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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Ich liebe diesen Realismus"

Interview mit Thomas Bohn

Tom Bohn (links) und Kameramann Simon Schmejkal am Set von "Und tschüss", Bild: fw
Im ?Tatort: Und Tschüss?, der die Reihe der Krimis mit Robert Atzorn als Ermittler Jan Casstorff abschließt, geht es noch einmal ordentlich zur Sache. Gab es Elemente, die Sie als Erfinder wie auch als prägender Autor und Regisseur dieser Reihe unbedingt drin haben wollten?
Zunächst einmal: Ich bin nicht der Erfinder von Jan Casstorff, sondern das war damals Felix Huby, der sich zusammen mit Robert Atzorn auf die Ermittlerfiguren und deren Charakteristika geeinigt hat. Ich bin als Autor und Regisseur zu dem Team gestoßen, als eine erste Fassung des ersten Casstorff-Tatortes (?Exil?) schon auf dem Tisch lag. Den prägenden Autor lasse ich mir auch nicht gefallen. Da täte man Felix Huby und den vielen anderen Kollegen, die zu dem Hamburg-Tatort tolle Bücher beigesteuert haben, wirklich Unrecht.

Anders gefragt also: Was lag Ihnen am Herzen für den letzten ?Tatort? mit diesem Ermittlerteam?
Die sieben erfolgreichen und spannenden Jahre mit einem ebenso spannenden wie erfolgreichen Film abzuschließen.

Der Tote zu Beginn, der Unternehmer Arno Dahm, hat fairen Handel mit der dritten Welt betrieben und Jugendliche als Seelsorger beraten. Was macht diesen Mann für Sie zu einem interessanten Opfer?
Idealisten sterben schnell. Und nicht selten durch fremde Hand. Ich mag Menschen, die für ihre Überzeugung mit dem Kopf durch die Wand wollen und dabei ihr soziales Umfeld furchtbar nerven. Vermutlich, weil ich ein ähnlicher Querschädel bin.

Kurz nach diesem Mord wird Staatsanwältin Wanda Wilhelmi entführt, sie soll ihr Wissen über eine heiße Spur preisgeben. Ist eine solche Entführung pure Fantasie oder tatsächlich denkbar?
In einem Staat, indem vor nicht allzu langer Zeit sogar der Generalbundesanwalt auf offener Straße erschossen wurde, ist wohl alles denkbar.

Die Spuren führen zu Verbrechern, die Elektroschrott aus Deutschland illegal und betrügerisch nach Afrika verhökern. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen und was interessiert Sie daran?
Ich bin ein fleißiger Internet-User und dort in vielen Bereichen unterwegs. Dort stoße ich auch meist auf die Themen, die mich berühren. Das Elektroschrott-Thema habe ich auf der Homepage der Umweltschutzorganisation Greenpeace gefunden. Ein ?Tatort? ist ein wirklich tolles Forum für Fälle dieser Art. Man kann hervorragend seine Mitmenschen ?en passant? für einen Missstand sensibilisieren ? in eine gute Krimihandlung verpackt.

In allen seinen Fällen war es wohl für Hauptkommissar Casstorff wichtiger, den Fall zu lösen, als sein Gefühlsleben auszubreiten. Wie erleben wir ihn diesmal, als seine große Liebe Wanda Wilhelmi entführt wird?
Das ist so nicht richtig: In ?Der Passagier? zum Beispiel rettet Casstorff seinen Sohn. Und in ?Harte Hunde? lässt er sich fast wieder auf seine Ex ein. In beiden Fällen zeigt Casstorff eine ordentliche Portion Gefühl, so wie in ?Und Tschüss?.

Trügt der Eindruck, dass Sie das Buddy-Verhältnis zwischen Casstorff und Holicek diesmal besonders hervorheben und damit Ihren beiden Schauspielstars Atzorn und Prückner noch einmal richtig Futter geben?
Dieser Eindruck trügt. Dadurch, dass Jenny als Puffer in der letzten Folge wieder mit an Bord ist, funktioniert das Herumflachsen zwischen Casstorff und Holicek wieder. Jenny war und ist die wohl am meisten unterschätzte Figur der Casstorff-?Tatorte?.

Ihr Showdown führt uns in die Container-Flächen des Hamburger Hafens und Sie bieten uns sogar eine Verfolgungsjagd auf der Elbe. War das ein besonders aufwendiger Dreh? Wo lagen die Tücken?
Wir mussten ein internationales Containerschiff auftreiben und unseren Drehplan nach dessen Fahrzeiten timen. Das hat unserer Produktionsabteilung den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben. Aber alles ging gut.

