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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das ?TATORT-Gespräch? mit Dominic Raacke

"Wie die Rolling Stones"

Dominic Raacke über zwei Großstadtkommissare in der Provinz, vorsichtige Redakteure, einen Vergleich mit Comic-Figuren und dass er mit Film-Partner Boris Aljinovic privat nichts am Hut hat

 

Herr Raacke, Sie sind ein bekannter Schauspieler und geben regelmäßig Interviews. Gibt es da eigentlich Fragen, die Ihnen immer wieder gestellt werden?
Raacke: Ja. Es gibt da ein paar frequently asked questions: Sind Sie so wie der, den Sie da spielen? Oder sind Sie ganz anders? Wo liegen die Unterschiede? Die Leute kennen mich ja nur aus dem Fernsehen und sind dementsprechend neugierig?

Nervt es Sie, diese Fragen immer wieder beantworten zu müssen?
Raacke: Nö. Das ist eine Gewohnheitssache. Wenn man viele Interviews gibt, stellt man manchmal selber mit Erschrecken fest, dass man immer wieder die gleiche Antwort gibt. Selbst wenn die Fragen unterschiedlich waren.

Sie müssen ja auch als Kommissar oftmals die gleichen Sätze sagen: Wo waren Sie gestern Abend um 21 Uhr? Wer kann das bezeugen? Widerstrebt Ihnen das? Als Schauspieler liebt man doch die Abwechslung?
Raacke: Mir ist das kürzlich auf extreme Art und Weise aufgefallen, als ich eine Folge der ZDF-Krimi-Serie ?Stolberg? gesehen habe. Jeder Satz, den Rudolf Kowalski sagte, war eine Frage. Es geht also nicht nur TATORT-Kommissaren so, sondern allen Ermittlern. Immer Sätze mit Fragezeichen! Unsere Kunst ist es, das zu verstecken. So dass es nicht jedem gleich auffällt (lacht). Aber man freut sich natürlich auch, wenn man mal was anderes sagen kann. Ohne Fragezeichen hinten dran.

Ist der TATORT denn nach acht Jahren noch eine Herausforderung für Sie?
Raacke: Man muss aufpassen, dass man nicht immer wieder das Gleiche macht. Andererseits ist genau das die Aufgabe. Denn es ist immer dieselbe Figur. Ich habe auch gar keine große Lust, die Figur Till Ritter großartig zu verändern. Schließlich muss es auch einen Wiedererkennungswert geben. Was man nicht vergessen darf: TATORT-Kommissare sind Stehaufmännchen, die am Ende des Films dort sind, wo sie auch am Anfang gewesen sind. Wie kleine Comic-Figuren, die verprügelt werden und im nächsten Bild mit einem Pflaster und einer Krücke herumlaufen und im übernächsten Bild wieder völlig unversehrt sind. Einfach daher müssen wir eine Kontinuität haben. Ganz im Gegensatz zu anderen dramatischen Figuren. Die verändern sich und sind ja eigentlich auch viel spannender. Aus einem, der sich nie etwas getraut hat, wird am Ende des Films ein mutiger Mensch. Was ich möchte, ist, dass Ritter wieder mehr Biss bekommt. Ich finde, der muss wieder cholerischer werden. Ein bisschen härter, bösartiger. Es gilt, die Figur zu justieren, weil sonst einfach auch Dinge verloren gehen. Ritter könnte wieder einmal ein bisschen mehr derjenige sein, der er ursprünglich einmal sein sollte?

Was fehlt ihm derzeit?
Raacke: In ?Dornröschens Rache? ist Ritter super unten. Total reduziert. Das hat zwar auch was. Aber der kommt gar nicht aus sich heraus! Da passiert gar nix! Das möchte ich wieder etwas forcieren. Die Figur muss wieder ein bisschen mehr Dampf bekommen!

