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Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

?Für mich geht es um das Thema Macht und Ohnmacht.?

Interview mit dem Autor Christian Jeltsch

Erzählen Sie doch bitte einmal kurz, worum es in dem Tatort ?Strahlende Zukunft? geht.
Für mich geht es in diesem Film um ein großes Thema, oder eigentlich sind es zwei Themen, ?Macht und Ohnmacht?. Es geht darum, dass eine einfache Frau den Kampf aufnimmt gegen einen Konzern, von dem sie annimmt, dass er Schuld ist am Tod ihrer Tochter. Das ist ein Mobilfunkkonzern, der eine Antenne aufgebaut hat, und sie glaubt, dass ihre kleine Tochter wegen der Strahlung dieser Antennen an Leukämie gestorben ist. Sie nimmt den Kampf gegen das Unternehmen auf. Diese Frau ist konfrontiert mit ihrer eigenen Ohnmacht ? einmal dem Schicksal gegenüber, aber auch im Kampf gegen diesen Konzern und gegen die Justiz. Die Justiz stellt fest, dass sie nicht ganz zurechnungsfähig ist und weist sie in die Psychiatrie ein. Die Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht ist für mich mit das Hauptthema.

Sie haben, um Macht und Ohnmacht zu demonstrieren, ein sehr aktuelles Thema herausgesucht: Handystrahlung. Wie sind Sie darauf gekommen, warum ausgerechnet dieses Thema?
Das hat einfach mit Recherchen zu tun, die man als Autor natürlich permanent macht. Man liest aufmerksam die Zeitung und bekommt gewisse Vorgänge mit. Was mich interessiert, sind bestimmte sozialpolitische Vorgänge, bestimmte Vorgänge in unserer Realität, die Einwirkungen haben auf ein privates Leben. Es gibt genügend Hinweise, die genau so eine Konstellation zeigen. Es gibt Beispiele von Eltern, die genau in dieser Situation waren. Das fing auch schon in den siebziger Jahren mit dem Bau der Atomkraftwerke an, worauf die Geschichte auch in einer kurzen Sequenz Bezug nimmt. Dort tauchten auch verstärkt Leukämiefälle auf und die Eltern kämpften, um zu beweisen, dass das mit den Kernkraftwerken zu tun hat. Eine ähnliche Situation ist es jetzt hier auch mit den Mobilfunkantennen und mit der Strahlung, die von Mobilfunkantennen ausgeht, die man ja nachweisen kann. Es kann nicht eindeutig nachgewiesen werden, ob die Strahlen wirklich Schäden verursachen oder nicht. Da gibt es einen Wettlauf der Gutachten.

Als ich das Buch zum ersten mal gelesen habe, auch mit diesen Weiterführungen zu den ?Strahlenwaffen?, dachte ich zuerst, das gäbe es gar nicht, das sei Science Fiction.
Das klingt sicherlich so, aber meine Recherche hat mich da auch sehr überrascht. Die Forschung in Richtung Waffen, die auf einer bestimmten Art und Weise der Strahlennutzung über Mikrowellen beruhen, ist schon sehr weit fortgeschritten. Rüstungsfirmen, die im Bereich der Forschung an Strahlenwaffen kooperieren, liefern jetzt schon Waffen, die im Irakkrieg eingesetzt werden. Es werden Jeeps mit großen Parabolantennen eingesetzt, die Mikrowellen aussenden. Diese können bewirken, dass das Wasser im Körper so sehr erhitzt wird, dass die, auf die die Strahlen gerichtet werden, starke Schmerzen haben, dass sie nur noch wegrennen. Gepriesen wird das Ganze als "nicht tödliche Waffen". Zudem gibt es auch Waffen-Messen, wo man neue Waffen vorstellt. Dort werden diese sehr hoch gehandelt, vor allem mit dem Verkaufsargument ?nicht tödlich?.

Das Thema Handy-Strahlen ist das Transportmittel, um etwas anderes zu erzählen: z.B. diese Beziehung oder den Konflikt zwischen Daniel und seiner Mutter. Das ist ja fast schon ein Rachefeldzug. Ist diese Idee persönlich entstanden, einen Jungen zu nehmen der seine Mutter rächen will?
Für mich ist es wichtig, dass man in Geschichten nicht nur ein Statement setzt nach dem Motto ?Guckt euch mal an wie schlimm die Strahlen der Handys sind? ? das finde ich zu simpel. Mir ist es wichtig, dass man dem Zuschauer eine Möglichkeit bietet, emotional in die Geschichte einzusteigen. Ich denke, dass das hier sehr gut gelungen ist; mit einem Jungen, der eben den Zugang zu seiner Mutter nicht fand und die Mutter nicht zu ihm, solange die Mutter gelebt hat. Und in dem Moment, wo die Mutter tot ist, beginnt sich dort etwas emotional in ihm zu regen. Er will einfach beweisen, dass seine Mutter nicht verrückt war, wie die Behörden behaupten, und dass sie Recht hatte. Er versucht wieder einen emotionalen Zugang zu seiner Mutter zu finden, obwohl sie tot ist. Ich glaube, der Bogen wird sehr schön und sehr emotional geschlossen am Schluss.

