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Heute ist der: 18.11.2019. --> Bis heute wurden 1122 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Filmkritik

Die Ohnmacht und Übermacht der Medien

Der einst erfolgreiche Journalist des Polit-Magazins ?Investigativ? wird im Gerichtsgebäude Opfer eines brutalen Mordes. Von mehreren Kugeln getroffen stirbt Gregor Schulz quasi direkt unter den Augen Justitias. Unmittelbare Zeugin der Tat ist auch die Staatsanwältin Wanda Wilhelmi.

Geschockt von den Ereignissen verlässt sie den Tatort und ist zunächst zu keiner Aussage bereit. Trotz ihrer Befangenheit kommt der leitende Oberstaatsanwalt Wandas Bitte nach, ihr die Verantwortung in diesem Fall zu übertragen.

Holicek (Tilo Prückner) in der Spielothek. Bild: NDR/Christine Schroeder

Verwirrung statt Spannung

Die polizeilichen Ermittlungen des Teams um Jan Casstorff laufen in alle erdenklichen Richtungen und wirken zunächst zusammenhanglos. Die Fülle der Spuren, Hinweise und Fährten, denen Holicek und Casstorff nachzugehen haben, ergeben ein beachtliches Gewirr aus Handlungssträngen. Das Drehbuch setzt damit auf Verwirrung statt Spannung. Eine durchaus legitime Praxis bei der Genialität mit der ein geradezu aberwitziges Konstrukt erzeugt wird, welches Spekulationen über den Cousin ersten Grades des Hauptverdächtigen, dem die Reinigungsfirma gehört, die das Kommissariat putzt,..... plausibel erscheinen lässt! Dass sich dieser gordische Knoten am Ende lösen lässt und dem Zuschauer schonungslos ein mehr als überraschendes Ende präsentiert, ist ein wahrer Geniestreich.

Das eigentliche Thema dieser TATORT-Folge ist jedoch eine bemüht differenzierte und vielschichtige Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien. So wird einerseits die Ohnmacht der Medien gegenüber dem schmierigen Alexander Radu thematisiert. Dieser gilt in höchstem Maße als korrupt und ist mit seinem gigantischen Bauvorhaben am Hamburger Hafen und den damit verbundenen Schmiergeldaffären sicherlich als eine Anspielung auf Ereignisse der Hamburger Lokalpolitik zu sehen. Anhand eines prall gefüllten Ordners mit einstweiligen Verfügungen und Unterlassungsklagen wird dem Zuschauer eindrücklich vor Augen geführt, dass die ?Investigativ?-Redaktion fast schon der Zensur unterliegt.

Sichten des geplanten Berichts: Wanda Wilhelmi (Ursula Karven), Jan Castorff (Robert Atzorn), Kathrin Schulz (Anna Schudt) und ein Mitarbeiter (Bernd Stegemann). Bild: NDR/Christine Schroeder

Keine Beschönigung der Medienmacht

Andererseits wird auch die Macht der Presse nicht beschönigend dargestellt. Die Angst durch eine diffamierende Berichterstattung (vor)verurteilt zu werden ist bei den Protagonisten dieser Folge allgegenwärtig. So fürchtet nicht nur Alexander Radu die verunglimpfende Wirkung der Presseberichterstattung, sondern auch Wanda Wilhelmi, die Gefallen an Radu findet und sich in Folge dessen privat mit ihm trifft, läuft Gefahr Opfer von Paparazzis zu werden.

In welchem Maße sich der Einfluss der Presse auch instrumentalisieren lässt, zeigt das Beispiel eines Spielkasinobesitzers, welcher mit Radu um eine Lizenz konkurriert. Dass sich die Vertreter der Redaktionen ihrer Macht durchaus bewusst sind, wird deutlich herausgestellt. Als Wanda und Jan der ?Investigativ?-Redaktion einen Überraschungsbesuch abstatten, steht die Drohung eines einseitigen Beitrages zum Thema polizeilicher Willkür und Verletzung von Pressefreiheit sofort im Raum.

