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Heute ist der: 25.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Ich hatte Lust auf einen Tatort, in dem es richtig zur Sache geht?

Interview mit Florian Baxmeyer

Sie sind Jahrgang ?74 und haben schon einen Studenten- Oscar und eine Oscar-Nominierung; ein furioser Start. Erleichtert das die Arbeit oder sieht man sich danach überspannten Erwartungen ausgesetzt?
Es erleichtert auf jeden Fall die Arbeit, weil man im Fokus vieler Produzenten steht. Was die hohen Erwartungen betrifft, muss man sich selbst überlegen, wie man damit umgeht, ob man sich den Schuh anzieht oder nicht. Ich setze mich dem nicht so aus, weil ich ja auch sagen kann, dass es ein Unterschied ist, ob man einen Kurzfilm oder einen Langspielfilm macht, und ich habe meine Preise für einen Kurzfilm bekommen.

Wo verorten Sie sich selbst als Regisseur? Gibt es Vorbilder, bevorzugte Genres?
Schwer zu sagen. Ich habe einfach schon immer sehr gern Filme geguckt, aber ich bin da eigentlich nicht so festgelegt. Allgemein könnte man sagen, ich interessiere mich für Geschichten, die im besten Sinne unterhaltsam sind. Beim Tatort trifft der Regisseur nicht nur auf eine lange Tradition, sondern auch auf eine feste Figuren-Konstellation.

Was hat Sie an dieser Arbeit gereizt?
Ich wollte schon immer einen Tatort drehen, (lacht), aber es ergab sich vorher nie die Gelegenheit dazu. Es passte zeitlich einfach nicht. Außerdem hatte ich meinem Vater versprochen, mal einen Tatort zu drehen; für den ist das nämlich so etwas wie der Ritterschlag als Regisseur! Ja, ich bin natürlich mit dem Tatort aufgewachsen, wie so viele, und da reizt das selbstverständlich. Darüber hinaus muss ich sagen, dass mir die Konstellation und die Darsteller beim Kieler Tatort außerordentlich gut gefallen. Das hat auch eine große Rolle gespielt, das zu machen. Denn dort konnte ich mit Schauspielern arbeiten, die ich sehr schätze.

Ein unbekannter Scharfschütze verbreitet Angst und Schrecken in Kiel. Eine spannende und sehr komplexe Geschichte entfaltet sich. Wo sehen Sie die Vorzüge des Drehbuchs und wie haben Sie sich dieser Geschichte genähert?
Das war ein großer Kampf, muss man zugeben. Wir haben sehr, sehr lange an dem Buch gearbeitet und bis zum letzten Moment noch Änderungen vorgenommen. Das Problem ist, dass es da ja um zwei Fälle geht, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben und die es dann zusammenzuführen galt. Das war einerseits eine große Schwierigkeit, andererseits aber natürlich auch eine große Herausforderung. Und ich glaube, es ist uns gelungen, die komplexe Geschichte so zu erzählen, dass man sie gespannt verfolgt.

Was war Ihnen hier besonders wichtig? Wo wollten Sie eigene Akzente setzen?
Zwei Dinge waren für mich wesentlich ? auch im Vergleich zu anderen Folgen dieses Tatorts. Zum einen wollte ich unbedingt, dass Axel Milberg ganz klar im Zentrum des Films steht, dass ein Fall verhandelt wird, der ihn persönlich angeht und ihn schauspielerisch auch fordert. Das ist einfach ein toller Schauspieler, ein Pfund, mit dem ich dann auch wuchern wollte. Zum anderen wollte ich einen Krimi drehen, der wirklich spannend ist und in den Sessel fesselt; also insgesamt weniger psychologisiert. Ich wollte ganz klar eine unterhaltende Thrillerebene. Mir persönlich sind die Tatorte sonst häufig zu verkopft. Ich hatte Lust auf einen, in dem es richtig zur Sache geht. Mit den bescheidenen Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, natürlich.

In Deutschland wird derzeit ja viel mit neuen Krimi-Formaten experimentiert; verfolgen Sie diese Entwicklung?
Na ja, die neuen Formate folgen ja häufig amerikanischen Vorbildern. Die amerikanischen Krimiserien erleben ein goldenes Zeitalter; sie sind brillant geschrieben und sehr originell. Ich verfolge das selbst und finde sie alle wirklich ausgezeichnet. Wichtig ist vor allem, dass sie wahnsinnig gute Charaktere haben, Figuren, die nicht nur sympathisch sind, sondern interessante Fehler haben. In Deutschland wird vielleicht immer noch zu häufig gedacht, es sei wichtig, dass die Hauptfiguren sympathisch sind. Die neueren Versuche machen Anleihen bei den amerikanischen Formaten; das ist schon sehr gut zum Teil, aber es scheint nicht zu funktionieren, weil sich das Publikum etwas anderes wünscht. Außerdem ist es vielleicht auch nicht die richtige Herangehensweise, alles immer zu importieren und zu kopieren, was aus Amerika kommt. Vielleicht wäre es wichtiger, ganz eigene Ansätze zu finden.

