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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Als Adler gestartet, als Spatz gelandet"

Die Berliner TATORT-Kommissare betreten Neuland: neben ihrem neuen modernen High-Tech-Büro betreten sie auch die Räumlichkeiten des Bundesgesundheitsministeriums, denn Referatsleister Feinlein wird dort tot auf der Toilette gefunden. In diesem schön fotografierten Film geht es vordergründig um Lobbyismus, das schleichende Gift des Berliner Polit-Parketts.

Bild: RBB/Plehn
Der TATORT will fragen und aufzeigen: Wie funktioniert das Milliardenspiel, bei dem politische Amtsträger bestochen werden und Lobbyisten sich selbst bereichern? Was passiert mit diesen Menschen, wenn die Gier nach Geld oder die Angst vor Entdeckung zu groß werden? Sind dann menschliche Katastrophen zu befürchten? Wäre sogar ein Mord möglich?

Todesfall in einem Bundesgebäude

"Gebt Gas, Leute" befiehlt der Vorgesetzte Wiegand seinen Ermittlern, die am Anfang ihrer Ermittlungen nicht allzuviele Fakten in der Hand haben und nicht mal sicher sagen können, ob es sich nun um einen Suizid oder Mord handelt. Nach 20 Minuten TATORT wird der Fall interessant; nicht nur weil Wiegand indirekt damit droht, dass der Staatsschutz den Fall übernehmen könnte (und die Berliner Kommissare "entmachten" könnte - so wie am letzten Sonntag die "interne" bei Ballauf und Schenk mitgemischt hat), sondern auch weil Felix Starks Näschen meint, man möge sich doch mal den Menschen Feinlein genauer anschauen.

Der hat im Ministerium gearbeitet, war ein fähiger Beamter und Justiz-Referatsleiter, gewissenhaft und penibel, sorgte für die Umsetzung von Gesetzesvorlagen - und hatte Krebs. Den aber verheimlichte er seiner Multiple Sklerose kranken Frau, behielt die Arztunterlagen im Ministeriumsbüro. Und kurz vor seinem Tod hatte er noch Besuch - von einem Fahrradkurier. Ingredenzien für einen klassischen TATORT-Krimi. Doch es geht hier um mehr als nur um die Rekonstruktion eines Abends.
Bild: RBB/Plehn

Was wollte der Fahrradkurier?

Diesen Ansatzpunkt jedenfalls verfolgen die in diesem Film wunderbar im Hintergrund agierenden Ermittler Ritter und Stark anfangs konsequent. Wer war dieser Fahrradkurier, warum hat ihn niemand im Ministerium gesehen? Der Zuschauer immerhin ist den Ermittlern geringfügig voraus, denn er kennt ihn aus der ersten, wilden und actionreichen Szene des neuen Berliner TATORTs; hat ihn gesehen, wie er durch die Hauptstadt flitzte, über rote Ampeln schoss und dann einen Anruf bekam. Und der Zuschauer weiß, wie der Abend für ihn endet: abgedrängt von einem Auto, gegen einen anderen Wagen geschleudert und dann um die Kuriertasche erleichtert auf der Intensivstation der Charite gelandet. Der Kreis schliesst sich, die "richtigen" Ermittlungen beginnen.

Denn dann zeigt der Film die wahren Dimensionen auf. der Zuschauer, eben noch den Ermittlern voraus, beginnt mit den Ermittlern gemeinsam zu ergründen, was hier Sache ist, wie verwoben die Dinge sind und welche Hintergründe der Unfall des Kuriers hatte und wie er mit dem Todesfall des Referatsleiter zusammenhängt. Es eröffnen sich interessante Fragen: warum beauftragte der Referatsleiter den Kurier, der sonst andere Kurierdienste beauftragte - und vor allem: was war in der Tasche, was wollte der Tote transportiert wissen - und wer war der Empfänger? Ritter und Stark ermitteln im Ministerium, hören sich beim Kurierdienst um und stoßen im Krankenhaus auf einen anfangs schweigsamen Journalisten. Auch die Schwägerin des Toten gibt ein paar Hinweise: Feinlein verheimlichte seiner Frau immerhin ein prall gefülltes Bankkonto - wer ein Geheimnis hat, hatte vielleicht noch mehr.....
Bild: RBB/Plehn

