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Heute ist der: 22.07.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Mit den Augen eines Nordlichts

Gespräch mit Holger Karsten Schmidt

 
Ein neues Team zu etablieren, ist wahrscheinlich die verlockendste Aufgabe, die der ?Tatort? zu bieten hat?
Das ist bei Serien und Reihen - wie dem ?Tatort? - tatsächlich ein Privileg. Man setzt sozusagen als erster den Fuß aufs Neuland und hinterlässt seine Spuren. Als Pendant für dieses Privileg trägt man aber auch die Verantwortung für den Weg, den man einschlägt.

Wie geht man das an, einen neuen ?Tatort? zu kreieren? Was wollten Sie erreichen?
Der Autor ist der einzige am Filmprozess Beteiligte, der etwas aus dem Nichts kreieren muss - alle anderen benutzen als Grundlage für ihre Arbeit sein Drehbuch. Also ging es für mich primär darum, hier mit Umsicht zu agieren.

Der Stuttgarter ?Tatort? ist durch meinen Kollegen Felix Huby und seinen Bienzle geprägt. Dessen Stammpublikum wird unseren neuen ?Tatort? natürlich mit Argusaugen anschauen - und dabei ist es unumgänglich, dass es zu Enttäuschungen kommt, man kann es be-kanntlich nicht jedem recht machen.

Also habe ich schlicht und einfach versucht, eine gute Geschichte zu erzählen. Dazu gehört für mich, dass die beiden Kommissare sich nicht gemütlich beschnuppern und bei einem gepflegten Gespräch erst mal geschmälzte Maultaschen essen, sondern dass sie sofort in ihren ersten gemeinsamen Fall katapultiert werden. Sie sind gezwungen, sofort zu handeln und erzählen uns dabei indirekt immer etwas über sich. Außerdem wollte ich einen Fall, der auch bei routiniertesten Polizisten eine Saite zum Schwingen bringt - daher der Fund eines toten Kindes im Neckar.

Welche Rolle spielte es, dass Sie als Autor der ersten drei Folgen die Chance haben, nicht alles in einer Episode erzählen zu müssen?
Eher eine untergeordnete. Aber es hat mir den Raum eröffnet, etwa Lannerts berufliche wie private Hintergründe nicht im ersten Film offenbaren zu müssen. Wie im ersten blitzt auch in dem zweiten ?Tatort - In eigener Sache" an dieser und jener Stelle etwas aus seiner Vergangenheit auf. Im dritten ?Tatort?, den ich zur Zeit schreibe, werden wir erfahren, was ihn umtreibt - und das wird die Kommissare zusammenrücken lassen.

Die Darsteller der beiden Hauptfiguren standen fest, als Sie begannen den ersten Fall zu schreiben. Wie stark wollten Sie die Figuren den Darstellern anschmiegen, wie weit sie gegen den Strich bürsten?
Ehrlich gesagt spielte die Besetzung für den reinen Schreibprozess keine Rolle, weil ich Schauspielern nie etwas auf den Leib zu schreiben versuche. Ich will eine gute, spannende und emotionale Geschichte mit interessanten Charakteren erzählen. Richy Müller und Felix Klare sind gute Schauspieler. Als Autor erwarte ich von ihnen, dass sie aufgrund ihres Talents in Rollen schlüpfen und sie ausfüllen können. Das ist ihr Job. Und ich finde, die beiden machen den hervorragend.

Lediglich der Altersunterschied von Felix Klare und Richy Müller war etwas, was ich nicht nur berücksichtigen, sondern nutzen wollte. So ist Bootz, der jüngere Kommissar, der scheinbar gesetztere und überlegtere Ermittler, während der ältere Lannert eher auf Bauch und Instinkt hört. Eine Umkehrung der gewohnten Muster also.

Die jeweilige Stadt und ihre Region sollen im ?Tatort? auffindbar sein. Was macht Stuttgart für Sie aus? Wie spiegelt sich das im ?Tatort??
Wiedererkennbarkeit im Bild fällt vor allem in das Ressort von Regie und Kamera. Ich kann mich bloß von Schauplätzen, die Stuttgart bietet, inspirieren lassen, aber im Prinzip muss eine Geschichte, die ich schreibe, in jeder Stadt spielen können.

Ich habe mich aber dafür entschieden, dass Lannert aus Hamburg kommt (wie ich), und mit den Augen dieses ?Nordlichts? fallen lokale Gegebenheiten viel stärker auf, man kann sie thematisieren. Das aber nie in abschätzigem Ton.

Schwaben gelten ja als sparsam bis geizig. Zum einen laufen in Hamburg ebenso viele Leute herum, die ein Glücksgefühl empfinden, wenn sie bei einem Kauf etwas gespart haben, zum anderen würde ich so ein Vorurteil nur in dem Sinne bedienen, dass ich es ins Gegenteil verkehre.

Sie haben es bereits erwähnt, der erste Fall der beiden Neuen beginnt mit dem Tod eines Kindes, später geht es um Kinderhandel, ein Thema, das die beiden Kommissare trotz gegenseitiger Vorsicht ziemlich schnell auf eine Seite bringt. Haben Sie diesen Fall gewählt, weil im Umkreis des Leidens eines Kindes sehr schnell Fundamentales zur Sprache kommt?
Absolut. Es schweißt diese beiden gegensätzlich angelegten Charaktere auf beruflicher Ebene recht schnell zusammen, denn wenn es um das Leben eines Kindes geht, kann es keine zwei Meinungen geben, und persönliche Befindlichkeiten müssen für die Dauer der Ermittlungen weitgehend in den Hintergrund treten.

Die beiden erleben sich als ein Team, das noch gar nicht zusammengewachsen ist. Die Herangehensweise des jeweils anderen ist in mancher Situation für sie ungewohnt, aber am Ende werden sie - wenn vielleicht auch nur unbewusst - begriffen haben, dass sie sich wunderbar ergänzen. Und das macht ihre Stärke aus. Auch wenn diese Teamfähigkeit schon im zweiten ?Tatort" auf eine harte Probe gestellt wird.

Es geht um illegale Adoptionen in dem Film, und man ist durchaus verblüfft, mit welcher Naivität potentielle Eltern an Adoption herangehen, wenn sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Eine Gelegenheit für die Kommissare, zu einer ethischen Frage Stellung zu nehmen?
Ja, und zwar in der entscheidenden Auseinandersetzung mit dem Mann, der die Kinder gegen Geld vermittelt. Und der zu Recht die Frage stellt, ob die Welt gerechter ist, wenn man Kinder in üblen Waisenheimen vor sich hinvegetieren lässt - oder ob sie erst dann gerechter wird, wenn man diesen Kindern eine Zukunft vermittelt.

Lannert und Bootz beziehen am Ende Stellung, indem sie diese Frage nicht ausdiskutieren, sondern handeln. An ihrem Verhalten erkennt man ihre Einstellung zu diesem Thema, obwohl sie damit keine allgemeingültige und praktikable Antwort geben. Aber sie finden durchaus eine befriedigende Lösung in einem Einzelfall.

SWR-Pressemappe


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