?Dornröschens Rache? ist ein außergewöhnlicher Berlin-TATORT. Diesmal ermitteln Ritter und Stark nicht in der Großstadt, sondern in der Provinz. Wie reizvoll fanden Sie das?
Raacke: Ich fand?s super. Wir hatten eine schöne Zeit, weil wir sehr für uns waren, sehr konzentriert arbeiten konnten. Es ist zudem einfach ein schöner Kontrast, dass zwei Großstadtpolizisten jetzt einmal auf dem Land sind, dort in einer abgewrackten Pension unterkommen und eine verschworene Dorfgemeinschaft knacken müssen. Und auch Ritter, der das am Anafang alles scheiße findet, sagt am Ende: War ja gar nicht so schlecht, unser kleiner Ausflug aufs Land. Die Regisseurin Christine Hartmann, witzigerweise eine Bayerin, ist eh super. Mit der haben wir ja schon den TATORT: ?Todesbrücke? gedreht. Auch der spielt in der Provinz. Sie hat ein besonderes Händchen dafür. Es ist kein klassischer TATORT. Es gibt kaum Action, daher mag manch einer vielleicht sagen, der ist nicht spannend genug. Aber ich finde ihn sehr stark von den Bildern und der Atmosphäre. Insofern ist es mal etwas Anderes. Der TATORT darf aber auch mal etwas anders daherkommen.

Fahren Ritter und Stark jetzt öfter aufs Land?
Raacke: Nein, dieser Ausflug bleibt eine Ausnahme. Nicht, weil wir beim Drehen so weite Anfahrtswege hatten (lacht), sondern weil es ja eigentlich das Revier des brandenburgischen Polizeirufs ist.

Mein Eindruck ist, dass Ritter ein wenig aufgegeben hat, gegen Stark anzukämpfen. Wenn Stark zu Ritter sagt: ?Nimm die Füße vom Bett?, macht er das. Stark ist der Dominantere von beiden?
Raacke: Das ist mir jetzt nicht so stark (lacht) aufgefallen? Kann aber sein. Vielleicht habe ich gerade deshalb auch selbst das Bedürfnis, wieder ein bisschen mehr Power rein zu geben. Ich finde, mit dieser Konfrontation, mit der wir mal angefangen haben, könnte wieder etwas stärker gearbeitet werden. In Hinblick auf uns beide ist die erste Folge [?Berliner Bärchen?, d.Red.] nach wie vor die beste. Da haben wir uns ganz schön gefetzt, haben uns überhaupt nicht gemocht. Wir könnten ruhig wieder etwas mehr in Konflikte gehen. Es kann wieder ein bisschen intensiver und härter werden. Ich bin bereit dazu.

Beim Fernsehkrimifestival in Wiesbaden wurden kürzlich die verantwortlichen Sat1-Redakteurinnen für ihre redaktionelle Leistung bei der Mini-Serie ?Blackout ? Die Erinnerung ist tödlich? ausgezeichnet, gewürdigt wurde ihr Mut bei der Realisierung dieses ambitionierten Projekts. Folge dieses Mutes waren extrem schwache Einschaltquoten, die letzten Folgen wurden auf einen Spättermin verschoben. Der TATORT hingegen hat immer sehr gute Quoten. Aber ist man dort auch mutig?
Raacke: Sagen wir mal so: Der TATORT ist auch nach über dreißig Jahren immer noch ein Experimentierfeld. Das Schöne ist, dass jeder Sender seinen eigenen TATORT hat und sie sich untereinander auch unterscheiden dürfen. Es gibt kein standardisiertes Raster, in das alle TATORTe hineingezwängt werden müssen. Gerade weil der TATORT so gute Quoten hat, weil es ein berühmter Sendeplatz ist, und weil es nicht zuletzt auch das Prinzip des Formats ist, kann der TATORT gesellschaftskritisch sein, kann er auch mal ein bisschen unangepasstere Regisseure ranlassen. Dominik Graf hat außergewöhnliche Sachen gemacht. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch die Folge ?Tote Taube in der Beethovenstraße? aus den Siebzigern ein ? von Samuel Fuller, einem harten Ami, der viele Skandal-Filme gemacht hat. Also: Der TATORT darf schon was. Er soll auch was. Er darf schon mal ein bisschen polarisieren. Die Leute sollen ruhig sagen: Das war doch gar kein richtiger TATORT. Ich kann daher die Redakteure nur dazu motivieren, neue Wege zu gehen. Wir in Berlin haben eher vorsichtigere Redakteure. Das liegt aber auch an unserer Historie. Daran, dass der Berliner TATORT vor gar nicht allzu langer Zeit sehr schlecht dastand. Deshalb hieß es damals, als ich 1999 anfing: Wir machen es ab jetzt so wie die Anderen. Ich finde, inzwischen sind wir so etabliert, dass wir uns auch wieder mal ein paar Experimente leisten könnten?

