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Anne - gewitzt und begnadet verlogen: Momentaufnahmen der Überforderung

Hintergrund zum Film von Drehbuchautorin Stefanie Kremser

Anne Kempf, Bild: BR/Avista Film/klick/Christian A.Rieger
Als Tochter einer jungen Mutter, die 1967 mit 18 noch als minderjährig galt, wuchs ich in Brasilien in Glück und Wohlstand auf. Unter anderen Umständen als die meiner Familie hätte vielleicht alles anders kommen können, wer weiß. Sicher ist nur, dass ich, als ich im Alter von 14 Volontärin im größten Waisenhaus São Paulos wurde, lernte, wie alles im unfassbaren Extrem tatsächlich ganz anders kommen kann.

Ich kannte bereits die in Gruppen umherziehenden Straßenkinder, wusste, dass das - dass mein - Paradies Brasilien nur einem Zehntel der Bevölkerung gehörte. Dieser kleine Teil von 186 Millionen Menschen kann gut leben in Brasilien, und noch besser kann er Unerwünschtes ausblenden (die Mauern um die Häuser der Privilegierten sind hoch).

Aber meine Wochenenden in dem Waisenhaus zeigten mir etwas, dem ich nicht entkommen konnte, denn es war hautnah, und ich hatte mich dazu verpflichtet, es auszuhalten: Dort, inmitten der Waisenkinder, wohnten unter den um Aufmerksamkeit bettelnden Kleinsten die zwischen 12 und 17 Jahre alten Schwangeren. Sie waren zum Teil jünger als ich! Ich glaube, ich habe mich damals schlagartig von meiner Kindheit verabschiedet, und es geschah mir, wenn ich schon in einer direkt nebenan gelegenen, sicheren und beschützen Welt lebte, nur recht.

Die Geschichten dieser Mädchen sind dramatischer als die der Minderjährigen unserer Ersten Welt, und der Großteil unter ihnen hatte keine Zweifel daran, dass sie ihre Neugeborenen nach der Entbindung gleich da lassen würden - an einem Ort, an dem einige von ihnen sogar aufgewachsen waren. Für sie gab es keinen anderen Ausweg. Sie hatten oft keine Familie, kein Geld, keine Ausbildung, manche nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Ihre Schwangerschaften waren allesamt ungewollt, ungeahnt, die Folge von ersten, unvorsichtigen Liebesgeschichten, Vergewaltigung, Prostitution.

Als ich 1988 zum Studieren von São Paulo nach München zog, erwartete ich, eine gerechte Gesellschaft vorzufinden, in der ausnahmslose Gleichheit herrschte, Wohlstand, Bildung. So stellten wir uns Deutschland vor, wie sich hier mancher Brasilien als Land von Palmen, Strand und Trallala vorstellt. Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass es auch in Deutschland - einem Sozialstaat - Klassenunterschiede gab, dass sogar das Schulsystem diese Unterschiede förderte, dass aussortiert wurde, wer ganz oben in der akademischen Elite ankommen, wer ganz unten als einfacher Hilfsarbeiter enden würde.

Ich beobachtete in den darauf folgenden Jahren, wie schwierig hier die Akzeptanz von Einwanderern war (Brasilien ist, wie die USA, ein Land der rasend schnell assimilierten Immigranten), wie die Ärmeren ärmer wurden, wie konfliktträchtige Wohnviertel entstanden.

Und dann las ich von jungen Müttern und ihrer Überforderung in einer gleichgültigen Umwelt. Ich erfuhr von Familiendramen, verdursteten Kindern, toten Babys, deren Geburt nicht einmal die Väter bemerkt haben sollen - Tragödien also auch in jener Gesellschaft, die in beinahe allen Wohlstandsländern vorherrscht, und die aus meiner brasilianischen Perspektive noch immer unvergleichbar vorteilhaft erschien.

Nun hat natürlich jeder Mensch seine eigene Geschichte. Manche haben alle Chancen, die man sich nur wünschen kann, und schaffen es nicht, etwas daraus zu machen. Andere geben nicht auf, bis sie ungeahnte Höhen erreichen. Einige zerbrechen an den Umständen, die sie nicht erwartet hatten, andere wachsen daran, ganz egal in welchem Land sie leben, in welcher Welt sie sich bewegen. Das alles ist nichts Neues. Aber mich interessiert das Wer, Wie, Was, das Wo und Warum. Ich beobachte, da ich schreibe. Ich schreibe, weil es mich dazu treibt. Es treibt mich, denn die Welt will gefressen werden, und ich versuche zu erzählen, wie sie stattdessen uns frisst, im Kleinen wie im Großen.

Annes Geschichte in "Kleine Herzen" ist keine Gesellschaftsanalyse und will nichts und niemanden richten. Ich habe sie ohne Vorurteile erfunden und, ermutigt von der TATORT-Redaktion des BR, versucht, in einer Momentaufnahme die Spirale von sich anhäufenden Überforderungen zu rekonstruieren, entstanden zwischen dem Druck der Verantwortung und dem Wunsch nach Sorglosigkeit.

Dabei hat mal wieder die Realität die Fiktion eingeholt; neue Berichte über von ihren Müttern misshandelte Kinder haben Schlagzeilen gemacht. Das verstärkte die Gewissheit, dass dieses ein wichtiges, ernst zu nehmendes Thema ist. Trotzdem sollte aus dem Drehbuch kein Tatsachenbericht werden: Annes Geschichte ist ein fiktives Gedankenspiel mit den Umständen, die es wirklich gibt, ohne so radikal zu enden, wie es in Wahrheit geschehen kann. Die Figur der Anne ist gewitzt, und sie ist eine begnadete Lügnerin - das ist noch das Kind in ihr, das sich früher beim Spielen sicherlich die tollsten Sachen ausgedacht hat. Sie ist kein schlechter Mensch, sondern eine Mischung aus Opfer und Täter.

Anne hatte Glück, als sie geboren wurde, sie hatte Pech, so jung ein Kind zu gebären. Sie hat am Ende Glück, dass ihr Kind gefunden wird. Nun bleibt es dem Zuschauer überlassen, sich ihr weiteres Schicksal auszumalen. Die Chancen stehen nicht so schlecht.

Ich mag die Figur der Anne, so wie ich die Mädchen mochte, die ich damals in São Paulo kennengelernt hatte, und denen ich wünsche, das Schicksal würde auch ihnen einen ähnlich glimpflichen Ausgang schreiben.

Stefanie Kremser / BR-Pressemappe


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