Welchen Ihrer ?Tatorte? mit Robert Atzorn und Tilo Prückner halten Sie eigentlich für den gelungensten? Und warum?
?Der Passagier?, weil er im Story-Setup sehr außergewöhnlich ist, und ?Feuerkämpfer?, weil dort ein Thema zur Sprache kommt, was heutzutage leider viel zu wenig thematisiert wird: das Leid der Väter bei einer Trennung von ihren Kindern. Unter dem Strich mag ich sie aber alle sehr, auch die, die von anderen Kollegen gemacht wurden. Ich bin und bleibe halt ein ?Casstorff-Fan?.

Was zeichnete die Zusammenarbeit mit Robert Atzorn und Tilo Prückner bei den Hamburger ?Tatorten? aus? Worin sehen Sie die wichtigsten Qualitäten dieser beiden Schauspieler?

Robert ist ein sehr diszipliniert arbeitender und kollegialer Schauspieler. Mich hat sehr beeindruckt, wie kooperativ und sensibel er während unserer Zusammenarbeit war. Tilo ist ein brillanter Komödiant. Ihm wünsche ich mehr Rollenangebote, in denen er das zeigen kann.

Staatsanwältin Wilhelmi wird diesmal entführt ? sicher auch eine besondere Herausforderung für die Darstellerin dieser Figur. Wie haben Sie Ursula Karven bei diesem Dreh erlebt?
Ursula hat mit ihrer Hingabe das ganze Team erstaunt. Sie ist für mich der wahre Held der letzten Folge. Sie hat für ihre Wanda noch gekämpft, als sich andere innerlich schon von ihrer Rolle verabschiedet hatten.

Hamburg hat reichlich Stoff für Ihre ?Tatorte? hergegeben ? vom Menschenschmuggel in der Folge ?Exil!? bis zur bereits erwähnten Episode ?Der Passagier?, in der Jan Casstorffs Sohn Daniel in einem gekaperten Flugzeug festsitzt. Eignet sich Hamburg in besonderer Weise als Schauplatz für die Art von Krimi, die Sie gerne drehen?
Hamburg ist im Generellen meine Lieblingsstadt. Ich mag die dort lebenden Menschen und ihre Geschichten. Hamburg ist für mich in kreativer Hinsicht ein sehr dankbares Pflaster. Die Filmteams, mit denen ich dort arbeiten durfte, waren Spitzenklasse.

Hielten Sie es für richtig, die Geschichten um Casstorff und seinen Sohn Daniel irgendwann auslaufen zu lassen? Casstorffs Spagat zwischen Ermittlerpflicht und Sorge um den Sohn machte doch seinen Charakter umso spannender, oder?
Das hatte nicht ich zu entscheiden, sondern die Redaktion. Und die hatte, in Punkto Zuschauerinteresse und Kompatibilität zu anderen ARD-Sendungen, weitaus relevantere Informationen als ich. Mir persönlich tat es sehr leid, dass Casstorffs Sohn plötzlich nicht mehr mit dabei war. Wie übrigens auch die Pause von Jenny, der Frau im Trio, die von Julia Schmidt wirklich toll dargestellt wurde.

Viele aktuelle US-Krimis und einige deutsche Ableger spielen in perfekt gestylten Einsatzzentralen und Laboren. Halten Sie den rauen Realismus des ?Tatort? noch für zeitgemäß?
Ich liebe diesen Realismus. Es ist allerdings wichtig, ihn ab und zu einmal ganz bewusst zu durchbrechen. Sonst wird es langweilig.

Welche Möglichkeiten bietet der ?Tatort? Ihnen als Autor und Regisseur denn insgesamt?
?Den Tatort? gibt es letztendlich nicht. Man ist sehr stark davon abhängig, wie sehr man das Vertrauen des Senders genießt und wie sich dieser Sender zu gewissen Stoffen stellt. Ich habe da beim NDR in den letzten Jahren sehr großes Glück gehabt. Wie zuvor beim SWR.

Wir dürfen vielleicht andeuten, dass dieser ?Tatort? mit einem Happy-End ausgeht und Jan Casstorff und Wanda Wilhelmi ein neues Leben beginnen wollen. Sie verzichten hier bewusst auf eine große Dosis Gefühl, belassen es beim Understatement ? warum?
Dies war nicht meine Entscheidung. Hauptdarsteller, Redaktion und Produktion haben sich für einen eher beiläufigen Abschied ohne große Gefühle entschieden. Es gab beim Ende ziemlich viele, unterschiedliche Überlegungen. Ich habe mich da schließlich herausgehalten, weil ich weiß, dass es bei Abschieden meist um etwas sehr Persönliches geht. Manche Menschen wollen halt in solchen Momenten nicht ihre wahren Gefühle zeigen. Im Film, wie im Leben.

NDR-Pressemappe


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