Machen Sie Ihrer Redaktion diesbezüglich Vorschläge?
Raacke: Ja. Ich mache sehr viele Vorschläge. Leider werden die nicht immer angenommen (lacht). Im Moment sitze ich zusammen mit einer Autorin sogar an einer eigenen Geschichte, obwohl ich das eigentlich immer abgelehnt habe, weil ich mit dem TATORT genug zu tun habe. Jetzt bin ich sehr gespannt, ob daraus etwas wird. Was man ja nie weiß! Unsere Redaktion ist manchmal sehr eigen. Berlin ist an sich so ein tolles Feld. Da kann man unheimlich viele großstädtische Geschichten erzählen. Aber nicht alles ist gefällig bei der Redaktion. Manche Themen wollen die gar nicht haben! Ausländerthemen zum Beispiel werden nicht gewollt. Das finde ich total schade?

Warum werden solche Themen nicht gewollt?
Raacke: Weiß ich doch nicht. Vielleicht weil sie Schiss haben? Echt keine Ahnung, warum das so ist. Zum Beispiel dieser Ehrenmord an der jungen türkischen Frau. Das ist ein Fall, den hätte man in einer Stadt, die eine so große Community hat wie Berlin, längst einmal aufarbeiten müssen.

Das macht jetzt der NDR. Der dreht gerade einen TATORT mit Maria Furtwängler mit dem Titel ?Ehrenmord??
Raacke: Ach, guck an! Tja, das hätte ich auch gerne gemacht? Umso bedauerlicher ist es, dass wir das verpennt haben. Das hätten wir machen müssen! Weil es in Berlin passiert ist. Das Thema ist ganz heiß und ganz wichtig. Der TATORT ist dafür bekannt, dass er sich solcher Themen annimmt. Das ist kein CSI, wo es nur um die Technik geht, wie man einen Mörder jagt und ihn überführt. Die große Politik des TATORTs war es immer, ein Spiegel unserer Zeit, unserer Gesellschaft zu sein! Diese Politik muss man weiter verfolgen. Auch wenn man mal ein bisschen Schimpfe kriegt und irgendwelche Politiker sagen: Das hättet ihr jetzt nicht erzählen müssen. Der nächste, den wir drehen, hat auch ein politisches Thema. Es geht um Lobbyismus, um Einflussnahme in der Politik. Die Pharmalobby versucht Leute im Gesundheitsministerium auf ihre Seite zu bringen oder Gesetzt zu verabschieden, die in ihrem Interesse sind. Wir sind also nicht ganz unkritisch! ?Dornröschens Rache? hat keinen so großen gesellschaftlichen Aspekt, auch wenn da die Ost-West-Situation des geteilten Deutschlands mit hineinspielt.

Sind Sie, als jemand, der selbst als Autor tätig ist, besonders kritisch mit den Drehbüchern?
Raacke: Sehr kritisch! Manchmal rege ich mich wahnsinnig auf und setzt mich sehr kritisch mit der Redaktion auseinander. Ich habe aber auch schon mal gesagt: Jetzt machen wir das halt so. Weil es sich auch nicht immer lohnt, sich allzu sehr zu ärgern. Man muss immer wieder einen Weg, einen Kompromiss finden. Ich sage dann immer: Ihr seid, wie ihr seid und ich bin, wie ich bin und irgendwie wollen wir zusammen arbeiten, also müssen wir das gemeinsam hinkriegen. Manchmal habe ich was durchgesetzt, dann auch wieder nicht. Das ist jedes Mal eine neue Verhandlung!

