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Heute ist der: 18.11.2018. --> Bis heute wurden 1084 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Hart an der Grenze"

Ein Fischkopp namens Pinocchio

Großstädtisch-modern und ohne viel schwäbische Gemütlichkeit des Vorgängers Bienzle will der neue TATORT aus Stuttgart an den Start gehen. Mehr als das gelingt dem Film mühelos: für den Einstieg eines Ermittler-Teams werden die neuen Figuren sogar ungewohnt unaufdringlich und frei von sonstigen Mätzchen eingeführt - im Vordergrund steht der Fall, der aufrütteln muss und dem Anspruch der TATORT-Krimi-Macher einmal mehr gerecht wird, nämlich intelligent zu unterhalten, und das mit einer großen Portion (gelungenem) Humor.

Bild: SWR/Schweigert
Keine schwäbischen Klischees wolle er mit dem neuen TATORT bedienen - das zumindest sagte Regisseur Elmar Fischer bei der Vorstellung des neuen Teams im August 2007. Ganz ohne ging es dann wohl doch nicht, denn was Schwaben von Leuten aus dem Norden Deutschlands halten, wird hier ganz schnell deutlich - das sind eben "Fischköppe". Aber das mag daran liegen, dass nicht nur der neue von Richy Müller gespielte Kommissar aus Hamburg stammt, sondern auch der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ein solches Nordlicht ist und man dies als Nordlicht in Stuttgart ja wirklich gesagt bekommt - auch der Autor dieser Zeilen, selbst aus Hamburg und jetzt in Stuttgart wohnhaft, kann dies bestätigen.

Alles anders

Wie dem auch sei: alles andere in dem neuen Krimi "Hart an der Grenze" hat eher wenig mit den bisherigen Stuttgart-TATORTen zu tun, rein gar nichts mit dem ehemaligen Ermittler Bienzle, der selbst die größte gesellschaftsrelevante Brisanz seiner Fälle so stark unter seinem Trenchcoat absorbiert hat, dass er sich als Figur automatisch in den Vordergrund spielte und sämtliche Folgen im Nachhinein als "austauschbar" erscheinen lässt.

Die neuen Ermittler lösen ihren Fall im Team, und zwar "auf Augenhöhe" - das Team besteht zudem noch aus ebenso interessanten Figuren wie es die es die beiden Ermittler selbst sind: eine reizvolle argentinische Staatsanwältin, eine pfiffige Kriminaltechnikern mit Eltern aus Serbien und Kroatien und - Achtung, das war wohl doch unvermeidbar - einem Gerichtsmediziner, der ausgeprägtes Schwäbisch redet und auch eher als maulfaul zu bezeichnen ist.

Dezente Exposition

Das neue starke Stuttgarter Team hat es zugleich auch mit einem starken Fall zu tun. Sonst stehen Einstiegsfolgen neuer Ermittler ja eher im Verdacht, die Exposition des Teams breit auszudehnen und weniger Zeit und Kraft auf die Geschichte zu verschwenden, um die Ermittler, ihr Verhältnis zueinander zu beleuchten, ihre Macken zu zeigen und mögliche Konfliktpotenziale dramaturgisch vorzubereiten. Doch im neuen Stuttgart-Streifen wird es wohltuend anders gelöst: die Ermittlerfiguren werden sehr genau gezeichnet, aber dies immer eingebettet in die Ermittlungen, sozusagen schleichend und eben nicht: aufdringlich.
Bild: SWR/Schweigert

Unausweichliche Meinungsverschiedenheiten der beiden Ermittler werden amüsant gelöst, anders als sonst, fast schon zivilisiert, mit Humor: die beiden neuen Kommissare haben Manieren, schnauzen sich nicht an, bleiben beim Sie und sind an der Sache orientiert, und doch sind sie Menschen zum Anfassen, tiefgründig und "echt". Und sehr humorvoll - den Höhepunkt erreicht dies, als sei ein schwules Paar mimen - vermutlich ebnen die beiden Kommissare damit gleichzeitig den Weg für die ersten homosexuellen TATORT-Kommissare, die ja bekanntlich noch fehlen im Sortiment der deutschen TV-Ermittlerfiguren.

Wer hat Sara getötet?

In ihrem ersten gemeinsamen Fall müssen sie den Tod eines kleines Mädchens klären: Sara wird von einem Penner treibend im Fluss (wie heisst der Fluss in und um Stuttgart noch gleich?) gefunden - aber augenscheinlich vermisst das Kind niemand. War es Mord? Erst als im Stuttgarter Abendblatt - vermutlich wieder die Erfindung eines Fischkopps, denn die Zeitung gibt es in Stuttgart nicht - ein Foto des Mädchens veröffentlicht wird, melden sich die besorgten Eltern. Die Kommissare stellen schnell fest: es geht es um Kinder, die illegal zur Adoption vermittelt werden, vorbei am deutschen Gesetz und seinen diesbezüglichen durchaus diskussionswürdigen Adoptionsbestimmungen. An Eltern, die sonst eigentlich keine Kinder mehr adoptieren dürften, weil sie beispielsweise zu alt sind - und sich deshalb im Ausland umschauen. Und wenn man nicht gerade prominent ist und Kontakte und Einfluss hat, kann sich ein solcher Vorgang über Monate in die Länge ziehen, erfahren die Kommissare.

Erleichtert wird die Erfüllung des Wunschs durch Adoptionsagenturen - und genau in eine solche führen die Ermittlungen der beiden neuen Kommissare. Denn mit diesem Geschäftsfeld kann viel Geld verdient werden, insbesondere wenn sich ausweitet in den illegalen Sumpf von Kinder- und Menschenhandel - und der macht auch vor Stuttgart nicht Halt, dieser württembergischen Metropole, von der viel Neues gezeigt und noch viel mehr angedeutet wird, einer Stadt die im Hochsommer "hitzig" und warm wirkt - und so noch nie im TATORT gezeigt wurde.
Bild: SWR/Schweigert

Eine gerechte Welt?

Ohne das Ende zu verraten: Die Ermittler können den Fall natürlich lösen, geraten dabei nicht nur an ihre eigenen, sondern auch an die bundesstaatlichen Grenzen und liefern gleichzeitig auf ihre Weise ein glaubwürdiges Statement ab, wenn es um die Frage des Films geht, ob die Welt gerechter ist, wenn man Kinder in herzlosen Waisenheimen in Weissrussland leben lässt oder wenn den Kindern in Deutschland durch Adoptionen eine Zukunft vermittelt wird.

Fazit: Ein starker Film, ein starkes Team! Der erste Stuttgarter TATORT ist ein wahres Highlight - mit der richtigen Mischung aus Spannung, Humor, Action und Anspruch; die Ermittlerfiguren sind interessant, sympathisch und witzig. Der Film ist kurzweilig, hat ein gutes Tempo. Das Ehe- und Familienleben des jungen Kommissars Bootz als auch der einwenig (noch) geheimnisumwitterte Lannert versprechen uns, auch für viele spätere Folgen noch ausreichend interessant zu bleiben - ideale Ausgangsbedingungen für ein neues TATORT-Team. Wir sind gespannt auf die neuen Fälle, und das sicher nicht nur in Stuttgart....

Francois Werner


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