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Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Das Team ist mir ans Herz gewachsen"

Interview mit Robert Atzorn

Bild: NDR/Maria Krumwiede
Mit der Episode ?Exil? gaben Sie am 28. Oktober 2001 Ihr Debüt als Hamburger ?Tatort?-Kommissar Jan Casstorff. In der Folge ?Und Tschüss? spielen Sie jetzt zum letzten Mal den ARD-Ermittler. Warum hören Sie auf?
Seit 2001 haben wir 15 ?Tatorte? gedreht. Ich finde, das ist viel. Schließlich wird man doch Schauspieler, um verschiedene Charaktere auszuloten und sich in unterschiedliche Menschen hineinzufühlen. Ich denke, 15 gute Geschich- ten sind genug, das ist ein schöner Bogen und wir haben genug über Casstorff erzählt. Jetzt soll ein neuer Kommissar, ein anderer Schauspieler eine Chance bekommen.

Lassen Sie uns Ihr Fazit gleich vertiefen. Zunächst zum aktuellen ?Tatort: Und Tschüss?. In der Abschlussfolge wird Casstorffs Freundin, Ursula Karven als Staatsanwältin Wanda Wilhelmi, entführt und gerät in Lebensgefahr. Bietet Ihnen diese dramatische Wendung noch einmal die Chance, die Stärken der Figur Casstorff auszuspielen?
Ich bin immer froh, wenn eine Geschichte die Hauptfigur persönlich einbindet, wie es hier besonders stark der Fall ist. Casstorff wird klar, wie sehr sein persönliches Schicksal mit seinem Beruf verwoben ist; wie nah die kriminelle Bedrohung auch für ihn bzw. sein nächstes Umfeld sein kann. Das lässt seinen Adrenalinspiegel durchgehend ansteigen und lässt ihn die Frage nach dem persönlichen Risiko stellen ? und die Frage, ob es sich lohnt, dieses Risiko permanent einzugehen und auszuhalten.

Als ?Tatort?-Kommissar stehen Sie diesmal extrem ?unter Strom?. Wie lässt sich diese äußerste Angespanntheit spielen, wenn Casstorff doch eher dazu neigt, seine Gefühle zu beherrschen?
Gerade diese Herausforderung ist spannend für einen Schauspieler, denn man muss unter aller Coolness die permanente Belastung spürbar machen.

Darf sich ein Krimiheld nicht so leicht von seinen Gefühlen übermannen lassen?
Das kann man nicht generell beantworten; das ist sehr abhängig von der Struktur der Figur und der Geschichte.

Ist der Jäger diesmal selbst der Gejagte ? wie es an einer Stelle im Drehbuch heißt?
Es ist natürlich ein fürchterlicher Kampf gegen die Zeit, seine Partnerin ist entführt worden, und ob er sie retten oder befreien kann, ist für Casstorff ungewiss; deshalb wird er über weite Strecken wirklich zum Gejagten.

Casstorff ist aufgewühlter, als er ? zum Beispiel gegenüber Holicek beim abendlichen Bier ? zugeben mag. Ist es für Sie nicht besonders schwierig, Gefühle zu spielen, die Ihre Figur nicht offen aussprechen kann oder will?
Nein, es ist reizvoller, mehrere Ebenen zu spielen. Casstorff ist ein Einzelgänger, der wirklich nicht gern über seine Befindlichkeit redet; aber er ist in dieser bedrohlichen Situation auf ein Gespräch mit seinem Freund Holicek angewiesen ? um Druck abzubauen.

Gehen Sie jetzt mit anderen Augen in einen Elektromarkt oder die Elektroabteilung eines Kaufhauses?
Natürlich, denn ich frage mich jetzt des öfteren: Wo bleibt dieses ganze Zeug, wenn es kaputt ist? Wo bleiben diese Unmengen von Schrott?

Ärgert es Sie, dass man heutzutage kaputte Elektrogeräte oft nicht mehr reparieren, sondern nur noch durch neue ersetzen kann?
Was heißt ärgern? Die Zeit hat sich verändert. Das liegt zum einen an unserer Konsumhaltung, immer das Neueste besitzen zu müssen, zum anderen daran, dass die Reparatur, das Einschicken etc. oft teurer kommen als etwas Neues zu besorgen. Wir werden mit Neuerungen, Verbesserungen und Erfindungen bombardiert, wir wollen ganz ?vorne? sein; die elektronischen Geräte sind zu Statussymbolen verkommen. Meine Eltern hatten ein und denselben Fernseher über 25 Jahre, der einige kleine Reparaturen überlebt hat und einen ,,Plattenspieler?, den ich meiner Mutter nie entführen dürfte, auch wenn er teilweise spinnt ? aber er gibt den schönsten Ton der Welt und ? sie weiß ihn zu bedienen mit 89 Jahren!