Worum kämpfen Sie?
Raacke: Es geht mir um die Glaubwürdigkeit der Figur. Darum, dass es nachvollziehbar ist. Manchmal lese ich ein Drehbuch und muss mich wirklich ärgern, weil ich denke: Das ist doch gar nicht die Figur! Wieso soll der jetzt so sportlich sein? Ritter ist kein sportlicher Typ! Wenn ein Autor das mal nicht weiß, verstehe ich das ja noch. Aber es läuft immer über die Redaktion! Da wundere ich mich dann schon sehr, weil wir das jetzt schon so lange machen und ich eigentlich denken würde, dass die ihre Figuren kennen.

Inwiefern findet eine Wechselwirkung zwischen Ihnen und Ihrer Rolle statt? Haben Sie Eigenschaften von Till Ritter übernommen?
Raacke: Das Schöne als Schauspieler ist es, ein bisschen was ausprobieren zu können. Im Prinzip bin ich ein ängstlicher Mensch. Aber durch das Ausprobieren gelingt es mir, eine Idee von Gefahr oder von Mut zu bekommen. Ich bin kein cholerischer Mensch. Aber in der Figur kann ich es mal sein. Das ist ein toller Moment, in dem ich mich fürs Leben ausprobieren kann. Ein Gefühl dafür bekommen kann, wie es ist, mal laut zu sein. Mal auszurasten. Es gibt Situationen, die man im Film erleben kann, die man im Leben jedoch nicht erleben muss. Das macht den Reiz aus.

Sie leben in München, während der Dreharbeiten in Berlin wohnen Sie im Hotel. Was für ein Gefühl ist es, wenn Sie zum Arbeiten nach Berlin kommen ? eher eines der Identifikation oder der Fremdheit?
Raacke: Ich bin inzwischen zum Teilzeit-Berliner geworden. Ich drehe sehr viel in Berlin, nicht nur den TATORT, sondern auch andere Filme. Jedes Vierteljahr bin ich da und lebe dann ein etwas seltsames Filmer-Leben. Ein Bohrinsel-Dasein: Man wird eingeflogen und alle Regeln, die sonst gelten, werden ausgesetzt, weil man ab sofort nur noch zum Drehen da ist. Ein normales Leben ist das nicht. Es gibt im Prinzip keine Freizeit. Aber das ist auch in Ordnung, denn ich fahre da ja nicht zum Urlaub machen, sondern zum Arbeiten hin. Wenn man wie wir während der Dreharbeiten innerhalb kürzester Zeit an so viele verschiedene Orte kommt, erlebt man die Stadt natürlich auch noch einmal anders. Vor allem erleben wir diese Orte, wie sie sonst kein anderer erlebt. Wer verbringt schon eine ganze Nacht im Parkhaus? Außer uns wahrscheinlich nur der Parkwächter in seinem Häuschen? Wer verbringt eine Nacht auf einem Hochhausdach oder in einem geschlossenen Supermarkt? Es ist schon extrem spannend, jeden Tag, an Orte zu kommen, die sonst keiner kennt.

Sie sind selbst als Autor tätig, waren mit den ?Musterknaben? sehr erfolgreich?
Raacke (unterbricht): ?aber nur im Fan-Bereich! Im Quotenbereich ? zumindest laut ZDF ? nicht wirklich! Jedenfalls nicht so erfolgreich, dass man es weiter machen würde. Ich finde es ganz wichtig, dass sich die Sender klarmachen, dass es nicht immer nur um Quoten gehen kann. Das ist langweilig! Es geht doch auch ums Image. Und diesbezüglich haben die ?Musterknaben? dem ZDF meines Erachtens nicht geschadet?

