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Heute ist der: 23.09.2019. --> Bis heute wurden 1117 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Gespräch mit Anna Schudt

?Die Szenen, in denen ich allein bin, haben mich besonders fasziniert?

Trotz Ihres Allerweltsnamens Kathrin Schulz ist Ihre Figur in diesem ?Tatort? alles andere als unauffällig. Stellen Sie uns doch diese Frau bitte vor!
Kathrin Schulz ist berufstätig, Mutter, ständig auf dem Sprung zwischen Karriere und Familienleben. Sie ist sehr straight, geradeaus, erfüllt nach dessen Tod sehr konsequent einen Auftrag ihres Vaters, ist getrieben vom Verantwortungsbewusstsein ihrem Vater gegenüber. Was sie anpackt, zieht sie auch durch ? eine mutige Frau.

Ihre erste Szene im neuen ?Tatort? gehört zu den klassischen Momenten im Krimi: Der Kommissar übermittelt die Todesnachricht.Wie haben Sie diese wichtige Situation gespielt?
Es ist eine Übersprungshandlung. Es findet kein Zusammenbruch statt.Kathrin Schulz hatte zwar ein distanziertes Verhältnis zu ihrem Vater. Dennoch ist es eine wichtige Nachricht, dass er ermordet wurde. Sie ist geschockt. Es sickert allerdings erst langsam bei ihr durch. Mir lag daran, diesen großen Schmerz nicht direkt zu zeigen, sondern zu übersetzen. Die seelische Wunde blutet hier im Off, und das bedeutet: in der Vorstellung des Zuschauers. Und sie wird während des ganzen Filmes nicht heilen, sie schmerzt bis zur 90. Minute. So lasse ich Raum für Projektionen, statt dem Zuschauer nur die Möglichkeit zu geben, dieses Trauergefühl zu konsumieren. Das kann er auch, wenn er Talkshows anschaut. Dazu muss er keinen ?Tatort? sehen.

Der Ermordete hat seiner Tochter kurz vor seinem Tod brisantes Material übergeben.Warum verheimlicht sie der Kripo zunächst diese Tatsache ? will sie selbst mit der Story groß rauskommen?
Nein. Es ist allerdings brisantes Material, und es sind Kontakte zu Informanten, die schnell in Lebensgefahr geraten könnten.Kathrin Schulz fürchtet, dass die Kripo eher die Aufklärung über schmutzige Geschäfte verhindert, als dass sie ihr dabei zur Seite steht. Sie ist zunächst davon überzeugt, dass sie die Mission ihres Vaters allein besser vollenden kann als mit Hilfe von Kommissar Casstorff.

Doch Ihr Redaktionsleiter warnt, dass Rache nie ein gutes Motiv sei ? hat er Recht?
Er hat Recht, aber Kathrin sieht das anders. Ihr geht es weniger um die Vergeltung als um Gerechtigkeit. Sie will aufdecken, dass Alexander Radus Clan Hamburgs höchste Gesellschaftskreise in der Hand hat. Sie will sich nicht rächen, sie will den Auftrag zu Ende führen, den ihr Vater ihr übergeben hat. Damit würde sie natürlich auch als Journalistin berühmt werden ? aber daran verschwendet sie keinen Gedanken.

Erst als kriminelle Handlanger in Kathrins Wohnung und zu ihrer Tochter vordringen, erkennt sie die Gefahr, in der sie schwebt.Verhält sie sich für eine TV-Journalistin nicht ausgesprochen fahrlässig?
Ja, sie verdrängt die Gefahr, sie kann und will sich nicht vorstellen, welche Gefahren ihr und ihrer Tochter drohen. Außerdem ist sie so auf ihr Ziel fixiert, dass sie alles andere nicht mehr sieht.

Welche Szenen waren für Sie als Darstellerin die spannendsten bei diesem Hamburger ?Tatort??
Ihr Ziel fest vor Augen, überlegt Kathrin immer wieder, wie sie Radu bloßstellen und entlarven kann. Seltsamerweise haben mich gerade diese Szenen, in denen ich allein bin, in denen Kathrin niemanden um sich hat, besonders fasziniert und schauspielerisch gereizt ? auch der Schock-Moment, als in ihrer Wohnung plötzlich der Fernseher in die Luft fliegt gehört dazu. Zum Glück war ich beim Dreh dieser Explosion nicht im Raum.Viele dieser oft wortlosen Szenen bereichern diese Figur. Mir gefällt es,wenn nicht alles ausgesprochen und aus diskutiert wird,was sie jetzt gerade denkt. Das hatmir schon gefallen, als ich das Drehbuch gelesen habe.