Von Kollegen beim Zoll erfährt Casstorff, dass die Hintermänner dieses illegalen Handels nur äußerst schwer zu fassen sind. Kratzt es am Heldenbild des Kommissars, dass er bei hochkarätiger Kriminalität gelegentlich gegen die Wand läuft? Oder gehört dieses Scheitern zum Anspruch eines wirklichkeitsnahen Krimis?
Ich würde nicht sagen, dass es am Heldenbild kratzt. Das Filmgesetz fordert zwar eine Lösung des Problems, und wir wollen den Täter hinter Gittern sehen, bzw. das Opfer ist rehabilitiert und die Ordnung wieder hergestellt, aber in der Tat sieht die Realität anders aus: Man braucht sich nur die Statistiken über die ungelösten Fälle anzuschauen, dann wird man eines Besseren belehrt. Und insofern darf man ? glaube ich ? in einigen Fällen den Zuschauer auch mal nachdenklich auf einem realitätsbezogenen ungelösten Fall sitzen lassen.

Für Buch und Regie bei ?Und Tschüss? ist wieder Thomas Bohn verantwortlich, der mit Ihnen gemeinsam die Figur Casstorff und das Konzept Ihres ?Tatorts? entwickelt hat. Inwiefern prägt dies die Zusammenarbeit bei ?Und Tschüss??
Es hat sich eine Freundschaft entwickelt, die über reine Zusammenarbeit weit hinaus geht. Es ist ein Vertrauensverhältnis entstanden, welches die Arbeit am Drehort immens erleichtert; ich kenne Toms Arbeitsweise, ich verstehe seine Anweisungen sofort, ich lese in seinem Gesicht, ob etwas gelungen ist oder nicht ? und zwar ohne, dass er etwas sagen muss.

Ihre ?Tatorte? haben immer wieder brisante Themen aufgegriffen, vom afrikanischen Abschiebehäftling (?Schattenspiele?) über geschiedene Väter, die unter der Trennung vom eigenen Kind leiden (?Feuerkämpfer?), bis zur Verflechtung von Medien und organisierter Kriminalität in ?Investigativ?. Welches dieser Themen war in Ihren Augen besonders wichtig, dringlich oder ungewöhnlich?
Alle Themen waren wichtig, ich möchte da gar keine Wertung abgeben; alle Filme haben ihren ureigenen Reiz und ihre Bedeutung.

Mit Jan Casstorff haben Sie 2001 Neues gewagt, den alleinerziehenden Kommissar, der nie genug Zeit für seinen Sohn im schwierigen Teenager-Alter findet, etabliert. Sollte die Casstorff-Figur den Männern Mut machen, die bei Scheidungen zum Sündenbock gemacht werden?
Mir war vor allem wichtig zu zeigen, wie sich ein solch herausfordernder Beruf aufs Privatleben auswirkt. Wir leben ja in einer zunehmenden Single-Gesellschaft, wo Kindern immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, und das Verhältnis Casstorffs zu seinem Sohn zeigt eben, wie schwer es ist, Beruf und Zeit für den Sohn zu verbinden. Der Sohn entgleitet ihm zusehends, weil Casstorffs Fremdbestimmung so groß ist.

Gleichzeitig haben Sie selbst einen drastischen Imagewandel vollzogen: vom jungenhaften Charmeur zum Kämpfer aus Überzeugung, zum Individualisten mit Drei- Tagebart und schwarzer Lederjacke. Hat das Publikum mitgezogen oder mussten Sie auch Ihre Fans zunächst vom neuen Robert Atzorn überzeugen?
Es hat etwas gedauert, bis Specht in der Vergessenheit versunken ist und ich als Casstorff akzeptiert wurde. Und bevor ich mich jetzt wieder einzig als Casstorff in den Zuschauerköpfen befinde, möchte ich noch andere Dinge spielen.

Wer oder was wird Ihnen nach dem letzten Drehtag mit dem Hamburger ?Tatort?-Team besonders fehlen?
Über so eine lange Zeit, insgesamt sieben Jahre, entstehen Beziehungen, die wunderbar sind. Das Team ist mir ans Herz gewachsen, es ist so etwas wie eine ?Tatort?-Familie entstanden und diese Menschen werden mir fehlen.

?Unterscheide Dich als Individuum, und rufe das Beste Deines einzigartigen Wesens hervor?, hat der von Ihnen geschätzte spirituelle Lehrer Paramhansa Yogananda gesagt. In welche Richtung wird Ihr beruflicher und persönlicher Weg jetzt vor allem führen?
Ich muss gestehen, dass mein spiritueller Weg in der letzten Zeit zu kurz gekommen ist, und es wird die Hauptaufgabe sein, diese Balance zwischen Beruf und Spiritualität wieder herzustellen. Wohin mein Weg letztlich gehen wird, weiß ich nicht, ich versuche im JETZT zu bleiben und den täglichen Anforderungen gerecht zu werden. Ich probiere, mein Vertrauen in den so genannten ?Fluss des Lebens? zu stärken und nicht alles kontrollieren zu wollen. Ich lasse mich überraschen ? schauen wir mal, wo ich damit lande.

NDR-Pressemappe


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