Das Töten auf Distanz wird in diesem Krimi zum Thema. Borowski lässt sich in der Frage von einem Experten beraten, interessiert sich auch für die psychologische Seite. Waren Berater bei den Dreharbeiten vor Ort?
Ja, technische Beratung hatten wir auf jeden Fall. Wir haben uns genau erkundigt, was die technischen Details anging. Und als wir mit den Leuten vom SEK zu tun hatten, konnten wir mit denen auch über die psychologische Seite noch einmal sprechen. Ich persönlich habe mich mit dem Thema wegen der Balkankrieg-Problematik in meinem Abschlussfilm bereits intensiv auseinandergesetzt. Der Abstand, den man zu dem Getöteten hat, die Tatsache, dass die Technik so dominant zwischen Täter und Opfer steht, macht das Ganze mit einem Videospiel vergleichbar.
Gleichzeitig hilft genau diese Dominanz der Technik, sich innerlich zu distanzieren und damit psychologisch klarzukommen, dass man da ja auf Menschen schießt. Für die polizeilichen Ermittlungen ist das ein Riesenproblem, wenn man weder Tatwaffe noch Motiv hat und offenkundig keine Beziehung zwischen Täter und Opfer besteht. Dann gibt es praktisch keinen Ansatzpunkt. In Italien hat es genau so einen Fall einmal gegeben. Da haben ein paar Jurastudenten versucht, das perfekte Verbrechen zu begehen, und wahllos auf einen Unschuldigen geschossen. Aber auch die sind irgendwann geschnappt worden.

Borowski und Jung ermitteln gegen einen Pädophilen-Ring und sichten entsprechendes Bildmaterial. Die Regie arbeitet hier mit leisen Tönen, sucht den indirekten Ausdruck, die Andeutung. In den Gesichtern der Ermittler spiegelt sich das entsetzliche Geschehen auf dem Bildschirm ...
Wenn man mit Polizisten spricht, die mit dieser Problematik zu tun haben, merkt man schnell, dass die eine professionelle Haltung dem Thema gegenüber haben. Ich wollte das Thema nicht überdramatisieren, denn so eine Haltung wird ihm auch nicht gerecht. So sind diese zurückgenommenen Szenen entstanden. Aber wir haben ja auch diese Fotos, die man kurz sieht. So etwas zu filmen, macht echt keinen Spaß. Wir mussten die ja erst einmal herstellen, und dabei herrschte wirklich eine schlechte Stimmung auf dem Set.

Die Atmosphäre der Angst, die über der Stadt und speziell über dem Haus von Richter Voigt liegt, wird wesentlich durch die Musik evoziert. Wie haben Sie das erreicht?
Wir haben eine diskrete, eher undramaturgische Musik gewählt, die nicht eins zu eins alles mitmacht, was eine Szene erzählt. Ich wollte, dass die Musik eher eine subtile, untergründige Spannung erzeugt. Sie besteht ja in erster Linie aus elektronischen Elementen, ist fast mehr Sound als richtige Musik. Wichtig sind vor allem die wiederkehrenden Elemente und dass die Musik etwas erzählt, das unter der Oberfläche liegt.

Richter Voigt wohnt geradezu fürstlich auf einem großen Anwesen; wollten Sie damit etwas Spezielles erzählen?
Ja, das ist schon sehr feudal, das stimmt. Aber ich wollte damit nicht erzählen, dass er viel Geld verdient. Das ist geerbt, denke ich. (lacht). Ich bin ein Verfechter des Wirkungvor- Logik-Prinzips und fand dieses Haus in diesem großen Park gut wegen der Wirkung, die es entfaltet. Für mich vermittelt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, und das ist gut für die Spannung, weil ja auch nicht gleich klar ist, wo der Richter in diesem Film steht; so bleibt alles ambivalent.

Michael Gwisdek hält die Figur lange in der Schwebe. Er ist ein erfahrener Darsteller. Wie war die Arbeit mit ihm?
Ich bin sehr, sehr glücklich über die Besetzung dieses Tatorts und speziell auch dieser Rolle. Die Figur des Richters ist sicher eine der problematischsten und schwierigsten in diesem Film; viele, die das Drehbuch vorher gelesen haben, hatten Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Figur. Das heißt, das Ganze hätte ganz schön schiefgehen können, aber Michael Gwisdek hat die Aufgabe wunderbar gelöst. Dadurch, dass er dem Richter diese Verletzlichkeit gibt, glaube ich ihm diese Figur in jeder Minute. Es war ein großes Vergnügen, mit so einem Schauspieler zu arbeiten.

Was sehen wir als nächstes von Ihnen? Woran arbeiten Sie?
An der Verfilmung der ?Drei Fragezeichen?, die am 8. November rauskommt. Und der zweite Teil ist in Vorbereitung.

NDR-Pressemappe


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