Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Innendienst, Schwangerschaft und Ehrenmord

Charlotte Lindholm ist schlecht gelaunt - sie ist im fünften Monat schwanger und daher in den Innendienst versetzt worden. Mit den Kollegen vom LKA in Hannover ist sie einer Bande illegaler Raubkopierer, die gefälschte Computerspiele verkauft, auf der Spur. Aber selbstverständlich lässt sich eine Charlotte Lindholm nicht hinter Aktenberge abkomandieren! Die Kommissarin ermittelt gegen die ausdrücklichen Anweisungen des neuen Staatsanwalts in einem Todesfall, den die Kollegen als Selbstmord zu den Akten legen.

Bild: NDR/Christine Schroeder

Ein schwangere Kommissarin, die "ihren Mann" steht

Nach dem Vorbild der Kommissarin in "Fargo"- einem Film der Coen Brüder - wollte die Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone im Tatort "Wem Ehre gebührt" eine Ermittlerin zeigen, die trotz Schwangerschaft "ihren Mann" steht.
Leicht fällt dies der sonst so toughen Charlotte Lindholm diesmal allerdings nicht. In der Tristesse ihres neuen Großraumbüros muss sie mühsam die Regeln der deutschen Bürokratie erlernen, sich als teamfähig erweisen und den Machismus ihrer neuen Kollegen ertragen. Allen voran macht der neue Staatsanwalt, in dessen Ermessen die Umsetzung der MuSchRiV (Mutterschutz Richtlinien Verordnung) liegt, Charlotte das Leben schwer. Insgesamt wirkt die Darstellung von Charlottes neuem Büroalltag zwar etwas überzeichnet, jedoch nimmt man Furtwängler dadurch auch die schwachen und verletzbaren Seiten der starken und sonst so wehrhaften Kommissarin ab.

Kampflos aufgeben und sich dem Innendienst-Schicksal hingeben, kommt für Charlotte jedoch keinesfalls in Frage. Daher leitet sie die Meldung über einen Leichenfund nicht erst an ihre Kollegen weiter, sondern begibt sich selbst zum Tatort. Die Tote ist Afife, eine junge deutsch-türkische Frau, die offensichtlich Suizid begangen hat. Nur Charlotte, die einen entsprechenden Hinweis von der Schwester der Toten erhält, glaubt nicht an Selbstmord und nimmt die Ermittlungen auf.
Bilder: NDR/Christine Schroeder

Das Spiel mit den Erwartungshaltungen

Das deutsch-türkische Milieu weckt nicht nur bei Charlotte Lindholm, sondern auch beim Zuschauer eine gewisse Erwartungshaltung, mit der die Regisseurin gekonnt umgeht. Durch das Gefühl der Fremdheit gegenüber der türkischen Kultur und Sprache nimmt der Zuschauer sofort die gewohnte Sichtweise der Kommissarin ein, deren gängigen Klischees vertraut erscheinen. Geschickt wird einem dabei die Eingeschränktheit des eigenen Blickwinkels vor Augen geführt. Und so wird der Tod Afifies sofort mit einem Ehrenmord assoziiert. Jedoch lässt sich weder der Bruder noch der Vater der Toten dabei auf die dabei gängigen Klischees reduzieren. Die Figuren sind auf geniale Art und Weise so vielschichtig angelegt, dass der Zuschauer seine vorgefertigte Meinung mehrmals revidieren und überdenken muss. Überraschungseffekte, die dem Fall dabei interessante Wendungen verschaffen, bleiben nicht aus.

Als Gegenpol zu Lindholms eingeschränktem Blick fungiert auch der türkische Kollege Attila Aslan, gespielt von Mehmet Kurtulus, der ab Herbst 2008 als Tatort-Kommissar Cenk Batu in Hamburg Robert Atzorns Erbe antreten wird. Jedoch vertritt auch Aslan im Todesfall Afife keine neutrale Position - auch er ist vorurteilsbehaftet und möchte, wie Charlotte, nur die eigene Wahrheit sehen. Xenophobie - die Angst vor dem Fremden - wirft er seiner Kollegin Lindholm vor - ein Problem, mit dem sich alle in Deutschland lebenden Menschen, so die Regisseurin, ernsthaft auseinandersetzten sollten. Eine Botschaft, die Maccarone auf adäquate Weise in "Wem Ehre gebührt" unterbringt. Denn ganz ohne übertriebenen Zeigefinger oder didaktischen Ansatz schafft sie es, eine Geschichte zu erzählen, die für gegenseitiges Verständnis wirbt. Und vielleicht ist dieser Tatort dadurch nicht nur für Maria Furtwängler "ein kleiner Einführungskurs in die türkische Welt - eine Welt, die uns zum Greifen nah ist und doch fremder nicht sein könnte".

Eine schwangere Kommissarin im Berufsalltag des Polizeidienstes und Migration in Deutschland - zwei komplexe Themen, aus denen in diesem Fall ein spannender Krimi entsteht. Vielleicht sogar einer der Besten in Lindholms Post-Tobias-Ära.

Katharina Gamer


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3