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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Das türkisch-deutsche Milieu weckt beim Zuschauer, aber auch bei Charlotte Lindholm, bestimmte Erwartungshaltungen?

Gespräch mit Autorin und Regisseurin Angelina Maccarone

 
Die ?Tatorte? mit Maria Furtwängler sind Quotenhits. Kam da beim Schreiben oder Regie-Führen Nervosität bei Ihnen auf?
Nein. Man weiß letztlich nicht,wovon die Einschaltquote abhängt.Vermutlich aber stark von der Hauptdarstellerin. Also kann ich beruhigt sein ? Maria Furtwängler spielt auch in meinem ?Tatort? die Hauptrolle. Sollte der also ebenfalls eine gute Quote haben,werde ich auf dem Teppich bleiben.

Sie haben sich mit außergewöhnlichen, teils preisgekrönten Kinofilmen einen Namen gemacht.Warum haben Sie das Angebot für einen ?Tatort? angenommen?
?Tatort? ist für mich einfach Kult ? seit meiner Kindheit. Ich wollte schon immer mal gerne einen ?Tatort? machen. Deshalb habe ich mich sehr über den Auftrag gefreut.

War es Ihr Wunsch, neben der Regie auch das Drehbuch zu übernehmen?
Es war umgekehrt. Ich wurde als Drehbuchautorin angefragt und habe dann den Wunsch geäußert,mein Drehbuch auch zu inszenieren. Ich fand es reizvoll, beides zu machen.

Wie meist bei Ihren Kinofilmen, oder?
Ja richtig. Nur bei ?Verfolgt?...

... Ihrem Drama über eine sado-masochistisch geprägte Beziehung, das 2006 den Goldenen Leoparden beim Filmfestival von Locarno gewann ...
... habe ich nicht das Drehbuch geschrieben. Ich bin offen für Drehbücher anderer Autoren, wenn ich das Gefühl habe, dass ich der Geschichte durch meine Regie eine spannende Facette hinzufügen könnte. Ich möchte keinen Film drehen, nur um einen Film zu drehen, brauche etwas, das mich interessiert, das mich packt. Eine Filmregie bedeutet mindestens ein halbes Jahr intensiver Arbeit, inklusive Vorbereitung und Schnitt. Ich möchte meine Lebenszeit nicht mit einem Projekt füllen, dessen Resultat ich mir später nicht selbst im Fernsehen oder Kino anschauen würde.

Zurück zu Ihrem ?Tatort?: Weil sie im fünften Monat schwanger ist, wurde Kommissarin Lindholm zum Innendienst beim Landeskriminalamt in Hannover abkommandiert. Erleben wir eine Ermittlerin, der plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde?
Ich würde sagen:Auf Grund ihrer Schwangerschaft werden ihr Grenzen gesetzt. Für den Mutterschutz gibt es einerseits Regeln, andererseits aber auch Ermessensspielräume, mit deren Hilfe Lindholms neuer Vorgesetzter Bitomsky versucht, sie zu domestizieren. Ich finde es spannend, den Blick darauf zu richten, wie eine Schwangere in unserer Gesellschaft behandelt wird.

Ihr LKA bietet alles andere als ein Wohlfühl-Ambiente: Großraumbüros, kahle Wände, Mitarbeiter zwischen Stechuhr und ständigem ?Mahlzeit?-Gegrüße. Zeichnen Sie eine Karikatur?
Waren Sie einmal bei der Polizei? Als mir kürzlich mein Fahrrad gestohlen wurde, habe ich auf einem Polizeirevier Anzeige erstattet ? dort sah es noch viel trostloser aus als in meinem ?Tatort?-LKA.

Inwiefern?
Nehmen Sie allein die Ausstattung. Sie ist von High-Tech sehr weit entfernt. Dafür reicht der Etat der Polizei schlicht und einfach nicht aus. Daher empfinde ich es als pure Verfälschung,wenn deutsche TV-Produktionen Polizeireviere wie in US-Produktionen zeigen, die von bläulichem Licht durchtränkt und mit Monitoren vollgestellt sind. So etwas wirkt albern, wenn man weiß, wie es bei deutschen Behörden aussieht, und ich empfinde diese Wichtigtuerei eher langweilig.Wahrscheinlich gibt es diese hochtechnisierten Reviere nicht einmal in den USA.

