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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das ?TATORT-Gespräch? mit Kerstin Ramcke und Martina Mouchot

"Unser Format hat eingeschlagen"

Produzentin Kerstin Ramcke und Drehbuchautorin Martina Mouchot über Frauen am TATORT, den großen Quotenerfolg der TATORTe mit Maria Furtwängler, die Weiterentwicklung der Figur Charlotte Lindholm und Schlussfolgerungen aus Zuschauerreaktionen

Drehbuchautorin und Drehbuchautorin Martina Mouchot (links) und Produzentin Kerstin Ramcke (beide von Studio Hamburg), Bild: tatort-fundus/tg

Beim Fernsehkrimi-
Festival 2007 in Wiesbaden war der NDR-TATORT ?Pauline? als einzige Folge der Reihe für den in der Branche äußerst begehrten Fernsehkrimi-Preis nominiert, ausgezeichnet wurde er jedoch nicht. Im Rahmen des Festivals sprach Tobias Goltz für den tatort-fundus mit Kerstin Ramcke und Martina Mouchot von Studio Hamburg, das die NDR-TATORTe produziert. Ramcke, deren Karriere bei Studio Hamburg 1993 als Producerin begonnen hat, ist verantwortliche Produzentin der NDR-TATORTe mit Maria Furtwängler, Robert Atzorn und Axel Milberg. Martina Mouchot ist als Producerin für den Kieler TATORT tätig. An der Entwicklung des Konzeptes und der Figur Borowski war sie erheblich beteiligt. Darüber hinaus hat sie die Drehbücher zu den Lindholm-TATORTen ?Märchenwald? und ?Pauline? geschrieben.

Frau Ramcke, die anwesenden TATORT-Teams beim Fernsehkrimifestival 2007 bestehen ausschließlich aus Frauen. Das ist charakteristisch für die aktuelle Situation: Viele Frauen haben es beim TATORT in verantwortliche Positionen geschafft. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ramcke: Ich denke, es ist einfach ein Zug der Zeit. Generell sind in den letzten zehn, fünfzehn Jahren viele Frauen in diese Jobs gekommen. Sie sind auch erfolgreich gewesen: Ob nun als Dramaturgen, Producer oder Stoffentwickler. Aber dass es hier nun nur Frauen sind, ist sicherlich auch Zufall. Doch es fällt tatsächlich auf: Es werden immer mehr. Früher war dieser Bereich extrem männerdominiert. Vielleicht müssen wir jetzt bald eine Männer-Quote beim TATORT einführen.

Der NDR-TATORT mit Maria Furtwängler ist quotenmäßig der erfolgreichste innerhalb der gesamten Reihe, erreicht regelmäßig zwischen 9 und 10 Millionen Zuschauer. Was macht den großen Erfolg aus?
Ramcke: Einerseits hat Maria Furtwängler natürlich eine sehr hohe Prominenz. Sie ist ein ganz klarer Einschaltfaktor und sowohl bei Männern als auch bei Frauen sehr beliebt. Auf der anderen Seite glaube ich auch, dass unser Format eingeschlagen hat, dass Maria Furtwängler ihre Rolle sehr überzeugend spielt. Und dass generell das Genre des Land-Krimis sehr erfolgreich ist, das für den TATORT ja eigentlich eher untypisch ist. Früher war der TATORT in erster Linie in den Großstädten. Heute gibt?s die TATORTe aus Kiel und Münster. Charlotte Lindholm ist jedoch die Einzige die wirklich auf dem Lande ermittelt. Daher hat sie ein gewisses Alleinstellungsmerkmal innerhalb der TATORT-Reihe.

Die Lindholm-TATORTe sind in ihrem Aufbau oft recht ähnlich. Hat sich das Motiv des Dorf-Krimis nicht auch ein wenig abgenutzt?
Ramcke: Nein. Wenn man sich die Filme genau anguckt, sieht man, dass wir uns sehr stark um Variationen bemühen. Es ist nicht immer nur dasselbe. Es gibt nicht nur verschworene Dorfgemeinschaften, die gleichen Typen, die gleichen Figurenkonstellationen. Außerdem hat Lindholm jetzt auch mehrmals in der Stadt ermittelt: Wir waren in Osnabrück, zwei Mal in Hannover, in Lüneburg.

Frau Mouchot, wie wichtig ist Ihnen die Authentizität Ihrer Geschichten?
Mouchot: Klar ist: Ich lasse niemanden an einem Gift sterben, das normalerweise zur Gesundheit beiträgt. Wenn ich einen Fall im Schrebergarten-Milieu ansiedele, dann gucke ich mir die Kleingartenordnung genau an. Bei ?Pauline? ging es beispielsweise darum, wie ein Jungfernhäutchen zerstört werden kann. Um das herauszubekommen, habe ich mit einem Rechtsmediziner gesprochen, der mir auch dabei geholfen hat, die richtige Sprache zu finden, um so etwas zu erzählen. In so einem Fall will ich ja nicht einfach irgendetwas erfinden. Wenn es sehr weit in ein Fachgebiet geht, versuche ich immer noch einmal mit einem Experten zu sprechen. Die sind auch immer sehr freundlich und unterstützen einen. Für mich als Autorin eine schöne Art und Weise, um in fremde Gefilde einzudringen.

