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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Spannung und Humor müssen sich aus den Szenen ergeben?

Gespräch mit Autorin und Regisseurin Angelina Maccarone

 
Kennen Sie Reinhard Meys Lied ?Der Mörder ist immer der Gärtner??
Ja, natürlich.

Hat Sie dieses Lied zu Ihrem neuen ?Tatort? inspiriert?
Nein, die Grundidee, dass in einem Schrebergarten eine Leiche auftaucht, stammt von Maria Furtwängler.

Wer erwartet zwischen Blumenbeeten und präzise geschnittenen Hecken Mord und Gewalt?
Der Reiz liegt hier in dem Kontrast, dass unter der perfekten Idylle bereits das Unheil lauert, dass hinter dem Erblühen der schönen Herbstblumen bereits das Verwelken droht. Im Garten ist man sehr nah dran an all den Werdens- und Vergehensprozessen. Da wir heute vom Zyklus der Natur eher entfremdet sind ? zumal sich das Wetter bei uns in den verschiedenen Jahreszeiten kaum noch unterscheidet und Blumen, Obst und Gemüse immer verfügbar sind ? ist der Kleingarten eine Chance für Städter, näher an die Abläufe der Natur heranzurücken, dazu gehört natürlich auch der Tod.

Der ?Tatort? ist oft ein Spiegel der sozialen Wirklichkeit. Diesmal erleben wir keine Korruption und keine Verwahrlosung ? ist dieser ?Tatort? Meilen von unserer Wirklichkeit entfernt?
In der Vorbereitung zu diesem ?Tatort? habe ich mich intensiv mit Rechtsmedizin beschäftigt. Bei auffallend vielen Berichten über reale Leichenfunde ist der Schrebergarten das favorisierte Versteck.Wir erzählen unseren Schrebergarten-? Tatort? allerdings auch mit einem Augenzwinkern: Ausgerechnet während ihres Mutterschutzes, ausgerechnet im Kleingarten, in dem sie sich mal nicht mit kriminalistischer Weiterbildung beschäftigt, sondern sich in Ruhe ihrem Mutterglück hingeben soll, stößt Charlotte Lindholm auf ihren nächsten Fall ? weil sie unter die Oberfläche schaut. Abgesehen davon, dass sich Morde ?querbeet? durch alle Schichten ziehen, liegt die gesellschaftliche Thematik in diesem ?Tatort? eher bei der Kommissarin mit Kind, die für ihre Umgebung plötzlich als ?Muttertier? gilt und es schwer hat, mit dem kleinen David an ihrer Seite von ihrem Chef für voll genommen zu werden.

Einerseits muss ein Krimi bestimmten Gesetzmäßigkeiten des Genres entsprechen,andererseits mussersich abheben, abweichen, auffallen.Wie haben Sie beim Drehbuchschreiben diese Gratwanderung erlebt?
Was mir am Gärtner-Milieu gefällt, ist das Schräge. Es reizt mich immer,unter der sichtbaren Oberfläche noch etwas anderes zu erkunden. Es hat mir Spaß bereitet, hier unter die Idylle,unter die vermeintliche Harmlosigkeit zu schauen. Ich bewege mich sozusagen eine Etage tiefer ? und da stoßen wir in diesem Film sehr schnell auf Insekten, Würmer und anderes Getier.

Gab es bestimmte Einfälle, an denen Sie länger geknobelt haben? Die dann aber die Geschichte in eine neue, spannende Richtung lenkten?
Das ist ein ständiger Prozess beim Drehbuchschreiben. Für mich ging es zunächst darum, eine Schar von Verdächtigen zu entwerfen und einige Spuren zu legen, die in die Irre führen.Auch auf den wahren Täter sollen schon einige Hinweise deuten. Ich finde es ärgerlich, wenn der Täter am Ende wie ein ?deus ex machina? aus dem Hut gezaubert wird.

Neben dem Ermitteln kümmert sich Kommissarin Lindholm um ihren kleinen David, wir erleben sie als erste ?Tatort?- Kommissarin mit Baby. Haben Sie selbst Erfahrungen mit Babys?
Ja. Ich kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, mit meiner Nichte, als sie klein war, und bei den Kindern einer Freundin, die ich alltäglich mitbetreut habe. Das ist allerdings nun schon eine ganze Weile her. Als ich jetzt mit Freunden und Bekannten über ihre Baby-Erlebnisse sprach, habe ich schnell gemerkt, dass die Themen eigentlich noch dieselben sind.

Sie haben wieder Ihr eigenes Drehbuch als Regisseurin umgesetzt.Hatten Sie schon beim Schreiben Bilder vor Augen, die Sie dann umsetzen wollten?
Meine Doppelrolle bringt eine gewisse Schizophrenie mit sich. Ich darf als Autorin nicht daran denken, wie mühselig oder unbequem meine Ideen für die Regisseurin Angelina Maccarone sein werden ? wenn sie in einem matschigen Garten oder einem engen Büro drehen muss. Beim Schreiben darf ich mich weder von den körperlichen Mühen noch von der Vorstellung schöner Bilder ablenken lassen. Beim Schreiben muss vor allem der Aufbau meiner Geschichte, ihre Dramaturgie stimmen. Danach, wenn ich mir mein Buch dann als Regisseurin von Neuem aneigne, verändere ich unter Umständen noch einiges, um es visuell interessanter zu gestalten.