Warum ist es Ihnen wichtig, als Drehbuchautor neben der Schauspielerei ein zweites Standbein zu haben? Was treibt Sie an?
Raacke: Es ist aus der Not heraus entstanden. In einer Zeit, in der ich als Schauspieler nichts zu tun hatte. Es ist dann ganz gut angelaufen? Nur Film- und Fernsehschauspieler zu sein, geht natürlich auch. Aber man macht sich dann sehr abhängig von der Außenwelt. Man muss immer darauf warten, dass jemand auf dich zukommt und einen Film mit dir machen will. Außerdem ist Schreiben einfach ein wunderschöner kreativer Prozess, der im Gegensatz zum Drehen sehr intim ist. Am Set sind so viele Menschen und es gilt das durchzusetzen, was sich die Anderen ausgedacht haben. Das ist wie Krieg! Schreiben hingegen ist wie ein göttliches Spiel. Eine Welt zu kreieren, Figuren leben oder sterben zu lassen, macht mir große Freude.

Woran arbeiten Sie gerade?
Raacke: Ich arbeite parallel an fünf bis sechs Projekten. Weil ich gesehen habe, wie viel Zeit es braucht, um ein einziges zu realisieren. Wir haben ?Um die 40? geschrieben. Das hat drei Jahre gedauert und wurde am Ende doch abgeschossen. Wenn man eins nach dem anderen machen würde, würden so viele Jahre vergehen, ohne dass etwas dabei heraus kommen würde. Jetzt habe ich eine andere Taktik und stoße gleichzeitig mehrere Sachen an. Aber man muss aufpassen, dass die nicht alle nur vor sich hindümpeln, sondern dass man das Eine oder Andere auch richtig anschiebt und in Gang setzt.

Wenn man sich die Palette der TATORT-Kommissare ansieht, fällt auf, dass viele Ermittlerduos auch privat eng befreundet sind. Sie und Ihr Partner Boris Aljinovic betonen hingegen immer wieder, dass nach Drehschluss jeder seinen eigenen Weg geht?
Raacke: Wir haben nichts miteinander zu tun! Wir sind wie die Rolling Stones, die sich das ganze Jahr über nicht sehen und dann auf die Bühne gehen und Rock?n Roll machen. Wir wissen den Rest des Jahres nicht, was der Andere macht.

Wie sieht?s denn während der Dreharbeiten aus? Kein gemeinsames Feierabend-Bier, kein privates Gespräch?
Raacke: Nö. Das gibt?s bei uns nicht. Das heißt, es gab da eine kleine Tradition. An einem der drei, vier Tage, an denen wir im Polizeipräsidium gedreht haben, sind wir immer in die Bar gegenüber gegangen. Einmal. Als einziges festes Ritual. Da haben wir dann auch ein Bierchen getrunken. Oder fünf. Oder sechs. Oder noch mehr.

Und auch miteinander geredet?
Raacke: Ja. Aber auch da meistens nur über den Job. Wir haben privat einfach nichts miteinander am Hut. Das ist einfach so. Das ist nicht erzwungen, das ist so gekommen. Es ist aber auch nicht schlimm. Warum muss ich jetzt mit Boris ein dicker Freund sein? Brauch ich nicht. Braucht er auch nicht. Es hätte sich natürlich auch ergeben können. Es gibt andere, mit denen bin ich?s. Es gibt auch andere TATORT-Kommissare, die total buddymäßig sind. Die Münchner, die Kölner. Aber wir haben offensichtlich nicht die richtige Chemie dafür. Solange es im Film einigermaßen klappt?

Wie wichtig ist es, ihrer Rolle als Kommissar mit ganz anderen Rollen wie der des gnadenlosen Karriere-Anwalts in ?Blackout? etwas entgegenzusetzen?
Raacke: Sehr wichtig. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es gut ist, so unterschiedliche Rollen zu spielen. Manchmal denke ich, man muss dem Zuschauer eine Figur bieten, weil die Identifikation dann höher ist. Weil der Zuschauer das erwartet. Aber ich mache es ja auch nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für mich. Die Lust andere Rollen zu spielen, ist einfach zu groß.