Vielschichtiger Krimi

Der Krimi ist sehr vielschichtig, die Spuren werden vom Drehbuchautor gekonnt gelegt, das macht den Film spannend und unterhaltsam. Die unterschiedlichen Milieus werden glaubwürdig miteinander verwoben. Genauso mehrdimensional muss es auf dem politischen Parkett in Berlin zugehen, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie es bei der Verwirklichung eines Gesetzentwurfes zugeht: was einzelne Wörter im Entwurf ausmachen, welche Versuche Firmenanwälte unternehmen, um Lücken im Gesetz auszunutzen oder Gesetzesvorhaben wie die "Positivliste" zu verhindern, welche Verbände, Organisationen und Kanzleien bei einem solchen Gesetz "mitmischen". Doch natürlich ist die Realität noch viel komplexer, der Film deutet nur an, reduziert die Tiefe, um einzelne Abläufe deutlich(er) herauszustellen. Wie arbeiten Lobbyisten? Wie werden Journalisten von der in Kriminalfilmen gerne bemühten deutschen Pharmalobby mundtot gemacht oder an ihrer Arbeit gehindert oder eingeschränkt, wenn diese beispielsweise über die "Reform der Reform der Reform von der Gesundheitsreform" berichten wollen?

Der Film zeigt auch eine weitere, viel interessantere Ebene auf, nämlich die der Menschen dahinter: welche Ängste haben Menschen, welchen Antrieb hat beispielsweise eine Ministeriumsangestellte, so zu handeln, wie sie handelt. Die von Anja Kling überzeugend gespielte persönliche Referentin von Feinlein bringt es auf den Punkt: "Ich muss mich anpassen. Ich habe Familie". So muss auch Feinlein gedacht haben, denn der wollte seiner Multiple Sklerose kranken Frau helfen, eine Therapie ermöglichen, die in Deutschland so unter Umständen gar nicht möglich gewesen wäre. Der TATORT verurteilt den Lobbyismus nicht pauschal, zeigt auch das Nutzenbringende: Kranke sind immerhin verständlicherweise dankbar, wenn es Verbände gibt, die dafür sorgen, dass in Deutschland weiterhin die Therapiefreiheit gibt und sie in den Genuss der heilenden oder lindernden Medikamente kommt. Das ist die gute Seite des Lobbyismus, der Interessenvertreteung.
Bild: RBB/Plehn

Nicht in den Nachrichten zu sehen

Doch wenn beides vermischt und vermengt wird, wenn Personen für eine Sache instrumentatlisiert werden, dann wird es schwer, noch so genau zu trennen, dann ist man nicht mehr weit von Begriffen wie Korruption, Beeinflussung oder Verlust der Unabhängigkeit, welche die Mitarbeiter in Gremien, Ausschüssen, Kommissionen und Ministerien wahren sollten - aber nicht immer können. Dann ist auch schlimmeres denkbar, gar ein Mord, der Ausgangspunkt eines jeden Sonntagabend-Krimis. Denn: erreicht man solche Dimensionen erst, wird es spannend und macht den Zuschauer neugierig. Neugierig auf eine fiktive Geschichte, die möglich und existent hätte sein können, in welcher ein kleines Schiffchen der realen Politik und Gegenwart umhersegelt und andeutet, was auf der politischen Bühne in der Hauptstadt Berlin passieren mag. Das nämlich, was man garantiert nicht in der "Tagesschau" zu sehen bekommt - sondern wie in diesem Fall eher im TATORT danach.

Francois Werner


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