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Heute ist der: 19.11.2019. --> Bis heute wurden 1122 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Wie Bleigießen zu Sylvester

Die WDR-TATORT-Folgen lassen 2007 ganz schön nach: In der neuen Münster-Ausgabe "Satisfaktion" geht es nicht mal mehr witzig zu...

Bild: WDR/Michael Böhme
Der ungezogene Hund Rochus, der in der schön fotografierten Anfangsszene des neuen Münster-TATORTs den Stock apportiert, stellt blitzartig und völlig unvermittelt auf die Knochen eines Toten um und zwingt so sein Frauchen zu einem wahrhaften schönen Schrei: Der vergrabene Tote war Raimund Stielike, ein Ex-Burschenschaftler, lag dort mehrere Kaninchengenerationen und hat ne Kugel Blei im Schädel. Der Sohn des stadtbekannten und einflussreichen Kardiologen war zudem bestens bekannt mit unserem vorwitzigen Herrn Rechtsmediziner Prof. Boerne. Karsten, der Bruder des Toten ist Staatsanwalt im Wirtschaftsdezernat und - gemeinsam mit seinem Vater - bestens bekannt mit der Staatsanwältin Klemm, die wiederum Thiels Ermittlungen verantwortet und führt. Die Frau von Karsten ist wiederum die Tochter der Haushaltshilfe Friede Timm bei Stieleke senior, und die war früher Krankenschwester (Raten Sie mal, wo!). Bei Stieleke senior ist noch der herzkranke taxifahrende Vater des Kommissars in Behandlung. Wie immer im Münster-TATORT also: ein Mikrokosmos, in dem sich jeder kennt, "fast wie ein Familientreffen", wie der mit Boerne befreundete Professor, gut gespielt von Michael Degen, treffend bemerkt. Und es stellt sich die Frage: haben die beiden gemeinsam eine Leiche im Keller?
Bild: WDR/Michael Böhme,Tom Trambow

"Die Hisbollah des deutschen Verbindunsgwesens"

Denn die beiden sind Mitglied in einer Burschenschaft, dem Milieu des als TATORT deklarierten Films aus Münster. So kreuzen die beiden auch auf der Trauerfeier und des dreitägigen Stiftungsfestes in der Burschenschaft auf, wo in solchen Dingen Anwesenheitspflicht besteht. Eben in dieser Burschenschaft war auch der Tote aus dem Wald Mitglied, als Sohn des Professors ohnehin dazu verpflichtet. Und schnell führen auch die Ermittlungen Thiels ebenfalls in die Burschenschaft und der merkt schnell, dass sein Vermieter und Kollege Boerne - offensichtlich - ein doppeltes Spiel (mit ihm) treibt: was weiß der Rechtsmediziner? Kann Thiel ihm trauen? Und welche Rolle spielt der humpelnde Burschenschaftler Gregor Baltus? Thiels Ermittlungen zwischen saufenden Burschaftlern und der mauernden Elite Münsters - das ist nicht besonders spannend, für den Münster-TATORT fast schon vorprogrammiert. Und es ist leider auch nicht mehr besonders witzig.
Bild: WDR/Michael Böhme

Immer wieder gesucht: Thiels Dienstausweis

Nicht mehr witzig, weil dieser TATORT die allseits bekannten und nun schon 12 mal bemühten Elemente aus den bisherigen Münster-Filmen im Übermaß enthält: das Thielsche Fahrrad, das nervige Handyklingeln des Hamburger Kommissars ("Auf der Reeperbahn nachts um halb eins"), strapaziernede Anspielungen auf die Körpergröße der Assistentin Alberich, spitzer Dialog-Abtausch zwischen Thiel und Boerne und das gespaltene Verhältnis des Kommissars zu seinem Vater. An Münster erinnert nur der Turm der Lambertikirche und das Fahrrad......

