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Heute ist der: 23.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Die gute alte Tante Intuition

Der neueste TATORT des Norddeutschen Rundfunks zeigt deutlich, wo er spielt: in Schleswig-Holstein, rund um Kiel: viele grüne Landschaften, plattes Land und einsame Straßen, wo man nur selten einem Auto und erst recht keiner Menschenseele begegnet. Wälder und Moore mit viel Nebel, ja sogar ein Wolf passen da gut ins Bild. In genauso ein solches Moor verschlägt es Kommissar Borowski bei seinen Ermittlungen.......

Doch Ermittlungen hält Borowski eigentlich erstmal für völlig überflüssig, denn eine Leiche gibt es nicht.
Sie lösen den Fall gemeinsam: Borowski, Schladitz und Klee. Bild:© NDR/Marion von der Mehden
Und nur die interessieren ihn. Erstmal ist nur die 17-jährige Industriellentochter Belinda Strick verschwunden. Kein Mensch hat die Internatsschülerin seither gesehen und weil sie regelmäßig mit ihrem Fahrrad durch dieses Moor fährt, ihr Handy in dieser Zeit ausstellt und niemand weiß, was sie in dieser Zeit tut, nimmt die Polizei an, dass sie auch dort verschwunden ist. Wie angeblich schon viele andere vor ihr....

"Ein Moor ist kein Sumpf!"

Borowski also nimmt Ermittlungen auf, notgedrungen, weil Chef Schladitz nachhilft. Mit Hilfe der sympathischen Psychologin Frieda Jung beginnen sie im Internat (er fährt, sie fliegt dorthin) zu ermitteln und kommen einer Schülerin auf die Spur, die nicht besonders beliebt war bei ihren Mitschülerrinnen. Neidisch waren sie auf Belinda, aber auch böse, denn die schöne Belinda stahl die Tagebücher ihrer Mitschülerinnen und las sie. Wie sie überhaupt viel gestohlen hat - doch dieses und vieles anderes weiß im Gegensatz zum Kommissar der Zuschauer lange vor ihm. Der tappt anfangs erstmal kräftig im Dunkeln - ist es nun Mord oder eine Entführung? Oder ist sie nur abgehauen, so wie die Mitschülerinnen meinen - und hoffen?

Dem Kommissar deutlich voraus

Auf der Fahrt ins Moor.... Bild: © NDR/Marion von der Mehden
Fast schon muss man von einer Leidenschaft des Drehbuchautors Sascha Arango ausgehen, wenn der auch in diesem TATORT den Täter schon zu Beginn verrät: "Als TV-Zuschauer interessiert mich weniger die Frage, wer die Tat begangen hat, als die Frage, was nach der Tat geschieht". Und dies zahlt sich aus. So gewinnt dieser Film die Spannung gekonnt dadurch, dass der Zuschauer dem Kommissar deutlich voraus ist, genau weiß, wie die Dinge sich zugetragen haben und dabei angespannt zusehen kann, auf welche Weise Borowski - wie sollte es in einem TATORT-Krimi anders sein - den Fall peu a peu aufrollt und letztlich auflöst. Und das immer wieder mit überraschenden Momenten. Momenten der Intuition, die Borowski hat und der er immer wieder nachgeht, bis der Fall komplett aufgeklärt ist.

Entführung oder Mordfall, mon Capitaine?

Auf der suche nach dem verschwundenen Mädchen Bild: © NDR/Marion von der Mehden
Natürlich ist immer auch die Psychologin Jung dabei, die alle möglichen Konstellationen beleuchtet und metaphorisch interpretiert, sagt wofür dies und das steht, was es bedeutet und warum etwas so und nicht anders ist. Sie befragt Mitschülerinnen freundlich aber bestimmt, durchsucht mit Borowski das Zimmer der kleinen Belinda und legt mit ihm gemeinsam den Täter rein. Und dann ist da noch Borowskis Chef Kriminalrat Schladitz - der glaubt fest an eine Entführung, Borowski nicht. Daraus ergibt sich ein unterhaltsamer "Zweikampf" zwischen den beiden, eine gewisse Anspannung - ob Schladitz nur sauer ist, weil der Kommissar sein Auto beschädigt hat?

"Spricht denn hier niemand türkisch?"