Till Ritter sagt im Film: ?Als Kind hat man noch viele Träume?? Was für Träume hatten Sie als Kind? Welche davon haben sich verwirklicht, welche nicht?
Raacke: Naja, es gab die klassischen Kleinkinderträume. Ich wollte Astronaut werden. Bin ich nicht geworden! Dann wollte ich wie Walt Disney Tierfilme machen. Oder Zeichentrickfilme. Hat auch nicht geklappt? Sie merken schon, ich habe den Film immer sehr geliebt. Und das habe ich dann auch realisiert. Wenn ich heute mit meinem Kumpel Ralph Huettner schreibe, dann ist das ganz nah dran an dem, was ich schon als Zwölfjähriger mit meinen Kumpels Fritz und Peter gemacht habe, als wir damals kleine Filme gedreht haben. Dieses Arbeiten ist meiner Kindheit ganz nah?

Welcher war der erste TATORT, den Sie gesehen haben?
Raacke. Das war wahrscheinlich einer der ersten. Ich bin ja schon so alt, dass ich die frühen Folgen mitbekommen habe. Ob es nun ?Taxi nach Leipzig? war? Weiß ich nicht mehr genau. Ich kann mich an die Trimmel-TATORTe erinnern. Besonders cool war auch der Zollfahnder Kressin, der kurz vor Schimanski eine Männlichkeit, einen gewissen Sex-Appeal in die Reihe eingebracht hat. Bis dato gab?s im deutschen Krimi sonst nur Beamte. Dieser Playboy-Typ, der einen etwas anderen Lebensstil hatte, war damals etwas vollkommen Neues. Und Schimanski natürlich. Wie ein Brecher kam der da durch den Bildschirm gesprungen. Das war schon sehr prägend. Eigentlich war es eine amerikanische Figur. Und mir, sozialisiert von amerikanischen Filmen, hat das natürlich besonders gut gefallen. Mein erster TATORT war 1984 ja sogar ein Schimanski?

Die Figur Schimanski feiert in diesem Jahr ihren 25. jährigen Geburtstag. Auf wie viele Jahre kommt Till Ritter?
Raacke: Mindestens auf genauso viele (lacht). Das Rentenalter geht ja hoch. Ich bin jetzt? (überlegt) 48. Knapp zwanzig Jahre hätte ich noch, dann hätte ich ihn überholt. Wenn man mich nicht rausschmeißt und sagt: Jetzt reicht?s mal mit dem alten Meckerbock.

Gründe für Sie, aufzuhören, gibt es nicht?
Raacke: Gucken Sie sich mal an, wie es in der deutschen Fernsehlandschaft aussieht! Seinen Job als TATORT-Kommissar aufzugeben, wäre schon arg fahrlässig. Klar, kann man machen. Hat ja auch was. Es wäre ein ziemlich mutiger Schritt, wenn ich sagen würde: Ich geh? jetzt! Als Edgar Selge mir vor kurzem erzählte, dass er beim Polizeiruf aufhört, war ich baff. Ich hab ihn gefragt: Warum hörste denn auf? Und er darauf: Weil die Figur auserzählt ist. Das ist natürlich oberstes Niveau. Aber hallo! Hut ab!

Wenn man es sich leisten kann? Aber wer verzichtet schon gerne auf die Sicherheit, die man mit einer solchen Rolle hat, weil man weiß, dass man in jedem Fall zwei Filme pro Jahr machen kann?
Raacke: Es ist weniger die Sicherheit. Es ist zwar schön die zu haben. Aber das ist gar nicht so sehr das Problem. Ich bin kein besonders auf Sicherheit bedachter Mensch. Ich bin durchaus risikobereit. Der TATORT ist einfach zu anspruchsvoll. Immer super Regisseure! Immer die besten Schauspieler Deutschlands! In 98 Prozent der Fälle kriegst du den Schauspieler, mit dem du zusammenarbeiten möchtest. Und auf Grund der Popularität, die ich als TATORT-Kommissar habe, öffnen sich für mich auch andere Türen.


Interview: Tobias Goltz / März 2007


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