Vor allem aber: die Geschichte ist eindimensional und überhaupt nicht spannend. Der Mordfall, den es zu aufzuklären gilt, ist so unspekatkulär und "einfach", dass er den Film nicht wirklich trägt. Deshalb strecken die Filmemacher den TATORT mit den privaten Fehden, konstruierten Amigo-Affären und Bestechungsvorwürfen der Protagonisten. Aussage(n): "Nur mit "Vitamin B" kannst du bestehen" und "Blut ist dicker als Wasser!". Insbesondere wird der TATORT zu einem Film, in dem die beiden Figuren Boerne und Thiel zu den Super-Hauptfiguren werden, alles andere wird unwichtig und gerät in den Hintergrund. Die beiden streiten sich, schnauzen sich an und müssen - allerdings unabhängig voneinander - mächtig leiden: der eine wird vom Kaiser von China zusammengeschlagen und der andere lässt ordentlich Bluttropfen....

Bild: WDR/Michael Böhme
Wer einen kurzweiligen TATORT mit den beiden beliebten Figuren sehen möchte und die ohnehin nebensächliche Geschichte nicht interessiert, ist mit Münster-TATORTen auch hier wieder bestens bedient- die Quote treibts nach oben. Wer einen TATORT sehen möchte, wie er mal sein sollte - nämlich auch sozialkritisch, anspruchsvoll unterhaltend, spannend und mitreißend - der wird auch an diesem TATORT keine wahre Freude haben - leider!

Anspruchvolle Unterhaltung? Fehlanzeige!

Ohnehin ist das Jahr 2007 kein gutes Jahr für den Produktionssender, den Westdeutschen Rundfunk aus Köln; dem Sender, der einst das TATORT-Konzept in die ARD eingebracht hatte. Der Sender hat insbesondere in diesem Jahr kein gutes Händchen für seine TATORT-Ermittler bewiesen: die Münster-Fälle sind wieder nur eher Klamaukepisoden mit stark in den Vordergrund gerückten Ermittlerfiguren - mehr nicht.

Die Kölner-TATORTe, ehemals bekannt und gelobt für anspruchsvolle Unterhaltung mit sozialrelevanten Geschichten, sind 2007, also im 10. Jahr ihres Bestehens, reine Rohrkrepierer: mit "Die Blume des Bösen" ein zwar nicht unspannender Film, aber auch nur um die Ermittlerfigur kreisende, von der arg strapazierten sexuellen Vergangenheit der Kommissarfigur Max Ballauf handelnde Räuberpistole. Aussage: gleich null.

Bild: WDR/Michael Böhme,Tom Trambow
Der Jubiläumsfall "Nachtgeflüster" von Anfang Oktober ebenfalls ohne wirklich erkennbare Aussage, ein unrealitisches Krimi-Machwerk, das es nicht mal schafft, die Einsamkeit von Menschen, wohl einem Thema des Films, anständig zu visualisieren und ins Bild zu rücken. Und wie in diesem TATORT wird auch im kommenden Köln-TATORT "Spätschicht" (2.Dezember 2007) wieder in Polizist ermordet - sehr abwechslungsreich! Und natürlich steht in dieser Folge schon wieder Max Ballaufs Vergangenheit gekünstelt im Vordergrund, sein kurzes Verhätlnis zu einer "geschädigten" Frau.

Nicht mal amüsieren kann der Handlungstrang um Freddy Schenk, dessen Tochter ihn zum Großvater macht: wie unrealitsisch ist es, dass der sich in der ersten Sequenz des Films mit Spielzeugen für Kleinkinder eindeckt, die er frühestens in drei, vier Jahren braucht? Und wieso lassen die Filmemacher die Frage am Ende offen, welches Geschlecht das Schenksche Enkelkind eigentlich hat?! Wichtiger scheint hier wieder am Ende noch schnell die Stadt Köln ins Bild zu rücken und die letzte Szene aufgesetzt an der traditionell bekanten Wurstbude mit Dom im Hintergrund spielen zu lassen....

Francois Werner


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