Castorff (Robert Atzorn) und Holicek (Tilo Prückner) wollen Radu sprechen. Bild: NDR/Christine Schroeder

Opfer der eigenen Kampagne

Exemplarisch wird die ambivalente Position der Medien anhand eines Fotos aufgezeigt, auf welchem Alexander Radu wenige Minuten vor den tödlichen Schüssen zusammen mit dem Mordopfer zu sehen ist. Da der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch kaum zu entscheiden vermag, ob es sich dabei um eine frühzeitige Demontage und Verleumdung Radus handelt, oder dessen Bemühungen das Foto zu zensieren gerechtfertigt sind, findet an dieser Stelle eine gelungene Diskussion des Themas statt.

Interessant, perfide und äußerst geglückt ist auch die Darstellung des Opfers Gregor Schulz. Als sein erklärtes Ziel, Alexander Radu bewusst mit den Machtmitteln der Medien zu schaden scheiterte, wurde er selbst das Opfer seiner eigenen Kampagne und als Journalist unglaubwürdig. Mit dem Wissen der Lösung dieses Falles bekommt vor allem Gregor Schulz? Schicksal eine Dimension, die diesen TATORT zu einem besonderen Highlight avancieren lässt.

Casstorff (Robert Atzorn) als Kameramann und Kathrin Schulz (Anna Schudt) interviewen eine wichtige "Quelle" - Hadrian (Peter Benedict). Bild: NDR/Christine Schroeder

Fehlplatziert: Leni Riefenstahl

Nicht einzusehen ist allerdings, warum ausgerechnet Leni Riefenstahl im Zusammenhang der behandelten Thematik nebenbei ? und sehr unreflektiert ? durch einen Kommentar, der ausgerechnet Alexander Radu in den Mund gelegt wird, ins ?rechte Licht? gerückt werden soll. Leni Riefenstahl als Opfer der Medien auszuweisen kann der Komplexität der Diskussion um ihre Person keinesfalls gerecht werden. Da in diesem TATORT auffallend viel Wert darauf gelegt wurde, sowohl Sachverhalte als auch Charaktere niemals einseitig anzulegen, ist die Sonderstellung, die der umstrittenen Filmemacherin hier eingeräumt wird, nicht zu akzeptieren?

Auf ästhetischer Ebene erzeugt die symbolische Überfrachtung einiger Szenen einen Pathos, welcher die sonst sachliche und differenzierte, kritische Aussage der Folge schmälert. So wirkt Wandas panischer Versuch ihre blutbefleckte, weiße Bluse rein ? und damit ihre Schuld abzuwaschen wenig überzeugend. Auch die Bedeutung, die Justitia als Verkörperung der Gerechtigkeit zu Teil wird, wirkt eher überzogen ? inszeniert als übertrieben tragischer Moment verliert dieses Bild seine Aussagekraft.

Joachim Manteufel (Sven Pippig) übergibt dem Journalisten Jürgen Gebauer (Bernd Stegemann) die Negative. Bild: NDR/Christine Schroeder

Hohes Maß an Glaubwürdigkeit

Dass schlussendlich nach 90 Minuten Fernsehkrimi dem Zuschauer keine wiederhergestellte, heile Welt präsentiert werden kann, verleiht der Folge ?Investigativ? ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und macht sie zu einem ernstzunehmenden medienkritischen Beitrag. Die Fehlbarkeit der Instanzen ? allen voran der Medien, der Justiz und auch des Polizeiapparates, trägt zu einem überzeugenden Abbild der (Medien-)Welt in der wir uns informieren und leben bei. Hier siegt die Gerechtigkeit ? dargestellt als fast schon überkommener Wert - längst nicht mehr. Selbst wenn sie, wie in diesem Fall, zumindest auf bildlicher Ebene, die Wahrheit kennt.

Der Überraschungseffekt, mit dem diese Folge abschließt, überträgt die ausweglos scheinende Macht- und Fassungslosigkeit der Protagonisten auf äußerst raffinierte und perfide Weise auf den Zuschauer und lässt diesen an seinem Urteilsvermögen zweifeln. Denn wer kann schon beurteilen, welcher Skandal durch die nächste Programmänderung vertuscht werden soll??


Katharina Gamer


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