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Heute ist der: 18.11.2019. --> Bis heute wurden 1122 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Facettenreich

Gespräch mit Regisseurin Ute Wieland

"Fettkiller" ist ihr erster "Tatort". Hat es Ihnen Spaß gemacht?
Ja. "Tatort" an sich ist ja ein Stück deutscher Fernsehgeschichte und Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe beobachte ich schon seit vielen Jahren und halte sie für ein tolles Gespann. Ich habe mich sehr gefreut, als es terminlich endlich geklappt hat, und die-se Freude hat sich dann auch bestätigt, auch in der Zusammenarbeit mit dem enga-gierten Team des Senders.

Gewichtskontrolle, ohne das Essen einschränken zu müssen, diesen Wunsch werden - gerade in der Zeit nach Weihnachten - sicher viele Zuschauer nachempfinden kön-nen. Welche Bedeutung hat ein solches Thema für einen Tatort?
Wichtig ist natürlich erst einmal, dass der Film spannend ist, die Figuren interessieren und die Zuschauer an des Rätsels Lösung interessiert sind. Aber damit man nach dem Sehen das Gefühl hat, dass es sich gelohnt hat, neunzig Minuten seines Lebens damit zugebracht zu haben, ist auch ein Thema von Bedeutung. In unserer westlichen Welt, wo niemand aus reinem Hunger isst, wo die Menschen zuviel essen oder das Essen ganz verweigern, wo soviel darüber geredet wird, was gesund ist und nach Er-gebnissen des Max-Planck-Instituts trotzdem die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer übergewichtig sind, ist das "Fettkiller"-Thema nicht nur spannend, sondern auch wichtig. In Zeiten des Überangebots, in denen wir uns alles aussuchen können, sagt uns der Körper nicht mehr, was wir brauchen. Die meisten Menschen haben gar kein natürliches Sättigungsgefühl mehr. Andererseits ist unser Schönheitsempfinden ganz anders als in anderen Jahrhunderten, wir finden ja schön, ganz dünn zu sein. Wenn man sich mal in einem Museum umschaut, sind wir dagegen alle Hungerhaken.

Interessanterweise fällt bei diesem Tatort auf, wie sehr die Figur Lena Odenthal mit gesundem Leben verbunden ist, ganz anders als die meisten anderen Fernsehkom-missare. Nicht nur in ihrer Sportlichkeit, auch was das Essen betrifft.
Das war auch die Idee. Dass sie die Gesunde ist, diejenige, die auf sich hört. Ich habe ja versucht, verschiedene Varianten des Essens zu zeigen: das Model, das meint al-les essen zu können und bei dem die Gier und das Unmaß eine große Rolle spielen. Der Professor, der ein Genießer ist, ein Schlemmer, und dabei auch übertreibt, viel-leicht weil er sich sagt, dass es ja den Fettkiller gibt. Kopper, der immer versucht zu kochen, aber nicht zum Essen kommt. Das kennen ja sicherlich viele Leute aus ihrer eigenen Arbeitswelt, dass sie eigentlich gutes Essen lieben und sich in Ruhe hinset-zen wollen, aber die Hektik des Alltags das nicht zulässt und man sich irgendetwas in den Mund schiebt. Auch das ist eine Facette unserer Essgewohnheiten. Dazwischen ist Lena diejenige, bei der man das Gefühl hat, dass sie instinktiv weiß, was gut für sie ist. Sie ist natürlich.

Agata Buzek hat nicht zum ersten Mal ein Model gespielt, war das der Grund für Sie, sie zu besetzen?
Ich habe "Valerie" gesehen und fand sie zunächst einmal physisch außerordentlich geeignet für die Rolle. Außerdem hat Agata Buzek eine ganz außergewöhnliche Ka-merapräsenz. Sie ist eine ausgezeichnete Schauspielerin, die sehr eigen ist und sich dem Gedächtnis einprägt. Sie hat auch die große Bandbreite an Gefühlen, die Kristina durchlebt, wunderbar bewältigt und mich immer wieder fasziniert, so dass ich manch-mal fast vergessen hätte, den Take zu beenden ? Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass Ulrike Folkerts nicht hintanstehen muss. Sie ist neugierig, auch Wege zu beschreiten, die nicht die ausgetretenen Pfade sind und kann das hervorragend umsetzen, differenziert und mit allen Feinheiten, das hat mich sehr begeistert. Sie hat eine große Spielfreude und wenn man nicht zu großen Respekt vor der Erfahrung hat, sondern sich traut, sie herauszufordern, passiert sehr viel.

In "Fettkiller" wird die ja nicht unbekannte Konstellation, dass die Kommissarin sich um eine Verdächtige/ein Opfer sorgt und sich um sie kümmert, auf interessante Weise variiert, wenn Kristina der Kommissarin gegenüber geradezu distanzlos wird und Lena sich fragt, was sie da herausgefordert hat.
Das ist eine der Chancen, die das Drehbuch bot, der Kommissarin auch Facetten zu geben, wo sie sich verrennt, wo sie vielleicht irrt, wo sie verunsichert wird. Es passie-ren Grenzüberschreitungen und die Sorge mischt sich mit der beruflichen Anforde-rung, einen kühlen Kopf zu bewahren und der Frage, ob sie vielleicht dabei ist, sich manipulieren zu lassen. Wo muss ich eine Grenze ziehen und wo würde ich mir ande-rerseits Vorwürfe machen, dass ich mich nicht genug gesorgt habe? Das ist eine spannende Gratwanderung, die Ulrike zu spielen hatte.

Die Welt der Models bestimmt die Ästhetik des Films, das Gesehenwerden, Fotogra-fiertwerden. Aber weniger der Glamour ist das Ziel als die Irritation?
Wir wollten beides. Wir wollten auch, dass es sich verschiebt. Einerseits wollten wir natürlich etwas den Glamour spiegeln, auch eine gewisse Stilisierung in der Fotogra-fie, die die Modefotografie ja immer mit sich bringt. Zunehmend sollte es sich aber, wie das auch in der Geschichte und mit den Figuren passiert, in Richtung Kriminalität verschieben, auch in Richtung der Störung, die die Episodenhauptfigur hat. Das ha-ben wir versucht, mit der Kamera auszudrücken. So gibt es z. B. am Anfang ein Shoo-ting, das noch relativ hell und klar ist, mit klaren Farben. Dann geht es immer mehr in eine etwas morbidere Welt mit gebrochenen Farben, die auch etwas mit der psychi-schen Störung zu tun hat. Wir haben uns Bilder von Francis Bacon angesehen, der ja berühmt dafür ist, dass er solche gestörten inneren Zustände gemalt hat, haben uns auch seine Farben angesehen. Ganz klar dagegengesetzt haben wir das Präsidium, das eine klare Struktur hat und ein klares ruhiges Blau, sowie die Pharmawelt, die eher schwarz-weißen Charakter hat. Die sollte gerade nicht dunkel und undurch-schaubar sein, sondern ganz hell, relativ transparent und relativ kühl, aber so, als ob sie auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas zu verstecken haben. Da ironisieren wir auch ein wenig, ohne dass der Zuschauer es unbedingt erkennen muss, dass im Um-gang mit der Pharmaindustrie häufig ein Schwarz-Weiß-Denken vorherrscht.

SWR-Pressemappe


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