Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 25.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Rechnung ohne den Wirt

Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Thomas Oelmayer (GRÜNE) machte sich im Mai 2007 für einen TATORT aus Stuttgart stark, in dem weiterhin Schwäbisch gesprochen wird. Mehr noch: Er stellt eine kleine Anfrage an die Landesregierung. Sein Anliegen: wie äußert sich die Landesregierung zu der Frage, ob die Bienzle-Nachfolger mit der Tradition des schwäbischen Dialekts im TATORT aus Stuttgart brechen dürfen? Zu jenem Zeitpunkt war die Nachfolge- und Dialektfrage beim SWR aber schon längst gefallen - contra Tradition.

Ab in die Vitrine mit den Vorzeige-Utensilien: "Bienzle" bei seinem Abschied. Bild:SWR
Kurz bevor Kommissar Ernst Bienzle seinen letzten von 25 Mordfällen im Fernsehen lösen konnte, wurde er von seinem Haussender SWR einige Wochen vorher im Stuttgarter Haus der Geschichte feierlich verabschiedet. "Tschüss Bienzle" hiess es an dem Abend und auch einige Wochen später mehrfach, u.a. in einer Fernsehdokumentation und einer SWR1-Hörfunksendung hierzu. Der Sender und viele Zeitungen berichteten zum Abschied noch mal ordentlich über den "schwäbischen Columbo", wie ihn viele aufgrund seines Trenchcoats und des unverwechselbaren Huts nannten. Und genau diese beiden Utensilien wurden an dem Abend nach der Preview des letzten TATORTs durch den langjährigen Darsteller Dietz Werner Steck in den Besitz des Haus der Geschichte in Stuttgart übergeben.

Unverwechselbare Repräsentation des Landes

Weil nun diese deutschlandweit bekannten Utensilien Mantel und Hut im Haus der Geschichte des Landes Baden- Württemberg aufbewahrt werden, schloss der Grünen-Politiker und Landtagsabgeordnete Thomas Oelmayer (GRÜNE), dass dies auf den schwäbisch klingenden Namen Bienzle und seinen ausgeprägten Dialekt zurückführen sei. Denn der habe damit den schwäbischen Teil des Landes unverwechselbar repräsentiert.

Welches Interesse hat die Landesregierung?

Und für Oelmayer stellte sich die nächste Frage: wie geht es am TATORT Stuttgart eigentlich weiter? Setzt sich die Landesregierung dafür ein, dass auch die Nachfolger den schwäbischen Dialekt pflegen werden und das Land Baden-Württemberg bei den Fernsehermittlungen wieder genau so repräsentieren wie ehemals Bienzle? Immerhin hat selbst Bienzle den Landes-Slogan "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" im TATORT zitiert (Bienzle und der Tod im Teig), folgerichtig ergibt sich auch für Oelmayer daraus, dass die Landesregierung ein Interesse an "schwäbelnden" TATORT-Kommissaren haben müsse; immerhin werden für diese PR-Kampagne viele Millionen Euro ausgegeben. Oelmayer stellte deshalb am 3. Mai 2007 im Landtag eine kleine Anfrage zu diesem Thema ein.
MdL Oelmayer war der Urheber der kleinen Landtagsanfrage zum Thema Bienule-Nachfolge im Mai 2007. Bild: Oelmayer

Landesregierung beschäftigt sich mit TATORT

Die kleine Anfrage wurde zur Drucksache 14/1209 und ist für jeden TATORT-Fan so etwas ein Kleinod, zeigt sie doch, dass ein Landesparlament in Deutschland sich mit einem Fernsehkrimi beschäftigen muss. Das hat mindestens Seltenheitswert, wenn es nicht sogar völlig einmalig ist. Prinzip der Chose: Der Abgeordnete fragt, die Landesregierung antwortet.

Vier kurze Fragen....

Oelmayer stellte der Landesregierung insgesamt 4 Fragen. Erste Frage: ob der Landesregierung bekannt sei, wer die Nachfolge des "schwäbischen Columbos" antreten würde. Zweite Frage: "Ist die Landesregierung bereit ? unter Wahrung der Rundfunkfreiheit ? dafür zu werben, dass auch der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Kommissar Bienzle den schwäbischen Dialekt in den Tatortfolgen beibehalten wird?. Dritte Frage: " Teilt die Landesregierung die Auffassung, dass für den Fall, dass der schwäbische Dialekt nicht beibehalten werden sollte, dies mit dem Werbeslogan für das Land ?Wir können alles. Außer Hochdeutsch.? nicht vereinbar wäre?". Vierte und Letzte Frage: Plant die Landesregierung nach dem Gastauftritt von Justizminister Goll in der 17. Folge des Bienzle-Tatorts ?Bienzle und der Tod im Teig? weitere Auftritte von Regierungsmitgliedern im Tatort, auch wenn der schwäbische Dialekt dort nicht mehr gepflegt werden würde?

