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Heute ist der: 18.11.2019. --> Bis heute wurden 1122 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"I shot the sheriff"

Der neue TATORT aus Köln ist so unrealistisch, dass es beinahe schon weh tut

Bild: WDR
Kinder, wie die Zeit vergeht! Wenn die Kölner TATORT-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrend) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) am kommenden Sonntag gegen 20.18 Uhr auf den Fernsehbildschirmen in den deutschen Wohnzimmern auftauchen, dann tun sie dies bereits zum sechsunddreißigsten Mal. Genau seit zehn Jahren und zwei Tagen werden sie dann zu den aktiven TATORT-Kommissaren zählen; ihren ersten Fall lösten sie am 5. Oktober 1997. Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich das Ermittlerduo zu einem der beliebtesten der Reihe. Kein Wunder, schließlich kamen in den vergangenen Jahren gleich mehrere TATORT-Sternstunden aus Köln - man denke an Glanzlichter wie "Kinder der Gewalt", "Licht und Schatten", "Drei Affen" oder auch "Martinsfeuer". Umso ärgerlicher, dass ausgerechnet der nun anstehende Jubiläumsfall "Nachtgeflüster" eher zu den schwächeren Einsätzen des Teams zählt.

Bild: WDR

Interessante Ausgangslage

Dabei klingt die Ausgangslage durchaus interessant: Der Polizeiobermeister Martin Krauss wird erschossen in seinem Wagen am Rhein aufgefunden. Für Ballauf und Schenk sind insbesondere die Geliebte des Mordopfers, die Polizistin Rita Anspann (Brigitte Zeh) sowie der Imbissbuden-Betreiber Hakan Simsek (Aykut Kayacik) verdächtig. Schon bald jedoch ergibt sich eine neue Spur. In der beliebten Kölner Nighttalk-Radiosendung "Melissa" brüstet sich ein anonymer Anrufer damit, Krauss umgebracht zu haben. Als die Moderatorin Melissa Morgenstern (Annika Kuhl) Näheres erfahren will, legt der Unbekannte auf, kündigt zuvor jedoch noch einen erneuten Anruf an. Ist das die entscheidende Spur zum Mörder oder will sich nur jemand im Radio wichtigmachen? Ballauf und Schenk nehmen ihre Ermittlungen im Radiomilieu auf, verbringen von nun an die meiste Zeit in den Räumen des (fiktiven) "Nord-Rhein-Radios" und ernten dabei von Melissa unter anderem die aussagekräftige Weisheit, dass die Nacht ehrlicher sei als der Tag. Aha.

Bild: WDR

Dürftige Umsetzung

Wer nun jedoch im Laufe der Ermittlungen - ganz in der Tradition der vielen "Themen-TATORTe", die in den vergangenen Jahren aus Köln kamen - einen ausführlichen und realitätsnahen Blick hinter die Radiokulissen erwartet, wird leider enttäuscht. Das Radiomilieu ist nicht mehr als bloße Kulisse und wird zudem äußerst unrealistisch und bisweilen lächerlich dargestellt. Nach dem Motto "Wie sich Klein-Moritz vom Fernsehen das Radio vorstellt" wird beinahe jedes Klischee bedient. Ob das Autorenduo Stefan Cantz und Jan Hinter, das bislang durchweg für konstant gute Qualität stand, beim Schreiben des Drehbuchs Recherchen im Radiomilieu angestellt hat, darf fast bezweifelt werden. Auch ansonsten kann ihre auf vielen Zufällen beruhende Geschichte nur ansatzweise überzeugen - beispielsweise dann, wenn Ballauf und Schenk gegenseitige Sticheleien austauschen oder wenn der Song "I shot the sheriff" eingespielt wird, nachdem sich der anonyme Anrufer in Melissas Radiosendung des Mordes an Krauss bezichtigt hat.

Bild: WDR

Lächerliche und unrealistische Darstellung

Aber auch Regisseur Thorsten C. Fischer (ebenfalls kein TATORT-Neuling, er inszenierte bereits die Folge "Minenspiel") hat sich bei der Darstellung des Radiomilieus nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Anrufer in Melissas Radiosendung klingen gänzlich unrealistisch, wenn sie gestelzte Reden schwingen. Genauso lachhaft wirkt auch die Moderatorin selbst, wenn sie lächerliche Lebenstipps ins moderne Head-Set-Mikrofon säuselt. Von einer anderen Lächerlichkeit - nämlich der, dass sich ausgerechnet Ballauf während der Ermittlungen im Sender mit privaten Problemen an Melissa wendet und um einen Rat bittet - soll hier erst gar nicht groß die Rede sein.
Bild: WDR

Ruhige Inszenierung, überladenes Finale

Lob verdient jedoch die zeitweise sehr ruhige Inszenierung. An manchen Stellen, zum Beispiel bei der Durchsuchung der Wohnung des Mordopfers oder bei der Öffnung eines Schließfaches in einem U-Bahnhof, wird auf Dialoge gänzlich verzichtet und der Zuschauer hat so die Möglichkeit, Ballauf und Schenk in aller Ruhe zu folgen. Auch die Kameraführung von Hagen Bogdanski und die ungewohnte Ausleuchtung der Szenen haben sicherlich ihren Reiz, können den Film aber auch nicht so sehr aufwerten, als dass man ihn als Highlight bezeichnen könnte. Erst recht nicht, wenn man das überladene Finale betrachtet.

Bild: WDR

Starkes Ende

Als richtig stark darf jedoch das Ende des Films bezeichnet werden, selbst einen "Überraschungsgast" hat man dafür organisiert. Nach dem Abspann bleibt dem Zuschauer schließlich die Erkenntnis, dass Schenk keine Thunfischpizza mag und "Klettermaxe" Ballauf auch nach zehn Dienstjahren noch wie ein junger Spund auf Hochhausdächern herumturnen kann. Und das ist dann ja immerhin auch schon einmal etwas.

Christian Rohm


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