Lag eine Schwierigkeit beim Inszenieren darin, die richtige Balance zwischen Humor und Spannung zu finden?
Das war eher eine Frage beim Schreiben des Drehbuchs. Sowohl die Spannung als auch der Humor müssen sich aus der Geschichte, aus den Szenen ergeben.Wenn ein Film Komödienanteile hat, achte ich beim Dreh sehr darauf, dass es nicht ?lustig? gespielt wird, weil Komik so nicht funktioniert. Bei komischen Szenen ist es genauso wichtig, die Gefühle und die Motive einer Figur ernst zu nehmen, wie bei den dramatischen Szenen.

Haben Sie die Schauspieler auf unterschiedlichen Wegen zum gewünschten Resultat geführt?
Schauspieler sind natürlich Individuen. Bei einigen reicht ein kurzer Hinweis, andere möchten genaue Informationen über das gesamte Vorleben ihrer Figur. Ich muss also ein Gespür dafür entwickeln, welcher Weg bei wem der hilfreichste ist.

Trügt der Eindruck, dass Ihnen auch die Nebenfiguren sehr am Herzen liegen?
Nein. Es macht mir großen Spaß, beispielsweise für Charlotte Lindholms Chef Bitomsky ein Privatleben zu entwerfen, das zwar nicht im Film vorkommt, aber ständig mitschwingt: in seiner Kleidung, der Ausstattung seines Büros und seinem Verhalten. Seine Leidenschaft fürs Wandern in der Gruppe ist beispielsweise seiner Einsamkeit geschuldet, nachdem ihn seine Frau verlassen hat. Auch LKA-Mitarbeiterin Schmidt-Rohrbach gefällt mir, als bürokratischer Gegenpart zu unserer Hauptheldin. Sie muss viel härter für ihre Ermittlungsergebnisse arbeiten als Charlotte, weil sie einfach nicht so begabt ist wie diese. Ich versuche, möglichst jeder Figur ihre eigenen Züge zu geben und sie damit menschlicher zu machen. Von Charlottes Mitbewohner Martin wissen aufmerksame Zuschauer zwar schon lange, dass er Krimi-Autor ist, aber es kam bisher kaum zum Tragen. Also habe ich ihm im Drehbuch diesmal einen Erfolg als Schriftsteller gegönnt ? damit er einmal aufblühen kann.

Dieser ?Tatort? ist besonders farbig geraten ? mehr dazu im Interview mit Kameramann,Szenenbildnerin und Kostümbildnerin. Was lag Ihnen bei dieser Farben-Idee besonders am Herzen?
Um die Welt der Schrebergärten, diese Idylle,unter der es brodelt, in voller Pracht zu zeigen, bedurfte es einer radikal bunten Visualisierung. Die fast schon übernatürliche Farbigkeit entspricht der scheinbar heilen Welt ? da hätte eine herbstliche, entsättigte Farbstimmung weniger gut gepasst.

In Rückblenden inszenieren Sie gegen Ende dieses ?Tatorts? vergangene Geschehnisse. Warum haben Sie dabei auf Schwarzweiß-Bilder und verwischte Überblendungen verzichtet?
Ich wollte die Vergangenheit ganz bewusst nicht in die Distanz rücken. Die Vergangenheit bricht wie etwas sehr Unmittelbares, sehr Gegenwärtiges wieder auf.

Von Anfang an gibt es immer wieder Andeutungen, dass Psychologie und das menschliche Gedächtnis eine große Rolle bei der Aufklärung dieses Falles spielen werden. Haben Sie sich bei der Vorbereitung dieses Films mit Erinnerung und Verdrängung beschäftigt?
Bei der Aufklärung dieses Falles holt die Vergangenheit einige Figuren aus diesem Film wieder ein, eine Vergangenheit, von der sie sicher waren, dass sie längst abgeschlossen wäre. Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert.

Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt?
Die moderne Psychologie hat herausgefunden, dass unser Gedächtnis nicht etwas abruft, das wie in einer Schublade bereitliegt. Vielmehr wird etwas Neues kreiert, wenn wir uns erinnern. Deshalb haben unterschiedliche Personen unterschiedliche Erinnerungen,was die Details eines Ereignisses betrifft. Die wesentlichen Eckdaten stimmen in der Regel überein, aber die Feinheiten unterscheiden sich enorm,was im Wesentlichen von der Emotion abhängt, die mit dem Erinnern einhergeht.

Also ist unser Gedächtnis nicht sehr zuverlässig?
Wie wackelig unsere Merk- und Erinnerungsfähigkeit ist, kann man überprüfen, indem man sich einen Film anschaut und anschließend überlegt, welche Kleidung die Darsteller anhatten.Auch Zeugen machen widersprüchliche Aussagen, selbst wenn jeder sich völlig sicher ist, so sei es gewesen. Das Gedächtnis ist kein objektiver Datenspeicher, sondern auch eine Überlebenstechnik des Menschen: Das Gedächtnis kann schlimme Erinnerungen so zurechtrücken, dass wir damit weiterleben können.

NDR-Pressemappe


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