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"Kein Weihnachtsfilm"

Am 22.12.2007 schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau:

Das meiste, worüber derzeit gesprochen wird, findet sich in diesem "Tatort" wieder. Erstens ist Charlotte Lindholm inzwischen sichtbar schwanger, muss sich also alle, auch die übereifrige Fürsorge gefallen lassen. Und den Vorwurf abwehren, sie sei schon vorgeburtlich eine Rabenmutter, weil sie noch arbeiten will. Zweitens geht es um Glaubensrichtungen des Islam, um so genannte Ehrenmorde, um junge deutsch-türkische Frauen, die sich zwischen allen Stühlen wiederfinden.

Drittens geht es um Vorurteile - in alle Richtungen: Hat Lindholm Vorurteile gegen die Arbeit des Kollegen Attila Aslan? Trägt er Ermittlerscheuklappen, weil er türkischer Herkunft ist? Oder weil er ein Mann ist, und es um eine tote Frau geht? "Nur" eine Frau, wie eine erboste Lindholm ihm vorwirft. Die selbst dann noch über diesen Fall redet, wenn der treue WG-Genosse Martin gerade Schwangerschaftsgymnastik mit ihr macht. (...)

Angelina Maccarone, die das Buch geschrieben hat und Regie führt, macht einerseits etwas zu offensichtliche Anstrengungen, in nur ja keine Klischee-Falle zu stolpern. Andererseits bewegt sie sich nicht ganz unelegant über das thematisch schwierige Gelände.

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung schreibt Frank Kober am 22.12.2007:

Torsten Michaelis gibt als Stefan Bitomsky den neuen (und ziemlich fiesen) Chef unserer ?Tatort?-Prinzessin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Aber das ist nur die geringste aller Aufregungen in diesem heiklen Krimi. Denn eigentlich dreht sich natürlich alles um unsere schwangere Blondlocke mit der Lizenz zum Schießen. Und um ein trauriges Kapitel deutsch-türkischer Lebenswirklichkeit. Da spielt eine Nebenrolle eben nur eine Nebenrolle. So, wie das Salz in einer sorgfältig angerührten Suppe.

Angelina Maccarone (Buch, Regie) wollte schon immer einen ?Tatort? drehen. Nun hat sie der NDR erhört und beauftragt. Zu Recht, denn die 40-jährige ? vor allem unter Cineasten für ihren glitzerlosen, aber intensiven Filmstil geschätzt (?Fremde Haut?, 2006 Goldener Leopard von Locarno für ?Verfolgt?) ? sie scheint das richtige Kaliber für Charlottes neuen Fall mitzubringen. Versteht sie es doch, die privaten und beruflichen Querelen der schwangeren Lindholm mit dem Clinch in einer deutsch-türkischen Familie gefühlsecht zu verbinden.  (...)

Maccarone weiß, dass man mit einem Krimi wie diesem viel Porzellan im deutsch-türkischen Selbstverständnis zertrampeln kann. Aber mit der ihr eigenen Souveränität entwickelt sie ein unspektakuläres, aber berührenderes Drama, in dem vor allem die Furtwängler als Dolmetscherin zwischen den Welten zu überzeugen weiß. Ihre schwangere Charlotte vermag tatsächlich das brisante Thema zu erden. Eben ? eine Sache des Bauchgefühls. Wie der ganze Film.

Sascha Müller schreibt auf tvblogger.de am 22.12.2007:

Ein Film, der den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute an den Sessel fesselt. Deutsch-türkische Verhältnisse werden aufgegriffen, es wird auch viel türkisch gesprochen. Nur das stört nicht so wirklich. Wenn ich den ?Tatort? benoten müsste, würde ich dies mit einer 2 tun. Abwechslungsreich und über weite Strecken kein Stück langweilig, wie man es bei anderen Filmen dieses Formats schon gesehen hat.

Barbara Sichtermann schreibt am 23.12.2007 im Tagesspiegel:

Gern denkt man bei dieser Geschichte (Buch und Regie: Angelina Maccarone) an die mutmaßlich erste Filmkommissarin, die in guter Hoffnung und fantastischer Ruhe ihre Arbeit tut, wie sie die Brüder Coen in ihrem Film ?Fargo? inszeniert haben. Da stapft die Hochschwangere durch den Schnee, durch nichts von ihrer Spur abzubringen und auch durch brutalste Blutbäder kaum zu erschüttern, ein harter Fels in der Brandung des Verbrechens ? trotz Schwangerschaft. Oder deswegen? Die schöne Coolness, die Furtwängler als Lindholm in ?Wem Ehre gebührt? an den Tag legt, ist ihr ja immer eigen. Diesmal aber steht ihre Unerschrockenheit all des Ärgers wegen, der da anbrandet, auf dem Prüfstand. Und sie besteht die Prüfung. Man kommt auf denselben Gedanken wie bei ?Fargo?: dass Schwangere keineswegs die rundum schonungsbedürftigen Sonderfälle sind, die man in Watte packen muss, sondern durchaus belastbare Menschenwesen. Weil sie, wie es ihrem Zustand entspricht, besonders zielbewusst sind.

Das Milieu, in dem sich Lindholm ermittelnd bewegt, ist das der türkischen Migranten ? und hier ist nichts so, wie es scheint. Die Drehbuchautorin Maccarone, die ja auch Regie führt, hat viel von dem hineingepackt, was die Republik seit Verschärfung der Integrationsdebatte bewegt: religiöse Zwistigkeiten, Verdacht auf Ehrenmord, die Probleme der väterlichen Vor- und Allmacht. Doppelgesichtig agiert Hilmi Sözer als Patriarch Aka Özkan, verschlagen Aylin Tezel als seine Tochter Selda. Charlotte nimmt die Kopftuchträgerin, die sehr viel betet, bei sich auf und kommt schließlich hinter ihr Geheimnis. Erfrischend, wie sie das Mädchen zusammenstaucht: ?Hör auf mit dem heiligen Getue.?

Schon daran merkt man, dass ?Wem Ehre gebührt? kein Weihnachtsfilm ist. Es ist ein gelungener ?Tatort? in einem unwirtlichen Hannover. Und das ist bei dem hohen Maß an Weihnachtlichkeit in den Medien eine sehr angenehme Abwechslung.

Kino.de schreibt:

"Wem Ehre gebührt" bezieht seinen großen Reiz aus gleich einem doppelten Zusammenprall: Giftigster Kontrahent am Arbeitsplatz ist der türkische Kollege Attila Aslan (Mehmet Kurtulus), der hinter jeder Äußerung Lindholms gleich ein Vorurteil wittert und ihr als Frau ohnehin nur wenig zutraut. Gleichzeitig wird die Ermittlerin mit der ihr völlig unvertrauten türkischen Kultur konfrontiert; dass die Türken untereinander immer wieder in ihre eigene Sprache verfallen, unterstreicht den Eindruck der Fremdheit noch. Ein fesselnder, wenngleich mitunter allzu vorsätzlich verwirrender "Tatort", der außerdem einen Vorgeschmack gibt: Im Herbst 2008 wird Kurtulus seinen Job als neuer Hamburger "Tatort"-Kommissar Cenk Batu antreten.

Zusammenstellung: Tobias Berger



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