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Heute ist der: 06.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Im Inneren der Familie spielt sich das grausame Geschehen ab"

Am 14.12.2007 schreibt Cordula Dieckmann in der Lausitzer Rundschau:

Regisseur Filippos Tsitos zeichnet in seinem vierten «Tatort» sensibel und mit viel Gespür für die leisen Töne das Porträt einer einsamen jungen Frau, die immer mehr unter Druck gerät, auch wenn sie nach außen hin gut funktioniert. Als alles zu viel wird, wird Anne plötzlich ganz ruhig und gerät in eine Art Traumzustand, in dem sie ihre ganzen Probleme samt ihrem Sohn ausblendet und leugnet. Für kurze Zeit schnuppert sie in das unbeschwerte Leben eines Teenagers hinein und bringt am Ende nicht mehr die Kraft auf, in ihren Alltag zurückzukehren. Janina Stopper verleiht Anne eine anrührende Mischung aus Kampfgeist, Zerbrechlichkeit und Naivität. Überzeugend ist auch der sechsjährige Felix von Opel, der die schwierige Rolle des vernachlässigten Tim mit großer emotionaler Bandbreite spielt.

Tsitos nimmt sich viel Zeit, um die Geschichte zu entwickeln. Es sind weniger die Worte, als vielmehr die Blicke und Gesten, denen er Raum gibt. Details rückt er groß ins Bild und lenkt den Blick so auf Dinge, die nur scheinbar nebensächlich sind - so wie versteckte Hilferufe, die in der Hektik des Alltags viel zu oft überhört werden.

Judith von Sternburg schreibt in der Frankfurter Rundschau am 15.12.2007:

Als Kriminalfilm ist der neue Tatort aus München ein Flop. Ein Mensch stürzt unglücklich, und die Polizei soll feststellen, wie das passiert ist. Jeder muss selbst entscheiden, wie lange er noch auf einen Überraschungscoup im Drehbuch von Stefanie Kremser wartet. Als Sozial- und mehr noch als Psychodrama ist der erste Post-Carlo-Menzinger-Tatort aber ein ganz ungewöhnlicher Fall. (?)

Unsere beiden Lieblingskommissare Batic und Leitmayr, Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, spielen dabei Nebenrollen. Das Münchner Kolorit, das in den vergangenen Folgen so durchschlug, entfällt weitgehend. Dafür gibt es ein Kabinettstück mit einem Fußball-Platzwart, bei dem es sich überraschenderweise um den bekannten Kabarettisten Django Asül handelt. Er hat etwa zwei Minuten, und er nutzt sie. Die Kommissare selbst, kaum in Großaufnahme zu sehen, diesmal ganz auf der anderen Seite, kommen nur kurz dazu, Scherze über Carlo zu machen und ein wenig zu eifersüchteln. Warum bekommt Batic immer die Postkarten?

Pech hat, wer gewohnheitsmäßig diesen und jenen verdächtigt, irgendwas mit irgendwas zu tun zu haben. Man kommt sich dann hinterher ziemlich dumm vor.

Frank Kober schreibt am 15.12.2007 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung:

Stefanie Kremser (Buch) will mit ihrer Geschichte einen ?Extremfall? durchspielen und ?in einer Momentaufnahme die Spirale von sich anhäufenden Überforderungen rekonstruieren?. Und geht es ihr dabei weniger um eine Generalkritik am deutschen Wohlfahrtsstaat, der sich mit Jungmädchenmüttern wie Anne manchmal schwer tut, so künden doch gerade die aktuellen Schlagzeilen von der Dringlichkeit, sich des Themas auch künstlerisch anzunehmen. Horrorgeschichten von verdursteten Kindern, toten Babys im Müll oder im Tiefkühlfach. Schnell wickelt sie daher den eigentlichen Kriminalfall ab ? Anne schubst die Schwester ihres Ex eine Böschung hinab, wo sie unglücklich aufschlägt und stirbt -, um sich dann voll auf die Seelenkämpfe ihrer Heldin zu konzentrieren. Bis hin zu einer letzten Verzweiflungstat.

Schade nur, dass Regisseur Filippos Tsitos daraus viel zu wenig Ka-pital für seinen Krimi schlägt und die brisanten Ermittlungen zu einem zähen Brei aus Fragen und Antworten verrührt. Das nervt. Was auch Wachtveitl und Nemec anzusehen ist, denen die väterliche Samariterrolle wenig schmeckt. Zum Glück erweist sich Janina Stopper als Idealbesetzung, denn sie verleiht ihrer Anne absolute Glaubwürdigkeit ? zwischen Unschuldslamm mit rollenden Augen und verzweifelter Selbstverleugnung. Klasse! So sieht am Ende alles danach aus, als hätten die Münchner ?Tatort?-Macher mehr als nur das Problem mit dem abhanden gekommenen Balljungen Carlo. Ja, es sieht so aus, als müssten sich Leitmayr und Batic nach 48 gemeinsamen ?Tatorten? neu erfinden. Das Zeug dazu haben sie allemal. Und Zeit bis zur TV-Rente bleibt auch genug: Also heißt es: Mut zur Veränderung!

Im Tagesspiegel schreibt Thilo Wydra am 15.12.2007:

Regisseur Filippos Tsitos, der mit ?Kleine Herzen? seinen dritten Münchner ?Tatort? nach ?Wolf im Schafspelz? (2001) und ?Sechs zum Essen? (2004) inszeniert hat, und Drehbuchautorin Stefanie Kremser, die mit Tsitos bei allen drei ?Tatorten? des Bayerischen Rundfunks zusammenarbeitete ? sie haben hier einen ganz stillen, leisen Fernsehfilm geschaffen, in dem nur wenig Äußerliches passiert. Außen drückt die Münchner Sommerhitze. Im Inneren der Familie spielt sich das grausame Geschehen ab, das in den Blicken ihrer Mitglieder liegt. Sie alle sitzen auf einem Pulverfass, leben in einem Druckkessel, stehen an einem Abgrund.

Als Tim sich nach einem Streit einmal von seiner Mutter Anne losreißt, über die leere abgelegene Straßenkreuzung rennt und just in diesem Moment ein viel zu schnell fahrendes Auto kommt, da schließt Anne nur die Augen und bleibt abwartend stehen. Sie tut nichts, sie agiert nicht, sie kümmert sich nicht. So, als wünschte sie sich, dass etwas passiert ist. Was ist mit dem Kind, mit Tim? Ein quälendes Bild, das die Kameraeinstellung hält. Ein Bild voller Kälte. Dann entfernt sich die Kamera, und man sieht Anne starr stehend, Tim klammert sich um ihre Beine. Sie reißt seine Arme weg und geht mit ihrem Sohn nach diesem erschreckenden Moment weiter. Sie gehen nicht miteinander, sondern ohneeinander.

Anne, einst Opfer, wird selbst zur Täterin. Eine Sequenz dieses Films, die die Tragik dieser Familie erzählt. In filmischem Minimalismus, ohne jeglichen Aufwand. Das hat etwas Bewegendes. Etwas Schockierendes.

Zusammenstellung: Tobias Berger



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