Als Herrn im Haus erleben wir den neuen Chef Bitomsky, der sich auf die Mutterschutzvorschriften beruft, um Kommissarin Lindholm an die kurze Leine zu nehmen. Gibt?s dieses Regelwerk wirklich?
Ja, die ?Mutterschutz Richtlinien Verordnung?, genauso wie in unserem Film abgekürzt als ?MuSchRiV?. Die regelt, was einer schwangeren Frau und ihrem ungeborenen Kind zugemutet werden darf. So sollte eine werdende Mutter ab dem sechsten Monat nicht eingesetzt werden, wenn es im Polizeidienst gefährlich wird.Was als ?gefährlich? gilt, entscheidet der Vorgesetzte.

Schließen sich die Männer im LKA eigentlich gezielt gegen Frau Lindholm zusammen?
Frau Lindholm war immer schon eigenwillig und einzelgängerisch unterwegs. Da kann sie nicht erwarten, dass sie mit offenen Armen aufgenommen wird.
Darüber hinaus haben die Kollegen vom LKA aber ? wie Männer in anderen Berufsfeldern auch ? ganz offensichtlich den Eindruck, dass sie für manche Dinge per se besser geeignet sind als die Frauen.Wenn die Frau nun beweist, dass sie es genauso gut oder sogar besser kann, ist die männliche Eitelkeit gekränkt und es entsteht ein enormer Konkurrenzdruck.

Die Rivalität verschärft sich nach dem Tod der jungen Deutsch-Türkin Afife. Die LKA-Männer wollen ihre laufenden Ermittlungen um illegale raubkopierte Computerspiele weiterverfolgen, haken den Todesfall schnell als Selbstmord ab, Lindholm akzeptiert das nicht.Versuchen die Herren jetzt, Charlotte Lindholm mit Sachargumenten auszubremsen?
Sie verzichten auf hinterlistige Intrigen, aber ständig nehmen sie sich heraus zu kommentieren,was für eine schwangere Kommissarin gut oder nicht gut ist. Schwangersein und Kommissarin passt für viele nicht zusammen, ist eine Art Oxymoron. Im Kino hat vor einigen Jahren der Film ?Fargo? von Joel und Ethan Coen versucht, dieses Klischee aufzubrechen. Frances McDormand überrascht hier als schwangere Polizistin, die trotzdem ?ihren Mann steht?.

Allein gegen alle, heißt es also für Lindholm?
Zum Glück nicht ganz. Mit ihrem deutsch-türkischen Kollegen Attila Aslan,den Mehmet Kurtulus spielt, entwickelt sich eine freundschaftliche Zusammenarbeit. Sie droht allerdings schon wieder zu zerbrechen, weil Frau Lindholm sich nicht an die Grenzen hält, die Herr Aslan ihr setzen möchte ...

Afifes Tod führt Charlotte Lindholm und die Zuschauer hinein in den Kosmos der deutsch-türkischen Familie Özkan. Ist Kommissarin Lindholm eine Art Fremdenführerin für uns in diese teilweise fremde Welt? Sie meinen für diejenigen von uns, die nicht türkischdeutsch sind. Für Charlotte Lindholm ist diese Welt fremd. Sie nähert sich mit einem durch und durch deutschen Blickwinkel dieser Migrantenfamilie. Da sie kein Türkisch spricht, ist sie ausgeschlossen, wenn die Familienmitglieder im Gespräch untereinander in ihre Muttersprache wechseln.

So läuft das vermutlich in vielen deutschen-türkischen Familien, oder?
Ich fände es künstlich, wenn diese Familie untereinander ausschließlich deutsch sprechen würde. In den Familien, die ich kenne, wird manches auf Türkisch und manches auf Deutsch verhandelt, in einem ständigen Wechsel zwischen beiden Sprachen.