Während Schladitz den Handyspuren der schönen Belinda folgt, das plötzlich erst in Ankara, dann in Antalya auftaucht und die Zusammenarbeit mit Interpol notwendig macht, glaubt Borowski nicht daran und will sich nicht "weglocken" lassen vom Internat, vom Moor. Er geht stattdessen seiner Intuition nach. Borowski hat sich mittlerweile im benachbarten Kaufhaus umgesehen und glaubt zu wissen, wie es die Internatsschülerin geschafft hat, massenweise Kosmetikartikel zu stehlen - was aber hat dies mit dem Verschwinden des Mädels zu tun? Borowski wird also noch etwas mehr ermitteln müssen, bevor er das Rätsel löst
Borowski und der Wolf. Bild: © NDR/Marion von der Mehden

"Sigmund Freud hätte seine wahre Freude gehabt"

Nicht nur wegen der Psychologin Frieda Jung ist dies ein TATORT, der viele interessante Fragen aufwirft und Antwortmöglichkeiten anbietet. Der Interpretationsspielraum ist groß - so meint auch die Regisseurin Claudia Garde, dass selbst Psychoanalytiker Freud an diesem Film seine wahre Freud gehabt hätte. Der Film liefert viele solcher Bilder, erst das Moor und dann den streunenden, beobachtenden und knurrenden Wolf. Der führe Borowski am Ende quasi doch tatsächlich zur Wahrheit, sagt Garde. Und in der Tat: das Moor, welches sinnbildlich für die menschliche Seele steht, in der alles zu versinken droht und dann unwiderbringlich verloren ist, wenn es das Moor betritt oder dort Eingang findet, trägt schließlich zur Lösung des Falles bei. Die Wahrheit, die in das Moor versunken ist, wird durch den Wolf, durch Borowski wieder an die Oberfläche geholt, und das nicht nur im übertragenen Sinne.

Wie kam es zur Tat?

Die Geschichte des Films wirft auf einer anderen Ebene viel wichtigere Fragen auf, macht den Plot der Internatsschülerin letztlich nur zur Hülse - was ihm aber nicht gerecht würde, denn der Plot ist klasse!. Denn wie Autor Arango zeigen will, wie es nach der Tat weiter geht, ist es genau so wichtig zu wissen, wie es überhaupt zu der Tat kam. Auch dies erklärt der Film demjeningen, der sich diesen Fragen stellt und sie für sich beantwortet, es zumindest versucht. Wie in einer Psychoanalyse quasi: wer die Fragen stellt und sich ihnen stellt, dann die Antworten darauf sucht, findet sie auch - so schmerzhaft sie sein mögen. Wer die Fragen nicht sieht, verdrängt sie womöglich, will sie nicht sehen, weil sie schmerzhaft sind, nicht auszuhalten wären. Genau aus diesem Grund kommt der Vater der verschwundenen Belinda ins Polizeipräsidium und erklärt Borowski, warum er zur Mordkommission kommt, wenn er doch auf der anderen Seite nicht glaubt, nicht glauben will, dass seine Tochter nicht mehr lebt.
Wie im Reifezeugnis: "Sie geht einfach nicht!". Bild: NDR

Parallelen zum Kiel-TATORT mit Kommissar Finke

Der neue TATORT aus Kiel könnte wie die junge Lola am Anfang des Films "der Liebling der Saison werden"; für mich ist er es: ein starker TATORT! Er ist tiefsinnig, klug und unterhaltsam angelegt, nicht zu düster. Niemand, keine Figur kommt zu kurz, alles hat seinen Platz. Borowskis Humor, im Zusammenspiel mit den Kollegen, ja auch mit dem Täter, sind wohldosiert.

Dieser Kiel-TATORT hat - für mich - aber auch einige Parallelen zu den früheren Finke-TATORTen gezogen, die ebenfalls aus Kiel kamen, den Kommissar aber auch aus der Stadt brachten, so wie hier, aufs Land. Die Bilder der Hundertschaft, wie sie das Moor und den Wald mit ihren Polizeihunden durchkämmen, beobachtet vom umherfliegenden Hubschrauber - klare Parallele zum TATORT Nachtfrost. Dann die Waffe am Ende des Films, die ihren Dienst versagt und partout keinen Schuss abgibt, "die einfach nicht will", wie Borowski (und einst Nastassja Kinski) sagt - klare Anleihe beim bekanntesten TATORT überhaupt, dem Reifezeugnis. Und vielleicht hat auch Axel Milberg den Kommissar Finke immer wieder im Hinterkopf, wenn er den intuitiven, auf seine Art verbissen-zielstrebigen Borowski ruhig und fast nebenbei spielt, ihn geradezu "unterspielt", wie einst dessen Darsteller Schwarzkopf immer sagte....

Francois Werner


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