... und vier ganz knappe Antworten

Eine Antwort auf diese Fragen bekam der Grünen-Abgeordnete Oelmayer vom Minister für den Geschäftsbereich des Staatsministeriums und für europäische Angelegenheiten, Willi Stächele (CDU), 2008 bereits zum Finanziminster im "Ländle" aufgestiegen. Diese Antwort fiel sehr knapp aus, und - so viel macht Oelmayer im Interview mit dem tatort-fundus ([hier])deutlich - stellt den Abgeordneten nicht zufrieden. Doch der Reihe nach:

Stächele hatte sauber recherchiert und festgestellt, dass als Nachfolger Bienzles die beiden Darsteller Richy Müller und Felix Klare vom Sender auserkoren wurden, zitiert dazu eine SWR-Pressemeldung. Stächele betont in seiner Antwort, dass beide Darsteller aus Baden-Württemberg stammen. Ob die Landesregierung gemäß der zweiten Frage bereit ist, sich für einen schwäbisch sprechenden Nachfolger einzusetzen, beantwortete Stächele im Namen der Landesregierung deutlich: "Die Landesregierung nimmt die Rundfunkfreiheit ernst und wird sich nicht in Programmentscheidungen des SWR einmischen."

Chance für die Region

Und überhaupt schien es Stächele und damit der Landesregierung nicht so wichtig zu sein, ob die Nachfolger nun schwäbisch sprechen oder nicht, viel wichtiger sei, dass weiterhin Stuttgart der Schauplatz der TATORTe des SWR sei - der biete doch eine Chance für die Region, im nationalen Kontext weiterhin Aufmerksamkeit zu bekommen. Stächele weiter in seiner Antwort: "Zu einer authentischen Darstellung eines Kriminalfalls aus der Landeshauptstadt gehört sicher auch der schwäbische Dialekt, wie das liebenswürdige Bodenseealemannisch etwa zu einer authentischen Darstellung aus Konstanz gehört. Ob die Ermittler dabei selbst den Dialekt sprechen, ist eher von untergeordneter Bedeutung."

Nix mit Schwäbisch am nicht vorhandenen Hut: Lannert und Bootz, die ab 2008 neu am Stuttgarter TATORT ermitteln. Bild:SWR/Schweigert
Stächele arbeitet sich durch die Fragen Oelmayers weiter durch und beantwortet die dritte Frage nur mit einem Satz - er scheint sie zu verstehen: "Der mit der Frage offensichtlich unterstellte Zusammenhang zwischen dem Dialekt eines TATORT-Kommissars und der Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg erschließt sich der Landesregierung nicht". Nächste Frage, nächste knappe Antwort von Stächele: Auf die vierte Frage nach Planungen weiterer Gastauftritte von Landespolitikern im TATORT verweist er auf die Verantwortung des Senders und der Redaktion; da die darüber befänden, seien solche Auftritte "naturgemäß" nicht geplant.

Untergeordnete Rolle?

Fazit der Anfrage: Die Antwort des Staatsministers war weichgespült, konnte und durfte gar nicht anders ausfallen. Entscheidungen über Politiker-Auftritte und Darstellerauswahl tragen die Sender, und die haben sich staatsfern zu geben. Berechtigt dagegen scheint der Hinweis Oelmayers auf die Kampagne "Wir können Alles. Außer Hochdeutsch", die untrennbar mit dem schwäbischen Dialekt zusammenhängt. Dass die Landesregierung hier keinen Zusammenhang sehen kann, ist verwunderlich. Ebenso auch die Einschätzung, dass der Dialekt im Ländle und im TATORT nur eine "untergeordnete Rolle" spiele. Es sei eben nicht so wichtig, wer ihn im TATORT spricht, die Ermittler oder eben andere Figuren, könnte man Stächeles Antwort auch interpretieren.

"Wer zu spät kommt,..."

Wie dem auch sei: Stächele als auch Oelmayer haben hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ohne den SWR, den Produktionssender des neuen Stuttgart-TATORTs. Denn im Mai 2007, zum Zeitpunkt der kleinen Anfrage, war in der Fernsehspielabteilung in Baden-Baden schon "alles geschwätzt", wie man im Ländle gerne sagt: die Arbeit am ersten Drehbuch in vollem Gange, die Dreharbeiten für August längst geplant, die Nachfolge seit 2005 bereits in trockenen Tüchern, die Figurenkonstellation prinzipiell getroffen: großstädtisch sollte der neue TATORT werden, ohne schwäbischen Dialekt, modern und schnell gefilmt, mit einem "Multi-Kulti-Team" als Ermittlerriege. Alles sollte anders werden, als noch zu Bienzle-Zeiten.

Die Herren Politiker hätten sich also mindestens ein, besser noch zwei Jahre früher ernsthaft mit der Frage beschäftigen sollen. Wie heisst es doch so schön: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Das beginnt nun am 9. März 2008 neu - und wenn da im neuen TATORT aus dem Ländle doch noch jemand "schwäbelt", dann ist das nur einer: der maulfaule Gerichtsmediziner aus Stuttgart-Gablenberg. Immerhin äbbes.

Francois Werner


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3