Übersetzen Sie diese Gespräche in Untertiteln?
Nein. Ich habe beim Drehbuch allerdings darauf geachtet, dass Zuschauer, die kein Türkisch sprechen, die Geschichte trotzdem verstehen. Es werden also auch keine zentralen Geheimnisse für die Handlung in diesen Gesprächen verraten.

Kann der Todesfall Afife so nur im deutsch-türkischen Umfeld geschehen?
Nein. Mir ist es wichtig, dass dieser Fall in jeder Familie passieren kann. Das türkisch-deutsche Milieu weckt beim Zuschauer, aber auch bei Charlotte Lindholm,bestimmte Erwartungshaltungen. Ich setze bei diesen Erwartungen an, um Lindholm einige Male in die Irre laufen zu lassen und um beim Zuschauer einen wie ich hoffe umso größeren Überraschungseffekt zu erzielen. Sowohl Charlotte als auch ihr türkisch-deutscher Kollege Aslan kämpfen mit ihren Urteilen und Vorurteilen, die sie beide blind für bestimmte Wahrheiten halten. Gerade dies fand ich reizvoll.Xenophobie ist in Deutschland immer noch ein großes Thema, obwohl mittlerweile selbst die CDU anerkennt, dass wir ein Einwanderungsland sind.

Wollten Sie eine deutsch-türkische Familie zeigen, mit der die Zuschauer besonders gut mitfühlen können?
Mein Ziel ist es immer, Figuren so zu zeichnen, dass man sie nachvollziehen und mit ihnen fühlen kann. Ich bin davon überzeugt, dass Geschichten auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand immer über Emotionen und emotionale Identifikation funktionieren, auch in einem ?Tatort?.

Familienvater Aka Özkan etwa ist alles andere als ein türkischer Pascha oder Macho, also weit entfernt von den gängigen Klischees.
Ja, auf jeden Fall.Wenn immer nur eine Sicht der Dinge gezeigt wird, verfestigt sich diese zu einer Sichtweise, die vielleicht einer Wahrheit, aber nicht der Wahrheit entspricht. Sie gerinnt zu einem Klischee ? und Klischees werden der Komplexität des Menschseins nicht gerecht. Das Bestreben kann doch immer nur sein, den eigenen Blick zu erweitern.Auch wenn es um deutsche Familien geht, möchte ich von menschlichen Untiefen überrascht werden. Es langweilt mich zu Tränen, wenn ich schon ab der ersten Minute weiß, wie Filmfiguren ticken. So nehme ich Menschen nicht wahr. Ich nehme Menschen als drei- vier- oder fünfdimensional wahr.

Sprechen Sie mit Ihrem ?Tatort? ganz gezielt deutschtürkische Zuschauer an?
Mein ?Tatort? ist in erster Linie ein Krimi und keine Reportage über deutsch-türkische Familien in Deutschland. Er soll im besten Fall alle Zuschauer ansprechen ? und ich glaube, dass ?Tatort? unabhängig von Nationalität gerne geguckt wird.

Ihr ?Tatort? trägt den Titel ?Wem Ehre gebührt?.Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?
Nach dem Tod der jungen Afife vermutet Charlotte Lindholm, dass hier ein Ehrenmord als scheinbarer Selbstmord vertuscht werden soll.

In Ihrem Kinofilm ?Fremde Haut? geht es um eine lesbische Iranerin, die als Mann verkleidet aus dem Land flieht,weil Homosexualität im Iran unter Todesstrafe steht. Liegt Ihre Triebfeder als Regisseurin und Autorin auch darin,Tabus anzupacken und zu brechen?
Tabubruch klingt nach Sensation. Darum geht es mir nicht. Es geht mir eher darum, den Blick auf Menschen zu verfeinern. Nachdem viele Tabus abgebaut oder gebrochen wurden, ist es mittlerweile doch fast wichtiger, einige notwendige Tabus wieder aufzubauen, wenn sie als sinnvolle Schutzmaßnahmen innerhalb einer Gemeinschaft fungieren.

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