?Pauline? war Ihr zweiter Lindholm-TATORT, den Sie selbst geschrieben haben. Sonst sind Sie regelmäßig auch als Producerin für die Borowski-TATORTe tätig.
Mouchot: Den Borowski habe ich aus der Taufe gehoben. Wir hatten die Figur ja schon einmal im ?Stahlnetz? erzählt und dann von Hannover nach Kiel versetzt. Axel Milberg erzählt immer, er hat das auf Mallorca erträumt. Ja, der Axel?. Ramcke: Im ?Stahlnetz? war er noch viel verschrobener, ein ganz anderer Typ. Mouchot: Wir haben ihn dann ein bisschen geglättet, obwohl er diese Verschrobenheit immer noch hat. Aber er wird immer weicher. Die Polizeipsychologin leistet schließlich auch gute Arbeit.

Die Borowski-TATORTe werden oft als zu langweilig klassifiziert, die Casstorff-TATORTe als zu düster. Wie begegnen Sie solcher Kritik?
Ramcke: Wir setzen uns natürlich damit auseinander. Im nächsten Schritt muss man genau überlegen, was man daraus schlussfolgert. Bei Casstorff sind wir etwas weicher geworden. Die Liebesgeschichte ist eingeführt worden. Wir haben die Figur etwas verändert. Aber wir haben natürlich auch eine Idee von der Figur und den Hamburger TATORT ganz bewusst so gestaltet. Figuren müssen immer auch Ecken und Kanten haben. Man muss sich an ihnen reiben können. Und da auch bei Casstorff und Borowski immer sieben bis achteinhalb Millionen Zuschauer zugucken, scheint es auch nicht so zu sein, dass niemand etwas damit anfangen kann. Manchmal merken wir auch selbst, dass eine Idee nicht so funktioniert hat, wie wir uns das vorgestellt haben: ?Ein Glücksgefühl? fand ich im Nachhinein zum Beispiel sehr verwirrend. Die Geschichte bestand einfach aus zu vielen Zufällen. Auch wenn das das Prinzip dieses TATORTs war. So würden wir das heute aber nicht noch einmal machen.

Wird teilweise gezielt in Hinblick auf die Quote produziert?
Ramcke: Wir wollen selbstverständlich erfolgreich sein und die breite Masse erreichen. Die Grundvorgabe beim TATORT ist es, über 20 Prozent Marktanteil zu erreichen. Das schaffen wir Gott sei Dank auch wirklich immer. Die Quote ist ganz klar ein Gradmesser von Erfolg. Sicherlich nicht der einzige, aber ein sehr wichtiger.

Wird Lindholm in der nächsten Folge (?Das namenlose Mädchen?, am 15. April der ARD) auch deshalb schwanger, weil es Aufmerksamkeit und eine noch höhere Quote in Aussicht stellt?
Ramcke: Nein. Das haben wir bei den Quoten nun wirklich nicht nötig. Das hat überhaupt nichts damit zu tun.

Welche Idee steckt hinter dieser Weiterentwicklung der Figur?
Ramcke: Die Figur entwickelt sich einfach. Es ist auch so, dass wir in sehr engem Austausch mit Maria Furtwängler stehen. Sie beschäftigt sich sehr intensiv mit der Figur. Sie überlegt immer wieder, wie sich die Figur verändern könnte. Welche neuen Herausforderungen sie haben könnte. Maria hatte die Idee: Sie hat gesagt, sie fände es spannend, den beruflichen Alltag einer allein erziehenden Kommissarin zu erzählen. Weil er ja auch einen gewissen Realismus mit sich bringt. Die Redaktion fand die Idee sofort sehr gut und kam damit dann auf uns als Produzenten zu. Wir haben erst einmal geschluckt. Denn das ist auf produktioneller Ebene nicht so ganz einfach ist. Aber wir fanden es auch interessant. Nun müssen wir sehen, wie wir das Baby Stück für Stück in die Filme einbauen. Das wird eine gemeinsame Arbeit sein, die wir alle noch nicht kennen. Noch ist sie ja schwanger. Das Kind wird erst im Sommer geboren. Das passiert aber nur im Off.

Was ist mit dem Vater?
Ramcke: Den muss es natürlich auch geben. Es wird keine unbefleckte Empfängnis sein. Aber mehr wird noch nicht verraten.

