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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Ich muss vorbehaltlos so aussehen, als wäre ich harmlos?

Interview mit Michael Brandner

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Sie haben bereits in diversen Tatorten mitgewirkt. Haben Sie sich im Norden gut aufgehoben gefühlt?
Ja, absolut. Bei Studio Hamburg ist man immer sehr gut aufgehoben. Das ist ja das Schöne bei den großen Firmen ? dass man deren Mitarbeiterstamm schon kennt und weiß, auf welche Leute man trifft. Axel Milberg kenne ich außerdem schon sehr lange. Eine meiner ersten Produktionen habe ich mit ihm gedreht. Das war ?Tassilo ? Ein Fall für sich?. Wir haben damals eine völlig kaputte Familie ge- spielt, und dieser Film hatte mit Bruno Ganz und Marianne Hoppe eine wahrhaft illustre Besetzung. Wir hatten damals viel Spaß, und auch jetzt war die Zusammenarbeit sehr gut, da wir uns gegenseitig gefordert haben. Sie sind ein sehr vielseitiger Darsteller; die ?Guten? nimmt man Ihnen ebenso ab wie die ?Bösen?.

Ihr Anwalt Nissen hat ein doppeltes Gesicht. War das eine besondere Herausforderung?
Es ist viel einfacher, die Grenzen zu spielen als die Mitte. Je extremer eine Figur ist, desto leichter ist sie zu spielen. Durchschnittlichen Figuren Farbe zu geben ist viel schwieriger. Und in so einem Fall, bei dem eine Figur doppelgesichtig ist, kommt es darauf an, herauszufinden, an welcher Stelle der Regisseur möchte, dass die andere Seite der Figur aufblitzt. Das zu spielen ist wieder nicht so schwierig, wichtig ist nur, zusammen mit dem Regisseur die richtigen Momente zu finden.

Aber wie ist das genau? Hat man als Schauspieler die dunkle Seite einer Figur, auch wenn sie nicht gezeigt wird, immer im Hinterkopf? Oder versucht man erst einmal, eine Verbindung zu dem positiven Bild, hier: des engagierten Anwalts, aufzubauen?
Je intensiver man die Farbe spielt, die es zu zeigen gilt, desto glaubwürdiger wirkt es. Bei Leuten wie diesem Nissen ist es doch gerade so, dass man ihnen überhaupt nichts anmerkt von ihrer Schattenseite. In ihrer absoluten Normalität sind diese Leute nicht erkennbar, was es ja so schwer macht, mit ihnen umzugehen und sie zu finden.
Wie oft hört man: ?Das hätte ich nie von dem gedacht. Der war doch immer so nett!? Das heißt ja auch, dass ich nichts davon spielen darf. Ich muss vorbehaltlos so aussehen, als wäre ich harmlos. Diese Männer sind häufig von einer beeindruckenden Nettigkeit, auch Kindern gegenüber, bis das dann plötzlich umschlägt. Das ist wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde ohne Droge. Da sind zwei Persönlichkeitsstrukturen in einem Menschen, die sich selbständig ausgebildet haben und zu unterschiedlichen Zeiten zum Zuge kommen. Ich habe einige Studien zu dem Thema gelesen, das hat mich immer interessiert, und man muss, bei aller Abscheulichkeit der Taten, immer dazusagen, dass Leute, die so etwas tun, meistens in ihrer Vergangenheit ganz Ähnliches erlebt haben. Denen geht es nicht um Sexualität, sondern um Zerstörung von etwas, einer Unschuld und Unversehrtheit, die ihnen selber auch genommen wurde. Aber das brauchte ich nicht zu spielen; ich zeige die absolut wasserdichte Normalität, die sich solche Typen geben.

Wir wollen über die abgründige Seite Ihrer Figur nicht zu viel verraten. Trotzdem die Frage: Bösewichter zu spielen, gilt unter Schauspielern als spannender, als den Gutmenschen zu geben. Gibt es dennoch auch mal Berührungsängste, was Themen oder Figuren angeht?
Nein, das ist bei mir ganz gegenläufig. Ich gebe viel lieber die Guten; ich spiele lieber Komödie und habe auch das Gefühl, dass mich das stärker fordert. Die Bösen kann ich dagegen mit links. Und was die Berührungsängste angeht, muss ich sagen, dass es grundsätzlich zu unserem Beruf dazugehört, Seelenseiten aufzuschlüsseln und sich mit Dingen zu konfrontieren; darin liegt unsere eigentliche Arbeit, unsere Leistung, die manchmal durchaus an die von Hochleistungssportlern heranreicht.