Constantin von Jascheroff hat mich da sehr beeindruckt. Sie auch?
Ja. Es hat mich sehr gefreut, dass er das sehr schön gespielt hat. Ich finde, die ganzen Emotionen sind sehr gelungen. Was mir an diesem Film insgesamt besonders gefällt, sind die wirklich sehr schön herausgearbeiteten emotionalen Szenen. Der Regisseur Mark Schlichter, die Schauspieler und der Kameramann, Ngo the Chau, den ich schon von dem Tatort ?Scheherazade? kannte, haben das sehr gut hinbekommen. Der Kameramann ist schon bei seinem letzten Tatort mit seinen wirklich sehr schönen Bildern aufgefallen. Es ist eine Form zu erzählen, die sich nicht aufdrängt, sondern einfach zu der Geschichte passt. Ich glaube, das ist ihm hier auch wieder gelungen.

Neben den Hauptprotagonisten Daniel und seiner Mutter gibt es auch noch mehrere Randfiguren wie den Psychiater oder den Staatsanwalt, die alle ihren Teil zu der Geschichte beitragen. War es für die Geschichte wichtig, mehrere Protagonisten zu haben?
Für mich geht es um das Thema Macht und Ohnmacht. Da war es für mich wichtig, dass man auf der einen Seite Figuren hat, die für Ohmacht stehen und auf der anderen Seite die, die für die Macht stehen. Das sind in diesem Fall der Staatsanwalt, die Frau Kawentz, die für das Mobilfunkunternehmen steht, und natürlich der Gutachter, der in diesem Rahmen auch eine große Rolle spielt. Das wollte ich gegenüber stellen und dazu muss ich das natürlich personifizieren. Ich wollte keinen Film machen, in dem man sofort erkennt, dass es um Macht und Ohnmacht geht, das muss natürlich mit Leben gefüllt werden. Es müssen Figuren sein, die lebendig sind und Emotionen haben und die im besten Fall nicht nur gut und nicht nur böse sind.

Das Tempo dieses Films ist sehr wechselhaft. Es gibt sehr schnelle und technisierte Szenen und dann wieder ganz langsame, elegische Szenen und schöne Bilder. Ist das etwas, das Sie für sich in Anspruch nehmen beim Erzählen eines solchen Krimis ? etwas, das typisch für Ihr Erzählen ist?
Typisch? Weiß ich nicht. Jede Geschichte erfordert ihren eigenen Erzählstil und ihren eigenen Rhythmus. Es brauchte hier genau diese Szenen. Ich habe es mir so vorgestellt, diese Szenen und die Elemente hereinzubringen, wie zum Beispiel die mit dem Raubvogel. Das ist etwas, was die Geschichte heraushebt aus der schnellen und reinen Krimispannung, in Momente hinein, die manchmal vielleicht ein bisschen unwirklich erscheinen, die aber eine sehr schöne Emotion transportieren. Sich diese Zeit zu nehmen und auf die Figuren zu gucken in diesen Momenten, ist ein großer Pluspunkt für diesen Film. Das ist hier sehr gelungen. Dadurch hat der Film auch immer wieder Ruhepunkte, die ganz wichtig sind.

Sie haben mit Mark Schlichter schon zusammen gearbeitet und unter anderem mit ihm den Bayerischen Fernsehpreis erhalten. War er für Sie ein Wunschkandidat als Regisseur?
Ich habe mir sehr gewünscht, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten, weil ich mit ihm schon einmal eine Arbeit für das ZDF gemacht habe. ?Rote Glut?, das war der Film, für den wir den Bayerischen Fernsehpreis bekommen haben. Das war eine Umsetzung, bei der ich mich als Autor gut aufgehoben gefühlt habe. Dieses Mal war das auch wieder der Fall, dass ich mich als Autor richtig verstanden fühlte und meine Geschichte auch entsprechend umgesetzt sah. Das ist eine Sache, die sich immer erst in der Zusammenarbeit beweist, und bei Mark Schlichter hat das jetzt in beiden Fällen gut funktioniert.

Können Sie in Worte fassen, warum das so ist, warum das für diesen Tatort für Sie so wichtig war?
Die Umsetzung ist für einen Autor immer wichtig. Das ist wie im Leben, man findet Menschen, mit denen man auf einer Wellenlänge liegt, und man findet eben auch Regisseure, wo man alles genau bespricht und man glaubt, alles verstanden zu haben, und doch sieht man es am Schluss anders. Es wird einfach anders umgesetzt. Es gibt aber auch die Glücksfälle, wie hier mit Mark Schlichter, wo man unter den gleichen Bezeichnungen auch das gleiche versteht. Entsprechend konnte er das umsetzen und entsprechend konnte er auch das Drehbuch so verstehen, wie ich es geschrieben habe. Wir haben uns gar nicht groß abstimmen müssen, wie man nun genau ins Detail geht oder welche Bedeutung man unter Begriffen, wie Emotion oder Spannung versteht. Das war einfach klar, da musste man gar nicht groß drüber reden.

Warum sind Sie abschließend so glücklich mit dem Ergebnis?
Ich bin mit dem Ergebnis deshalb glücklich, weil alle Figuren, die ich geschrieben habe, in der Form ernst genommen wurden, wie ich sie mir vorgestellt habe. Sie wurden ernst genommen in ihren Zweifeln und ihren Emotionen. Ich bin glücklich, weil der Film eine Bildsprache gefunden hat, die meinen Vorstellungen nicht nur nahe kommt, sondern sie in vielen Punkten sogar übertrifft. Es wurden Bilder gefunden, die es noch mehr verdeutlichen konnten, als ich es eigentlich in meinem Buch klar machen konnte. Ich bin glücklich, weil die Regie eine Art und Weise gefunden hat zu inszenieren, die einfach eine Spannung erzeugt. Ich glaube, dass man wirklich sehr schön durch den Film geführt wird ? bis zum Schluss.

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