Hat Sie beim Lesen des Drehbuchs von Christoph Silber und Thorsten Wettcke auch die Grundidee dieses ?Tatorts? überzeugt ? dass ein Clan von Wirtschaftskriminellen die Mächtigen einer Stadt so komplett korrumpiert und den Rechtsstaat so aushebelt, dass er treiben kann,was er will?
Nicht nur unsere Geschichte, auch der Schluss dieser Geschichte ist sehr nah dran an der Wirklichkeit.

Kurz vor dem Finale treffen Sie zusammen mit Robert Atzorn, der den Kameramann mimt, den entscheidenden Informanten, der vor Ihrer Kamera auspackt. Eine besondere Szene?
Für die Geschichte ist es einer der Höhepunkt, von der Machart her läuft diese Szene völlig unspektakulär und ohne großen Aufwand ab. Gerade diese Paradoxie gefällt mir daran: wenig Spektakel,große Intensität. Beim Drehen war es allerdings heiß und eng.

Sie hatten bis vor kurzem eine durchgehende Rolle in der TV-Serie ?Der Kriminalist?. Haben Sie sich damit für diesen ?Tatort?-Gastauftritt empfohlen?
Es ist etwas komplett anderes, ob man dauerhaft in einer Serie spielt. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass eine durchgehende Serienrolle doch nicht das Richtige für mich ist. Episodenrollen liegen mir mehr, engen mich nicht so ein. Als Ko-Ermittlerin neben Christian Berkel gehörte ich zwar zu den Hauptfiguren, bekam aber von Buch und Regie weniger darstellerisches ?Futter? als die Episoden-Mitstreiter als Verdächtige und Täter.

Auf der Theaterbühne sind Sie bereits ein gefeierter,preisgekrönter Star mit großen Klassiker-Hauptrollen wie Schillers ?Maria Stuart?. Fühlen Sie sich denn jetzt, bei einer Gastrolle im ?Tatort?, so wie ein Tischlermeister, der noch einmal eine Lehrlingsarbeit abliefern soll?
Nein, überhaupt nicht. Fertig und ausgereift bin ich als Schauspielerin zu keinem Zeitpunkt meiner Laufbahn. Außerdem lerne ich nicht nur auf der Bühne für den Film, sondern auch umgekehrt. Denn bei Film und Fernsehen kommt es darauf an, dass die Kamera quasi ins Innere der Figur blickt, die ich gerade spiele ? und nicht an der Außenfassade hängen bleibt.

Das würde den Fernsehzuschauer kalt lassen, oder?
Ja, ich muss ungeheuer persönlich sein vor der Kamera. Im Theater muss ich dieses persönliche Spiel ebenfalls beherrschen ? und zugleich in oft große, ausladende Bühnengesten übersetzen ? ein schwieriger Balanceakt.

Eine Ihrer ersten TV-Auftritte hatten Sie vor fünf Jahren im ARD-Ehedrama ?Im Chaos der Gefühle? als jüngere Geliebte von ?Polizeiruf 110?-Star Edgar Selge.Wissen Sie noch,was Sie an dieser Rolle angesprochen hat?
Vor allem die Chance, meine Angst vor der Kamera zu überwinden. Denn mit Edgar Selge und mit Franziska Walser, die hier ebenfalls mitwirkt, hatte ich kurz zuvor zusammen Theater gespielt ? übrigens in einer nahezu identischen Konstellation,im Wedekind-Drama ?Musik?. Das hielt ich für ein gutes Omen ...

... und Sie lagen richtig mit Ihrer Prophezeiung. Fernsehund Kinoregisseure wurden immer häufiger auf Sie aufmerksam. Vor zwei Jahren drehten Sie sogar Ihren ersten Kinofilm: Christian Petzolds düsteres Kinodrama ?Gespenster?, das auf der Berlinale lief.Kurz darauf folgte die ?Winterreise? mit dem Kino- und Theaterschwergewicht Josef Bierbichler und Hanna Schygulla, einst Muse von Rainer Werner Fassbinder ...
Beide Filme waren sehr spannend, weil beide Regisseure große Visionen hatten. Bierbichler habe ich schon immer bewundert, eine Institution, ein ganz Großer seiner Zunft. Christian Petzold gehört zu den großen Regisseuren, die mit großer Leidenschaft ihr Ziel verfolgen.


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