Es gibt also keine Dinge oder Figuren, die Sie ungern spielen wollten?
Nein, ich wüsste nicht, dass es da etwas gäbe. Ich bin noch nie mit einer Rolle konfrontiert worden, bei der ich gesagt hätte, nee, die packe ich nicht an. Die Hauptsache ist, dass eine Figur entwickelt ist; wenn es ein richtiges Thema gibt, dann gibt es auch etwas zu spielen, das interessant ist. Ich lehne höchstens Rollen ab, die mir zu reißerisch und zu unfertig sind.

Nissen geht sehr ruhig und geschickt vor; er spielt auf der Klaviatur, die ihm als Anwalt zur Verfügung steht, nutzt juristische Schlupflöcher. Sie geben ihm etwas sehr Selbstsicheres. Fühlt der Mann sich wirklich unangreifbar?
Wir haben es hier mit einem Anwalt zu tun; ein Anwalt muss immer Selbstsicherheit ausstrahlen, das gehört zu seinem Berufsbild zwingend dazu. Und Nissen ist da absolut professionell. Der reizt das voll aus, dass er nominell auf der Seite von Recht und Gesetz steht, und behält diese Maske bis zum Schluss auf. So einer wie er ist es gewohnt, die Lüge zur Wahrheit zu machen, jedoch nicht anfällig für Selbstbetrug; daher weiß Nissen auch genau, wann das Spiel für ihn vorbei ist.

Anwalt Nissen hat kinderpornographische Fotos in seinen Akten. Der Regisseur erzählte, die Herstellung dieser Bilder hätte großes Unbehagen ausgelöst. Wie war es für Sie als Darsteller, damit umzugehen?
So etwas ist natürlich äußerst unangenehm. Selbst wenn man weiß, dass es bloß künstlich hergestellt ist, haftet diesem Material noch so ein Ruch an. Es ist wirklich kein Vergnügen, damit umzugehen. Ich gucke mir solche Sachen allerdings grundsätzlich nicht an.

Wurde während der Dreharbeiten auch inhaltlich diskutiert mit den Kollegen?
Nein, wir haben das Thema eigentlich kaum gestreift. Allerdings ist das auch meistens so. Über unsere Figuren tauschen wir uns selten aus. Es gibt bestimmte Szenen oder Situationen, wo man mal den Kollegen fragt, ob das aufgeht, doch das konkrete Reden über die Figur wird eher als unangenehm empfunden. Es gibt ja sogar Kollegen, die aus Prinzip vorher gar nicht mit den anderen Kollegen reden, wenn sie verschlossene Figuren spielen und aus einer Method-Acting-Richtung kommen. Das ist bei mir nicht so; ich trage meine Figuren nicht ständig mit mir rum.

Florian Baxmeyer ist ein junger Regisseur. Ist es ihm gelungen, Sie herauszufordern?
Der ist nicht wirklich jung. Der ist, was die Professionalität angeht, schon ein richtig alter Hase! Er hat ein klasse Auge und so einen Rundumblick, dem nichts entgeht. Er hat alles im Griff und holt sich von jedem genau das, was er braucht. Das heißt, dass man nie für den Abfalleimer spielt und dass es auch keine überflüssigen Proben gibt. Mir ist es am liebsten, wenn ich die Sache gleich beim ersten Take auf den Punkt bekommen kann und somit alles gleich ?im Kasten? ist. Florian lässt sich darauf ein und kann das auch, weil er eine unglaubliche Sicherheit hat, ein großes Vertrauen in sich. Er ist ein echter Glücksfall für dieses Gewerbe.

Was spielen Sie als nächstes? Einen Bösewicht oder einen Guten?
Einen Guten. (lacht) Einen sehr Guten! Einen bayerischen Friseur und einen Kitzbühler Bauern.

NDR-Pressemappe


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