltung der Familie gerecht zu werden. Nur kollidieren die Ansprüche des Umfelds irgendwann mit ihrem eigenen Leben so extrem, dass es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Sie ist gewissermaßen zwischen den beiden Welten festgemeißelt, sieht keinen Handlungsspielraum mehr. Das ist hart. Aber ich denke, das ist realistisch.

teleschau: Aber so etwas ist sicher nicht Normalität in türkischen Familien ...

Eigler: Nein, sicher nicht. Es gibt solche Fälle, aber genauso gibt es völlig andere Beispiele, bei denen die Frauen völlig problemlos und selbstbestimmt ihre Vorstellungen realisieren können. Aber solche Familien, in denen es keinerlei Konflikte gibt, eignen sich eben nicht für einen TATORT, in dem es um das Thema ?Verbrechen im Namen der Ehre? geht.

teleschau: Wie würden Sie die Grundaussage Ihres Filmes formulieren?

Eigler: Schwierig ... Eigentlich mache ich ja einen solchen Film, eben weil es keine zentrale Grundaussage zu diesem Thema gibt. Eine einfache Lösung gibt es hier sowieso nicht. Sicher geht es um Zivilcourage: darum, dass wir alle ein bisschen genauer hinsehen sollten bei unseren Mitmenschen. Wenn jemand durch diesen Film unterschiedliche Perspektiven auf seine Nachbarschaft bekommt, wäre das toll. Es gibt kein einheitliches Bild, nachdem sich alle ausrichten. Egal, ob in einer deutschen oder einer türkischen Nachbarschaft: Die Strukturen sind vielfältiger und komplexer als es scheint. Und es gibt keinen monokausalen Komplex, der in Verbrechen im Namen der Ehre mündet.

teleschau: Lena-Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts selbst soll den Impuls zur Geschichte gegeben haben.

Eigler: Das ist richtig. Sie sagte in einer Fernsehdiskussion über ?Frauen in Gefahr?, dass das Thema Zwangsehe ein gutes Thema für einen TATORT wäre. Ihr liegen gesellschaftliche relevante Geschichten sehr am Herzen. Uns auch. Also haben wir miteinander gesprochen und eine Geschichte erarbeitet.

Lena und Kopper stellen fest, dass Önder seinem Schwager und Geschäftspartner wenig Tränen nachweint. Bild: SWR/Krause-Burberg
teleschau: Lena Odenthal zeigt im Film den Machos die eiskalte Schulter. Ist die kühle Ablehnung die richtige Präventivmaßnahme?

Eigler: Auf jeden Fall ist die Zivilcourage, wie sie die Kommissarin vorlebt, die richtige Antwort auf Machismo und Patriarchat. Es geht ja nicht nur darum, sich etwas nicht gefallen zu lassen, sondern auch darum, zu reagieren, wenn einem etwas auffällt. Wer wahrnimmt, dass Frauen leiden, sollte sich sofort an Organisationen wie Terre des Femmes wenden.

teleschau: Noch einmal: Befürchten Sie eine Gegenreaktion nach der Ausstrahlung?

Eigler: Natürlich mache ich mir vorher darüber Gedanken. Aber ich bleibe dabei: Die einzige Forderung, die wir aufstellen, ist die, dass Frauenrechte geachtet werden und dass es keine Entschuldigung gibt, sie zu missachten - ganz gleich, ob aus religiösen, traditionellen oder familiären Gründen. Diese Forderung darf man ja wohl selbstbewusst formulieren, sie sollte Konsens sein ... - beziehungsweise ich bin mal sehr gespannt, für wen das kein Konsens ist. Ich meine, das Grundgesetz sollte die von allen akzeptierte Basis sein, der sich alles andere unterzuordnen hat. Da kann es keine Relativierung geben.

teleschau: Allerdings sind dieser Ehrbegriff und die damit verbundene familiäre Gewalt im islamischen Kulturkreis nicht wegzudiskutieren.

Eigler: Ja, aber was in Einzelfällen zu Gewalttätigkeit führen kann, setzt sich aus einem Zusammenspiel von vielen Faktoren zusammen. Ich habe versucht, das in der Inszenierung klarzumachen. Man kommt in einen Bereich, der wirklich schwer zu fassen ist, und wir stellten bei der Drehbucharbeit auch fest, dass es besser ist, einzukreisen und sich dadurch zu nähern.



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