Wie groß ist die Gefahr, dass in Zukunft die Figur Charlotte Lindholm im Mittelpunkt steht, dass mehr die Emotionen der Hauptfigur im Mittelpunkt stehen als der eigentliche Kriminalfall?
Ramcke: Es ist gewollt, dass sie im Mittelpunkt steht. Es ist auch ein Teil des Erfolges. Viele Leute schalten ein, weil sie wissen wollen, wie Charlotte Lindholm an eine Sache herangeht. Das Spezielle ist doch, wie die jeweilige Ermittlerfigur mit einem Fall umgeht. In ihrer Individualität, in ihrer Persönlichkeit. Mal ist sie gut gelaunt, mal ist sie schlecht gelaunt. Das ist das Spannende. Wenn es eine sehr ausgeprägte Ermittlerfigur ist so wie Charlotte Lindholm, interessiert das viele Leute. Wir merken das auch an den Nachfragen der Zuschauer, die an den Sender gehen. Sei es das Äußere wenn Kostüme oder Accessoires nachgefragt werden. Aber auch um Charlotte selbst machen sie sich Gedanken: Als Tobias, ihr Geliebter, erschossen wurde, gab es Riesenzuschriften von Leuten, die das bedauerten. Manche waren am nächsten Tag in der Schule vollkommen unkonzentriert, weil ihnen diese Frau so Leid tat. Man wundert sich, wie persönlich so etwas zum Teil genommen wird. Weil es eben kein neutraler Ermittler ist. Es ist nicht Derrick, der als neutrale Instanz das Recht wieder herstellt. Sondern auch ein Mensch. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein Mensch, der uns interessiert.

Frau Mouchot, Sie haben beim Filmgespräch gesagt, dass Sie in Ihren Drehbüchern immer wieder um das gleiche Thema, Familienverhältnisse, herumkreisen. Warum interessiert Sie das so sehr?
Mouchot: Ich bin auch ein Mensch, der in einer Familie aufgewachsen ist. Ich habe als Autorin das Glück, das, was ich erlebt habe, was auf mich eingewirkt hat, auf diese Weise verarbeiten zu können.

Welche Gefühle wollen Sie beim Zuschauer mit einer tragischen Familiengeschichte wie ?Pauline? auslösen?
Mouchot: Ich will niemandem diktieren, wie der Abend ab 21.45 Uhr verläuft. Es ist schon ausreichend, wenn man gut unterhaltend ist. Wenn man nachher sagen kann, dass man den Leuten nicht ihre Zeit gestohlen hat. Und nicht nur dafür gesorgt hat, dass Kohle auf dem Konto gelandet ist. Wenn darüber hinaus noch etwas geht, finde ich das super. Aber ich bin keine Pädagogin. Bestenfalls gelingt es mir, eine Chronistin zu sein. Dinge darzustellen, wie sie sind und etwas in die Gesellschaft zurückzugeben. So dass sich eine Diskussion darüber entwickeln kann. Aber nicht mit diesem pädagogischen Ansatz. Da hebt man viel zu schnell die Schuldkelle. Das kann auch schnell zu Widerständen führen, wenn die Zuschauer merken, dass ich ihm pastoral etwas anklopfen möchte. Das ist nicht mein Ansatz.

Über das Format des Fernsehkrimis lassen sich heute viele Stoffe und Themen überhaupt erst erzählen. Weil es einen Rahmen gibt, in dem eine Geschichte erzählt wird. Und weil eine bekannte Ermittlerfigur Identifikation schafft.
Ramcke: Das stimmt absolut. Viele Stoffe wären in einem Fernsehspiel leider nicht mehr denkbar. In einem Krimi kannst du eine Geschichte oftmals ganz anders und viel radikaler erzählen als in einem Fernsehspiel. Weil das grundsätzliche Wiederherstellen und der Sicherheit gewährleistet ist. Man ist nicht so allein gelassen. Viele Sender glauben, dass das heutzutage wichtig ist.

Derzeit dreht Angelina Maccarone einen Lindholm-TATORT. Es geht um das Thema Ehrenmorde.
Ramcke: Um Ehrenmorde und um die muslimische Welt. Interessant wird sein, wie Charlotte Lindholm mit so einem Thema umgeht und wie sie sich in diesem Feld bewegt.

Ist es Ihnen wichtig, auch immer wieder neue Regisseure und Autoren hinzuzuziehen, um neue Einflüsse zu bekommen?
Ramcke: Es ist immer beides. Einerseits hat man eine gewisse Kontinuität mit Kollegen, die die Figur gut kennen und weiterentwickeln. Auf der anderen Seite hat man diese neuen Einflüsse. Eine beidseitige Geschichte.

Ist es schwierig, für drei TATORTe innerhalb eines Senders ausreichend gute Stoffe zu finden?
Ramcke: Nein, erstaunlicherweise überhaupt nicht.


Interview: Tobias Goltz / März 2007


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